JERUSALEM

Nahost-Konflikt: Wahrheit wird zur Ansichtssache

Nichts zurückhalten: David Witzthum, Chefredakteur des israelischen Senders Channel 1, legt Wert auf freie Berichterstattung.
Nichts zurückhalten: David Witzthum, Chefredakteur des israelischen Senders Channel 1, legt Wert auf freie Berichterstattung. Foto: Sidney Gennies

Im achten Stockwerk des Al-Majid-Gebäudes in Bethlehem lehnt sich Nasser Al-Laham in seinem Ledersessel zurück. Eine fast leere Schachtel Marlboro und der kalte Rauch, der von der Klimaanlage umgewälzt wird, zeugen von durcharbeiteten Nächten. Nasser ist Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur Ma'an News, für ihn die letzte Bastion der Pressefreiheit im Westjordanland. „Nur wir liefern noch unabhängigen Journalismus“, sagt er.

Im Regal steht ein Foto von Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde. Es scheint ihm stumm zu widersprechen. Denn parteiisch, ja, das sei er schon, räumt Nasser ein. „Ich bin Araber, ich kümmere mich um meine Leute.“ Wenn er von seiner Heimat Palästina spricht, von Israel und der Besetzung, will er nicht leugnen, auf welcher Seite er steht. Der endlose Konflikt hat ihn zu einem verbitterten Mann werden lassen.

Sechs Jahre in Gefangenschaft

In seinem Zorn vergleicht er die palästinensischen Gebiete mit dem Kosovo und Israel mit Nazi-Deutschland. Sechs Jahre hat er in israelischer Gefangenschaft verbracht. Er gibt zu, wie schwer es ist, über seinen Feind fair zu berichten. „Aber wir versuchen es“, sagt Nasser. Man dürfe, so sagt er, die Menschen nicht vergessen und um des Friedens Willen nicht Regierung und Bevölkerung gleichsetzen.

Drei Millionen Menschen rufen die Seite der Nachrichtenagentur monatlich auf, nur Google hat in den palästinensischen Gebieten mehr Zugriffe. 301 Mitarbeiter haben mit TV- und Radioprogrammen sowie arabisch-hebräisch-englisch Onlineangeboten das Nachrichtenmonopol im Westjordanland. „Wenn wir sagen, dass es eine Chance für Frieden gibt, werden die Leute uns glauben“, sagt Nasser. Doch er sieht diese Chance nicht. Schuld sei Israel: „Sie sind im Machtrausch ihrer militärischen Stärke.“ Als palästinensischer Journalist hat er mit einigen Schikanen zu kämpfen. Jerusalem kann er von seinem Büro aus fast sehen, besuchen kann er die Stadt nicht. Denn die Mauer zwischen Israelis und Palästinensern existiert nicht nur in den Köpfen: Ein meterhoher Betonwall mit einer Krone aus Stacheldraht trennt die beiden Völker schlicht voneinander.

Erst am 12. Januar dieses Jahres wurde dem Chef der englischen Abteilung von Ma'an News, Jared Malsin, die Einreise nach Israel verweigert. Nach Malsins Angaben habe das Militär ihn am Ben-Gurion-Flughafen verhaftet und nach acht Tagen wieder in die USA abgeschoben. Als offiziellen Grund seien „Sicherheitsbelange“ angegeben worden. Eine Beschwerde von Ma‘an News blieb wirkungslos.

„Feinde der Pressefreiheit“

Wegen solcher und ähnlicher Vorfälle landete das israelische Militär im Bericht von Reporter ohne Grenzen (ROG) im Jahr 2010 auf Platz 34 der „Feinde der Pressefreiheit“. Und damit knapp hinter dem iranischen Präsidenten und erklärten Erzfeind Israels, Mahmud Ahmadinedschad, der es durch seinen repressiven Umgang mit der Presse auf Rang 33 schaffte. In Israel ist Zensur sogar ein offizieller Bestandteil der Medienlandschaft. „Für den Fall, dass ein direkter Konflikt zwischen der Pressefreiheit und der staatlichen Sicherheit existiert, steht laut dem Obersten Gerichtshof die Sicherheit über der Pressefreiheit“, sagt die Chefin der Zensurbehörde, Sima Vaknin-Gil. Nachrichten über ein mögliches israelisches Atomprogramm oder Truppenbewegungen dürfen nicht veröffentlicht werden. Fast alle israelischen Medien reichen fragliche Berichte deshalb bei der Behörde zur Prüfung ein – freiwillig.

Die meisten Medien haben sich mit der Zensur längst arrangiert. Glaubt man der israelischen Journalistin Orly Halpern, kommen sie ihr sogar zuvor. „Sie bringen einfach keine Themen, die Israel schlecht dastehen lassen könnten“, sagt sie: „Israelische Journalisten behandeln den Staat mit elterlicher Fürsorge, wie ein Kind.“

Ein Seitenhieb auf die Kollegen der israelischen Medien, die ihrer Meinung nach nicht ausgewogen berichten. Kein Artikel, keine Sendung beschäftige sich wirklich mit dem Leid der Palästinenser. Aus einfachem Grund, sagt sie: Die Leute wollten davon nichts wissen, die Verlage aber ihre Zeitungen verkaufen.

Öffentlichkeit bleibt unberührt

Ganz anders sieht das David Witzthum, Chefredakteur des israelischen öffentlichrechtlichen Senders Channel 1. Über seinen Schreibtisch in dem nicht einmal zehn Quadratmeter großen Jerusalemer Büro gingen alle wichtigen Nachrichten, sagt er. Nichts werde zurückgehalten.

„Die Öffentlichkeit weiß genau, was im Westjordanland und in Gaza geschieht“, sagt Witzthum. „Aber es berührt sie nicht.“ Mit jedem Bericht über Raketen, die auf israelischem Boden einschlagen, stumpften sie weiter ab. „Die Menschen sind so sehr mit ihren eigenen Problemen und Ängsten beschäftigt, dass sie keine Anteilnahme für die Nöte der Palästinenser haben.“ Die Weltöffentlichkeit könne das natürlich nicht nachvollziehen. „Kein Korrespondent kann in 90 Sekunden Sendezeit transportieren, wie unsere tägliche Realität aussieht.“

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