BARCELONA

Mit Topfdeckeln zur Unabhängigkeit

Die Schwestern Anna Maria (links) und Montserrat aus Barcelona Foto: Constanze Knöchel

Zwei Schwestern aus Barcelona, ein Herz und eine Seele, und dennoch unterschiedlicher Meinung. Die eine ist für die Unabhängigkeit und wird bei einem möglichen Referendum mit Sí stimmen. Die andere ist gegen einen eigenständigen, katalanischen Staat und wird mit No stimmen.

Punkt 10 Uhr abends ist es wieder soweit. Mit zwei Topfdeckeln in den Händen betritt Anna Maria ihren Balkon. So wie der Nachbar von nebenan und die Nachbarin gegenüber. Auch sie ausgerüstet mit Topfdeckeln. Nicht etwa, um eine Kochgruppe für katalanische Tapas zu gründen. Sie schlagen Krach, wie derzeit jeden Abend, eine Viertelstunde lang.

„Ich bin durch und durch Europäerin, aber all die Fragen interessieren mich im Moment nicht. Alles, was ich jetzt will, ist abstimmen.“
Anna Maria unterstützt die Separatisten in Katalonien

Wir sind in Clot, einem Stadtteil im Norden Barcelonas, unweit des unvollendeten Wahrzeichens, der unübersehbaren Sagrada Familia. Viele, die hier geboren sind, leben noch immer dort. So wie Anna Maria.

Die 75-jährige macht Lärm für die „Independencia“, die katalanische Unabhängigkeit. An der hat sie noch nie gezweifelt. Sie wünscht sich so sehr, dass Katalonien ein unabhängiger Staat wird. „Weil uns Spanien schon immer schlecht behandelt hat.“ Eigentlich wollte Anna Maria wie die vielen anderen auch auf die Straße gehen, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Aber davon hat ihre Schwester Montserrat dringend abgeraten, aus Sorge, dass ihr etwas passieren könnte.

Wir sind vier Kilometer weiter südwestlich von Clot, im Stadtteil Eixample esquerra. Es ist Mittag. Montserrat, 69 Jahre, erwartet Anna Maria zum Essen. Die beiden ledigen Schwestern sehen sich täglich, haben ein inniges Verhältnis, helfen sich gegenseitig. Natürlich auch dann, wenn sie in der katalanischen Sache, bei der Frage der Fragen: „Sí o No“, geteilter Meinung sind.

Anna Maria glühende, unerbittliche Vertreterin für ein Sí, Montserrat die zweifelnde, aber rationale Stimme des No. „Mein Herz sagt Ja, aber mein Verstand sagt Nein, Katalonien ist zu klein, um eigenständig zu sein.“

Anna Maria und Montserrat sind in Barcelona geboren, mitten hinein in bewegte Zeiten. Als Diktator Franco alles bekämpft, unterdrückt und zensiert, was ihm nicht in seinen zentral-autoritären Staat passt. In Katalonien wird die katalanische Sprache verboten, die katalanische Kultur zum Erliegen gebracht – doch die katalanische Identität in den Köpfen, die kann der General nicht zerstören.

Zu Hause in den Familien bleibt catalán der letzte Schutzschild vor dem spanischen Zentralstaat. Die Eltern von Anna Maria und Montserrat sprechen in der Wohnung in Clot nur Katalanisch. Doch sobald die Mädchen zur Schule gehen, müssen sie ins Spanische wechseln, denn nur das darf an den colegios gelehrt werden. Bis heute beherrschen Anna Maria und Montserrat die spanische Rechtschreibung besser als die katalanische. Erst nach Francos Tod erlangt Katalonien wieder kulturelle Autonomie und politische Macht zurück. Die Schwestern gehen ihren Weg der Autonomie, sie bleiben beide ledig, verdienen beide als Angestellte in unterschiedlichen Firmen ihren Lebensunterhalt. Bis zur Rente. Katalonien als Motor für die ärmeren Regionen Spaniens. So sieht das auch Anna Maria: „Die Katalanen arbeiten mehr als die anderen. “ Dass ihre Heimatregion immer wieder Geld an die ärmeren Gebiete Spaniens zahlt, ist für Anna Maria ein weiterer Grund, um endlich unabhängig zu werden.

Montserrat glaubt dagegen nicht an den Erfolg eines unabhängigen Kataloniens. „Wir brauchen die EU, wir brauchen die Unterstützung der anderen Länder.“ Doch in stillen Momenten siegt manchmal ihr Herz über die Vernunft – zumindest in Gedanken. Denn auch Montserrat findet das derzeitige Vorgehen der spanischen Regierung nicht gut, mit aller Macht das geplante Referendum am 1.Oktober zu verhindern.

Anna Maria ist empört, dass „Madrid“ durch die regionale Polizei Wahllokale besetzen lassen will. Doch abgeschreckt ist sie nicht. Sie wird und will am Sonntag wählen, auch wenn sie bisher noch nicht einmal weiß, wo. Doch die 74-Jährige ist davon überzeugt, dass der katalanische Präsident Carles Puigdemont und seine Regierung das alles irgendwie hinbekommen werden. „Die haben einen Plan B und wenn der nicht funktioniert, dann einen Plan C.“

Aber was, wenn Plan B oder Plan C zum Erfolg führen, wenn aus Anna Marias sehnlichstem Wunsch tatsächlich Wirklichkeit wird und eine Mehrheit für eine Abspaltung stimmt? Wird ihr Lieblingsverein, natürlich der FC Barcelona, dann noch in der spanischen Liga spielen? Oder nur in der katalanischen Provinz? Oder gar als Gast im französischen Fußball-Oberhaus? Wird der unabhängige Staat Katalonien ein vollwertiges Mitglied der EU?

„Ich bin durch und durch Europäerin, aber all die Fragen interessieren mich im Moment nicht. Alles, was ich jetzt will, ist abstimmen. Danach werden wir in Ruhe mit Madrid sprechen, denn wir Katalanen sind ruhige Leute, die reden wollen.“

Mittlerweile ist es 14.30 Uhr. In Barcelona Zeit zum Mittagessen. Montserrat serviert conill a la cassola, Kaninchen im Topf (mit Deckel!), und diesmal gibt es keinen Zweifel. Zu diesem katalanischen Gericht sagen beide Schwestern: Sí!

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