WÜRZBURG

Mit Strom in die Sackgasse?

E-Mobilität: Das Aus für den Pionier Smiles hat die Branche aufgeschreckt. Während in anderen Ländern E-Mobile die Straßen erobern, scheint sich das politische Deutschland im Wirrwarr von Initiativen und Projekten zu verzetteln. Wie sieht es mit der Elektromobilität in Mainfranken aus? Eine Spurensuche.

Elektromobilität
Ein lauer Abend im Mai 2010. Vertreter von Politik und Wirtschaft hatten sich im Landratsamt in Bad Neustadt versammelt. Es ging um Elektromobilität und deren große Zukunft, nicht zuletzt in der Region Mainfranken. Der Förderverein für die Modellstadt Elektromobilität Bad Neustadt war in der Gründung – und draußen vor dem Landratsamt konnten E-Mobile der mainfränkischen Firmen e-trikes und Smiles besichtigt werden.

Es war das Frühjahr des Aufbruchs für die E-Mobilität in Deutschland: Die bayerische Staatsregierung unter Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) preschte mit ihrer Zukunftsoffensive „Elektromobilität verbindet Bayern“ vor. Unter Vorsitz von Kanzlerin Angela Merkel wurde die „Nationale Entwicklungsplattform E-Mobilität“ ins Leben gerufen. Sie sollte das im August 2009 verkündete Ziel, bis ins Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu haben, möglich machen.

Knapp zwei Jahre später macht sich Ernüchterung breit. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) gerade einmal 2200 E-Autos neu zugelassen – von 3,17 Millionen neuen Fahrzeugen insgesamt. Folge des andauernden Käuferstreiks: Der E-Mobil-Pionier Smiles (früher: City-El) aus Aub südlich von Würzburg stellte Anfang März Insolvenzantrag. Beim norwegischen E-Mobil-Hersteller Think Global gingen bereits vor einem Dreivierteljahr die Lichter aus. Und auch der kleine Anbieter e-trikes aus Salz in der Rhön musste im vergangenen Jahr seinen Betrieb einstellen.

Ganz so einfach scheint es also nicht zu sein mit der E-Mobilität. Das musste auch Dieter Heisig erkennen. Der Chef des in Markt Einersheim ansässigen, international tätigen Energiedienstleisters Josef C. Neckermann veranstaltete im November 2010 den „1. Bayerischen E-Mobilitätstag“ in Würzburg. Vorträge wurden gehalten, ein Preis vergeben, doch ein halbes Jahr später war Schluss und die Firma zog sich aus der E-Mobilität zurück. „Wir haben gemerkt“, bilanziert Heisig, „dass das mit einem mittelständischen Unternehmen nicht geht.“ Es sei sinnlos, in „Konkurrenz zu Audi oder BMW zu treten“. Interessant sei allerdings weiter das Thema Infrastruktur, sagt Heisig, die Autos aber, „die sollen andere bauen“.

Die Intrastruktur, das sind vor allem leistungsfähigere, kompaktere und preisgünstigere Batterien – und ein intelligentes Netz, das sogenannte Smart Grid, das den neuen Herausforderungen einer e-mobilen Gesellschaft gerecht wird. Größter Knackpunkt für einen Durchbruch der E-Autos aber sind die Batterien. Das weiß auch Pia Beckmann. Die frühere Würzburger Oberbürgermeisterin leitete bei Josef C. Neckermann das Geschäftsfeld Regenerative Energien. Im Herbst wechselte sie zu clean energy, einem Spezialisten für Speichertechnologie. Ihr Partner in der Geschäftsführung: Karl Nestmeier.

Nestmeier war Gründer und langjähriger Chef des E-Mobil-Vorreiters City-El (später: Smiles AG). Nun konzentriert er sich wieder auf seine ursprüngliche Firma, den Batteriespezialisten clean energy, vor 20 Jahren aus dem elterlichen Elektrotechnikbetrieb hervorgegangen. Der Kreis schließt sich für Nestmeier damit. Denn in der Speichertechnologie liegt für ihn der Schlüssel für eine bessere Nutzung regenerativ erzeugten Stroms – auch in der E-Mobilität. „Händler für E-Mobile zu sein, das war nicht mein Ding“, begründet er im Interview mit dieser Zeitung seinen Ausstieg bei der Smiles AG.

