BERLIN/WÜRZBURG

Pädophilie-Debatte kommt zu spät

Angesichts der Angriffe der Union bekommen die Grünen in der Pädophilie-Debatte Rückendeckung von dritter Seite. Der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, warnte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ davor, das Thema im Wahlkampf zu missbrauchen. Es sei für politische Auseinandersetzungen ungeeignet. Ein wenig anders beurteilt Thomas Leuerer, Politikwissenschaftler an der Universität Würzburg, die Debatte: „Natürlich ist das Thema wahlkampftauglich, deswegen wird es von den politischen Gegnern der Grünen ja auch benutzt. Ob es aber der Sache angemessen ist, würde ich persönlich stark bezweifeln.“

Die Grünen hatten in den 80er Jahren in ihren Programmen Forderungen von Gruppen geduldet, die gewaltfreie sexuelle Handlungen von Kindern und Erwachsenen legalisieren wollten. Es war bekannt geworden, dass der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin 1981 in Göttingen für ein kommunalpolitisches Programm presserechtlich verantwortlich gezeichnet hatte, in dem Straffreiheit für gewaltfreie sexuelle Handlungen mit Kindern gefordert wurde. Trittin bezeichnete dies als Fehler und verwies darauf, dass sich die Grünen bereits Ende der 80er Jahre von diesen Positionen distanziert hätten. Die Partei selbst hat den Politikwissenschaftler Franz Walter von der Uni Göttingen mit der Aufarbeitung beauftragt, dieser hatte erste Zwischenergebnisse vor wenigen Tagen bekannt gemacht.

„Es war nicht falsch, sich Hilfe zu holen, das verdient Respekt“, sagt der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer. Nur hätten sich die Grünen vorher fragen müssen: „Was wird Herr Walter herausfinden?“ Wenn Jürgen Trittin von sich aus das Thema an die Öffentlichkeit gebracht hätte, „hätte es eine andere Kraft gehabt“, sagt Pfeiffer, der die Herangehensweise der Grünen als „naiv“ bezeichnet. Der frühere SPD-Justizminister von Niedersachsen glaubt, dass die Debatte den Grünen bei der Bundestagswahl „zwei bis drei Prozent kosten wird“.

Derweil hat die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt eine Gruppe von sieben Unionsfrauen um die unterfränkische Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär aufgefordert: „Hören Sie endlich auf, mit diesem Thema Wahlkampf zu machen.“ Die Frauen von CDU/CSU hatten Göring-Eckardt aufgefordert, sich aktiver in die Diskussion um die „Pädophilie-Verstrickungen“ von Trittin einzubringen. Kinderhilfswerk-Chef Krüger sagte indes, die Grünen seien heute über jeden Zweifel erhaben und hätten sich von den früheren Positionen eindeutig distanziert. Sie hätten sich allerdings „zu spät einer notwendigen Aufklärung ihres Verhaltens und ihrer Programmatik in den frühen Jahren der Parteigründung gestellt“, erklärte der frühere SPD-Politiker.

Ein Umstand, den auch Elisabeth Kirchner vom Würzburger Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen, Wildwasser, erkennt. Oft würde sich nur mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt, wenn ein Zwang von außen entsteht: „Aber es stünde allen Institutionen gut an, sich mit der eigenen Aufarbeitung des Themas zu beschäftigen – auch unter dem Aspekt, ob es Menschen gibt, die zu Opfern geworden sind.“

Kirchner denkt etwa an Sportorganisationen und sie fordert die Gesellschaft auf, „nicht wegzugucken, sondern hinzusehen“. Die aktuelle, öffentliche Diskussion findet die Expertin deshalb gut, „sie muss aber sachlich bleiben und nicht auf Wahlkampfebene betrieben werden“. In diesem Zusammenhang stört sie die Verwendung des Wortes Pädophilie, denn „das heißt Kinderliebe und wirkt verharmlosend“. Bei Tätern handle es sich „um Pädokriminelle, da werden Kinder sexuell benutzt“. Wildwasser in Würzburg ist zuständig für die Kreise Würzburg, Main-Spessart und Kitzingen; jährlich führten die Mitarbeiter, sagt Kirchner, rund 300 Beratungsgespräche.

FDP-Parteinachwuchs wegen Beschluss von 1980 im Visier

Auch die FDP-Jugendorganisation Jungdemokraten hat vor 30 Jahren Straffreiheit für pädophile Handlungen verlangt. Die Gruppierung habe auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz 1980 unter anderem „keine Bestrafung der freiwilligen und einvernehmlichen Sexualität“ zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert. Dies hätten Recherchen der Politologen Franz Walter und Stefan Klecha ergeben, die auf Bitte der Grünen derzeit den früheren Einfluss von Pädophilen in der Öko-Partei untersuchen, wie die „Leipziger Volkszeitung“ berichtete. 1982 sei diese Haltung bei den Jungdemokraten bekräftigt worden. Verantwortung als Vorsitzender des FDP-Parteinachwuchses habe seinerzeit der heutige SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer gehabt. Dieser habe eine radikale Debatte zur Abschaffung des Sexualstrafrechts verantwortet. Strässer erklärte, ihm lägen keinerlei Unterlagen aus dieser Zeit mehr vor. Pädophile Gruppen nahmen laut Walter seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre Einfluss auf die Gesellschaft. Für liberale Korrekturen des Sexualstrafrechts hätten sich Juristen aus dem Umfeld der Freien Demokraten und der Humanistischen Union starkgemacht. Text: dpa

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