WÜRZBURG

Lucke geht von Bord: AfD-Austritte auch in Unterfranken

Bernd Lucke       -  Der Gründer der Alternative für Deutschland hat am Abend seinen Parteiaustritt bekanntgegeben.
Der Gründer der Alternative für Deutschland hat am Abend seinen Parteiaustritt bekanntgegeben. Foto: Maja Hitij (dpa)

Bernd Lucke tritt aus der Alternative für Deutschland (AfD) aus. Das kündigte der 52-Jährige am Mittwochabend in Straßburg an. Über die mögliche Gründung einer neuen Partei habe er noch nicht entschieden, erklärte der Europaabgeordnete. Er hatte am Wochenende die Wahl zum Parteichef gegen die bisherige Co-Vorsitzende Frauke Petry aus Sachsen verloren, die dem national-konservativen Lager angehört. Beobachter werten das als einen massiven Rechtsruck. Lucke hatte in der AfD eher liberal-konservative Ansichten vertreten und sich vor allem mit Wirtschaftspolitik und Kritik am Euro beschäftigt.


Auch in Bayern und Unterfranken geht nach dem Bundesparteitag in Essen nun ein tiefer Riss durch die AfD. So verließen bereits mehrere Funktionäre die Partei, noch mehr kündigten diesen Schritt an. „Am Wochenende wurde die AfD, für die ich mich einmal begeistert habe, zu Grabe getragen“, sagt etwa der Würzburger Kreisvorsitzende Frank Hillgärtner. Die neue Parteispitze gehe in eine Richtung „mit der ich mich nicht mehr identifizieren kann.“ Andere unterfränkische AfD-Chefs dafür offenbar umso mehr. Doch die wollen mit der Presse bis auf weiteres nicht mehr sprechen.

Am Dienstagabend informierte der unterfränkische Bezirksvorsitzende Gottfried Walter die Redaktion auf Nachfrage über einen Beschluss des Bezirksvorstands, keine Stellungnahme zur neuen Lage der AfD abzugeben. In verschiedenen Facebook-Einträgen machen die Mitglieder des Gremiums um Walter aber deutlich, dass sie die Entwicklung begrüßen. Dennoch wäre es interessant zu erfahren, wie Walter etwa zu der Aussage, die AfD sei „auch eine Pegida-Partei“, steht, wie der nordrhein-westfälische AfD-Chef und Petry-Vertraute Marcus Pretzell in Essen betonte. Walter hatte sich zuletzt von der Bewegung distanziert.

Dafür reden andere. Christoph Noack zum Beispiel, früher Beisitzer im Kreisverband Würzburg und bis zuletzt parlamentarischer Berater der AfD-Fraktion im sächsischen Landtag. Seine Mitarbeit in der von Frauke Petry geführten Fraktion habe er am Samstagabend – noch während der Parteitag lief – gekündigt, sagt er. Die AfD will er verlassen. Oder Tilman Matheja, einst Kreisschatzmeister in Würzburg und beim Parteitag in der Wahlkommission. „Ich habe keine Heimat mehr in einer Partei, die sich radikalisiert und vom demokratischen Diskurs verabschiedet hat“, erklärt er.

Besonders störte ihn die teils aggressive Stimmung beim Parteitag. So wurde Luckes Rede von Buhrufen gestört, als er auf Muslime zu sprechen kam, skandierten mehrere „Ausweisen!“. Anwesende berichten zudem übereinstimmend von „Petry-heil-Rufen“ und Pöbeleien gegen Lucke-Anhänger.

Der AfD-Kreisverband Kitzingen/Schweinfurt, dessen Vorsitzender Walters dritter Stellvertreter Christian Klingen ist, spricht auf Facebook dennoch von einem „konstruktiven und geordneten Versammlungsablauf“. Der neue Bundesvorstand vertrete „die Interessen aller unserer Mitglieder.“ Das sehen nicht alle so. „Wir sind im Kreisverband Aschaffenburg nicht glücklich mit der Situation. Es wird auf jeden Fall Austritte geben“, erklärt Kreisvorsitzender Jörg Wolf.

Er spricht damit ein Thema an, das auch Petry beschäftigt: In einer E-Mail hat sie die Parteimitglieder zum Bleiben aufgerufen – obwohl es in den vergangenen Tagen hieß, die befürchtete Austrittswelle sei ausgeblieben. Doch alleine in Bayern sind seit dem Parteitag bereits mindestens 150 der knapp 3000 Mitglieder ausgetreten. Und dem Vernehmen nach folgen noch mehr: Viele Landes, Bezirks- und Kreisverbände beraten erst noch.

Die unterfränkische Bezirksvize Nadja Stafl kann den Austritten indes offenbar aber etwas Gutes abgewinnen: „Die Ratten und die bezahlten Verräter sind von Bord!“, jubelte sie auf ihrer öffentlich zugänglichen Facebook-Seite und spricht von einer „Reinigung“.

Welcher Stil und was für eine Politik von der AfD in Unterfranken künftig zu erwarten ist, bleibt abzuwarten. Einen ersten Eindruck hätte die Bezirksmitgliederversammlung am 19. Juli in Karlstadt (Lkr. Main-Spessart) geboten. Doch auch bei der Veranstaltung, betont Bezirkschef Walter, ist die Presse ausgeladen.

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