Oliver Freitag, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt für E-Mobilität zuständig, sieht denn auch die klassischen Pkw-Hersteller im Vorteil. „Die Autos sind ja durchaus schon da“, sagt er. Viele Hersteller, etwa aus Japan oder Frankreich, hätten längst auch reine E-Mobile im Angebot. Dass dennoch kaum ein Kunde zum Auto mit Steckdose greift, erklärt er sich so: „Man hat den Bürger nicht richtig mitgenommen.“ Freitag spielt den Schwarzen Peter der Politik zu. „Es fehlt offenbar an der Ernsthaftigkeit, die Zusagen auch zu erfüllen.“ Auch Dieter Heisig hat wenig Lob für die Politik: „Es wird da viel geredet, aber es ist kein richtiger Plan da.“

Dass es auch anders geht, belegen Beispiele aus dem Ausland. So sollen alleine im niederländischen Amsterdam in drei Jahren schon 15 000 Elektroautos unterwegs sein – weit mehr als derzeit in ganz Deutschland. Dafür baut die Stadt selbst die Infrastruktur aus, 100 Elektrotankstellen gibt es schon. Und China prescht, nach der Photovoltaik, auch bei E-Mobilität vor. Den Vogel aber schießt Dänemark ab: Hier bekommen Käufer eines Elektroautos vom Staat einen Zuschuss von 17 500 Euro. Zwischen Kopenhagen und Aalborg gehören Autos mit Steckdose längst zum Straßenbild.

Mit solchen Vorbildern will sich Jörg Geier nicht vergleichen, wenn er sagt: „Wir haben hier schon relativ viele Elektroautos auf der Straße.“ Der Wirtschaftsförderer des Landkreises Bad Neustadt weiß, dass er kleinere Brötchen backen muss. Die Modellstadt Bad Neustadt habe „technisch interessante Projekte bekommen“, Arbeitsplätze wurden geschaffen – und gesichert. Und: Es gibt die ersten Zusagen über Fördergelder. So hat das bayerische Wirtschaftsministerium den Förderbescheid über 4,5 Millionen Euro auf fünf Jahre für das neue Technologietransferzentrum (TTZ) bereits im vergangenen August der Fachhochschule (FH) zugestellt.

In Bad Neustadt stehen Forschung und Bildung im Mittelpunkt, Themen wie Batteriemanagement und Smart Grid, so werden von den Experten die künftig benötigten intelligenten Stromnetze bezeichnet. Autos aus Bad Neustadt wird es also nicht geben, dafür aber Hightech für die Branche. Das sei ja sowieso eine Stärke Mainfrankens, sagt Geier, „wir haben hier ja eine ganz Reihe von Automobilzulieferern“. Und seit kurzem ist mit Sebastian Martin in Bad Neustadt sogar ein eigener E-Mobilitätsmanager mit an Bord.

Auch wenn die Bad Neustädter sich durchaus im Plan sehen, Experten wie Bernd Sluka vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Bayern kritisieren eine unkoordinierte Bürokratie. So gebe es ein Gewirr von Förderern und nicht eingehaltenen Förderzusagen seitens der Politik. „Mal zahlt der Bund“, klagt er, „dann sagt der bayerische Staat Geld für seine drei ,eigenen‘ Projekte zu, hält aber dann nicht das Versprechen beziehungsweise fördert nicht die notwendige Summe.“

Kritik, die Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) nicht nachvollziehen kann. Die aktuell laufende Bewerbung „Elektromobilität verbindet Bayern/Sachsen“ für ein „Schaufenster Elektromobilität“ mit entsprechenden Bundesfördermitteln sei von der Fördermaßnahme „Modellregionen Elektromobilität“ des Freistaats Bayern zu unterscheiden, lässt er seine Pressestelle mitteilen. Es bestehe also „keine Konkurrenz um bayerische Fördermittel“.

