WÜRZBURG

Nächtliche Atemaussetzer

25 Kabel und jede Menge Sensoren bekommt der Patient an Kopf und Körper geklebt. Dann soll er schlafen, so wie immer. Im Nebenraum werden alle Hirnströme, Augen- und Körperbewegungen, die er die Nacht über macht, aufgezeichnet und überwacht werden. Schnarchgeräusche werden aufgezeichnet, die Sauerstoffsättigung des Blutes wird gemessen, die Herzfunktion kontrolliert. „Eigentlich keine gute Schlafstatt“, sagt Dr. Stefan Baron, der Leiter des Schlaflabors an der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg, über das Bett, über dem die Kabel baumeln. Doch für die Betroffenen, die hier eine Nacht lang beim Schlafen und Wachen beobachtet werden, ist die Verkabelung das kleinste Problem. Ihr Problem heißt: chronische Müdigkeit!

„Zwischen 15 und 35 Prozent der Erwachsenen leiden nach den Umfragen unter Schlafstörungen“, sagt Professor Berthold Jany, Chefarzt der Inneren Medizin am Missio. Gestörter Schlaf – die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zählt über 80 verschiedene Krankheitsbilder dafür auf. Das fängt an bei schlichten Schlafwahrnehmungsstörungen und einem zwanghaften Verhältnis zur Nachtruhe: „Man glaubt, man schläft schlecht und liegt ständig wach, schläft aber eigentlich und ist tagsüber auch erholt“, so Jany. Es geht weiter über echte nächtliche Schlaflosigkeit durch Störungen von außen wie Lärm, Alkohol oder Medikamente und reicht bis hin zu schweren schlafmedizinischen Erkrankungen, die die Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Seit zehn Jahren gibt es das Schlaflabor an der Missionsärztlichen Klinik inzwischen. Die meisten Betroffenen, die hier untersucht werden, schlafen wirklich schlecht – und sind tagsüber immer müde. „Wenn die Erholungsfunktion des Schlafes behindert ist, ist die Leistungsfähigkeit messbar reduziert, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, viele Betroffene leiden unter Depressionen“, sagt Berthold Jany. Und: Die Reaktionszeiten werden deutlich länger, es kommt zum Sekundenschlaf. „Bei einer erheblichen Zahl von tödlichen Verkehrsunfällen ist jemand am Steuer eingeschlafen“, berichtet Jany. „Atemaussetzer in der Nacht erhöhen das Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu sein, um den Faktor sechs.“

An nächtlichen Atemaussetzern, der obstruktiver Schlafapnoe, leiden rund fünf Millionen Deutsche. „Das ist eine Volkskrankheit“, sagt Schlafmediziner Dr. Stefan Baron. Männer sind etwas häufiger als Frauen betroffen, vor allem wenn sie übergewichtig sind, Diabetes oder hohen Blutdruck haben. Es ist ein Teufelskreis aus Schlaf, Atmung und Dicksein: Zwei Drittel der Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe sind übergewichtig. Ihre – oft unbemerkten – Atmungsstörungen im Schlaf wiederum führen zu hohem Blutdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Problem: Bei den wiederkehrenden Atemstillständen ist – ohne dass der Schlafende aufwachen würde – der physiologische Schlafablauf jedes Mal kurz unterbrochen. Puls, Blutdruck und Muskeltonus steigen an wie beim Aufwachen. „Die gesamte Schlafarchitektur, der wichtige Rhythmus zwischen Tiefschlaf und Traumschlaf, ist dann gestört“, sagt Berthold Jany.

Was tun? In leichten Fällen kann eine Schiene oder Zahnspange helfen, die dafür sorgt, dass die Atemwege frei bleiben. „Sehr erfolgreich bei schwereren Fällen ist die Therapie mit der kontinuierlichen nasalen Überdruckbeatmung, auch cPAP genannt“, sagt Stefan Baron. Die Beatmungsgeräte verhindern die Atemaussetzer – und sorgen für ungestörten, normalen Schlaf. Und nicht zu vergessen: Abnehmen hilft! „Wir haben gemessen, dass bei Patienten, die ihr Körpergewicht um 15 Prozent reduziert haben, die Zahl der Atempausen um die Hälfte zurückging“, berichtet Professor Berthold Jany.

Die Gründe für Schlafstörungen sind genauso vielfältig wie die Krankheitsbilder. Zu den vielen Formen zählt beispielsweise das Restless Legs Syndrom, das Syndrom der ruhelosen Beine. Die Betroffenen werden ständig durch ihre eigenen Bewegungen am Einschlafen gehindert – oder permanent wieder geweckt.

Seelische Probleme, Aufregung, Liebeskummer, Prüfungsstress können uns natürlich auch den Schlaf rauben. Und viele Menschen verhindern schlicht selbst den guten Schlaf durch ihre Lebensgewohnheiten: „Abends ins Fitnessstudio zu rennen, viel zu trinken, spät zu essen, spannende Filme zu gucken sind sicher nicht das Beste“, sagt der Leiter des Schlaflabors, Stefan Baron. „Aber das ist genau das, was die Bevölkerung abends macht.“

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