Wie aber fährt es sich denn nun, so ein Elektroauto? Die Bandbreite ist groß, das konnten nordbayerische Journalisten im November bei einer Veranstaltung von E.ON erfahren. Auf einem abgesperrten Parkplatz in Bamberg durften sie den Tesla Roadster chauffieren, der mit seinem Elektromotor in nur 3,7 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometern so schnell wie ein Supersportwagen mit mehreren Hundert PS beschleunigt. Die schweißtreibende Demonstration hatte einen kommerziellen Anlass: Deutschlands größter Stromkonzern bietet seit kurzem ein Leasingkomplettpaket für ein französisches E-Mobil an – betrieben mit regenerativem E.ON-Strom, versteht sich.

Bei einer Fahrt mit dem ebenfalls rein elektrisch betriebenen Renault Kangoo der mainfränkischen IHK erschließt sich wohl eher der typische Einsatzbereich von E-Mobilen: Lautlos und ohne Schaltung, die braucht ein Elektromotor nicht, rollt der Lieferwagen durch die Innenstadt. Und wenn unterwegs mal der Saft ausgeht – seit kurzem gibt es in Würzburger Parkhäusern zwei öffentliche E-Tankstellen, eingerichtet von den Würzburger Versorgungs- und Verkehrsbetrieben (WVV). An ihr können E-Mobile während des Parkens aufgeladen werden, derzeit sogar noch kostenlos. Geld dazu bekommen Kunden dann sogar ab dem 1. April mit dem WVV-Förderprogramm Elektromobilität für Autos, Roller und Fahrräder mit E-Antrieb. Auf den Vertrieb von E-Mobilen setzt in der Region etwa Beck Elektrotechnik in Würzburg: So lässt sich der Multitruck in seinen zahlreichen Ausführungen bei Kommunen einsetzen. Reichlich Erfahrung mit der E-Mobilität hat schließlich auch Belectric Drive. Die Kitzinger wollen Photovoltaik mit E-Mobilität verbinden und haben sich auf die Produktion von Ladeboxen spezialisiert, mit denen der Strom kontrolliert in die Fahrzeuge gespeist wird. Zudem betreibe man, sagt Pressesprecher Florian Dittert, „eine der größten E-Flotten Deutschlands“. Und das in einem eher ländlich geprägten Raum, wie er betont.

Doch trotz aller Aktivitäten scheint der Weg in Richtung E-Mobilität, das zeigt derzeit auch der Genfer Auto-Salon, noch ein steiniger zu sein – zumindest für vierrädrige E-Mobile. „Elektromobilität auf zwei Rädern“, hat IHK-Experte Oliver Freitag beobachtet, „das zumindest funktioniert schon erstaunlich gut.“ Diesen Trend belegen Zahlen des Zweiradverbandes. Bislang wurden in Deutschland bereits 600 000 Elektrofahrräder, sogenannte Pedelecs verkauft – die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr.

Mitdenkende Systeme

Intelligente Stromnetze, sogenannte Smart Grids, stehen erst am Anfang. Doch nur mitdenkende Systeme, das Erfassen, Steuern, Speichern und Transportieren von Strom werden eine echte Energiewende möglich machen. Denn bislang ist das Stromnetz nur auf das schlichte Verteilen des Stroms von wenigen Großkraftwerken ausgerichtet. Da aber immer mehr kleine, dezentral aufgestellte Stromerzeuger – etwa von Hunderttausenden Photovoltaikanlagen auf Hausdächern – ins Netz einspeisen, ist die bisherige Infrastruktur überfordert. Bei der E-Mobilität könnten zudem die Batterien in den Autos nachts als Stromspeicher für den in dieser Zeit beispielsweise von Windrädern erzeugten Strom dienen. Die Industrie, darunter auch Siemens, erwartet im Zusammenwachsen von Erzeugung, Verteilung, Speicherung und Kommunikation im Stromgeschäft einen Milliardenmarkt. TEXT: md

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