WÜRZBURG

Pathologie: Die Lotsen der Therapie

Pathologie: Sie geht Erkrankungen auf den Grund und trägt entscheidend zur Heilung der Patienten bei. Deutsche Pathologen haben nur selten mit Toten zu tun.
Pathologie: Die Lotsen der Therapie

Sie spüren Krankheiten auf und retten dadurch vielen Patienten das Leben: Pathologen kommen im Gegensatz zu Rechtsmedizinern oftmals in den Genuss, noch rechtzeitig helfen zu können – auch wenn sie den Patienten nur selten persönlich kennenlernen.

Ob Magen- oder Darmspiegelung, ein Abstrich beim Hausarzt oder eine gynäkologische Untersuchung – alles, was einem Patienten entnommen wird, landet beim Pathologen. „Alles andere wäre fahrlässig“, sagt Professor Andreas Rosenwald. Mit 50 000 Diagnosen pro Jahr steht das Institut der Universität Würzburg klar im Dienst der Lebenden. „Wir gehen allen Erkrankungen auf den Grund und legen mit unserer Diagnose häufig den Grundstein für die folgenden Therapieschritte“, erklärt Rosenwald. Dies gelte für Entzündungskrankheiten, die mit Antibiotika behandelt werden müssen, genauso wie für Krebserkrankungen, so der 47-Jährige, der auf bösartige Tumore des Blut- und Lymphsystems, sogenannte Leukämien und Lymphome, spezialisiert ist.

Allein zehn bis 15 Tumorproben, die während Operationen entnommen werden, untersucht das Institut am Tag. Somit kann noch während des laufenden Eingriffs die Operationsstrategie festgelegt werden. „Die Mediziner sprechen hier von einem sogenannten Schnellschnitt, mit dem der Chirurg bereits nach etwa 20 Minuten weiß, ob er vom krankhaften Gewebe, zum Beispiel von einem bösartigen Tumor, alles erwischt hat oder noch mehr wegschneiden muss.“

Da Schnellschnitte schockgefroren sind, besitzen sie generell eine schlechtere Qualität und ermöglichen kaum weiterführende Untersuchungen. Besser seien die Proben, die man über einige Stunden in Formalin einlegen und anschließend in Wachs gießen kann. Damit könnten die Schnitte präziser erfolgen, die in der Regel nicht dicker als drei Mü sind (µ = ein Millionstel Meter).

Diese Schnittproben geben dem Pathologen genauen Aufschluss darüber, um welche Krebsart es sich handelt und welches Medikament wirkt. „Gerade Krebsmedikamente sind sehr teuer und natürlich auch mit Nebenwirkungen behaftet, so dass man sich über ihren Einsatz sicher sein sollte“, schildert der Direktor des Pathologischen Institutes, der allein auf mehr als 20 Arten von Brustkrebs hinweist. Umso bedeutender sei der medizinische Fortschritt: Mittlerweile könne man die Erbsubstanz von Krebszellen bestimmen und somit wirkungsvolle Therapien entwickeln. Solche diagnostischen Tests zu entwickeln und auch bei der Krebsdiagnostik routinemäßig einzusetzen, sei eine wesentliche neue Aufgabe der Pathologie, die in der Zukunft einen noch breiteren Raum einnehmen werde. Vielversprechende Erfolge gebe es bei Lungen- und Dickdarmkrebs. „Nicht umsonst werden wir Pathologen auch als Lotsen der Therapie bezeichnet.“

Doch keine Therapie ohne Ursachenforschung – und die steht bei einer medizinischen Obduktion im Vordergrund. Anders als die Kollegen der Rechtsmedizin untersuchen Pathologen jedoch nur diejenigen Patienten, deren Tod auf eine natürliche Ursache wie beispielsweise einen Herzinfarkt zurückzuführen ist. „Vorausgesetzt, die Angehörigen haben einer Sektion zugestimmt“, so Rosenwald. Denn anders als in manchen anderen Ländern, wo man einer Obduktion widersprechen müsse, gelte in Deutschland das Wort der Angehörigen mehr. So werden im Würzburger Institut nur noch etwa 100 Sektionen pro Jahr vorgenommen – 1996 waren es laut Rosenwald noch 500.

Auch viele Ärzte seien nicht mehr an einer Obduktion ihrer gestorbenen Patienten interessiert, da sie der Ansicht sind, moderne bildgebende Verfahren wie Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MRT) könnten diese ersetzen. „Dabei tragen gerade Obduktionen dazu bei, dass die Todesursache genau geklärt wird. Nach Erhebungen an einer anderen großen Universitätspathologie liefert eine Obduktion in etwa 50 Prozent der Fälle zusätzliche Informationen, von denen zwei Drittel von klinischer Relevanz sein könnten“, so der Pathologe.

Bei einer Obduktion wird jedes Organ unter dem Mikroskop untersucht, so dass Vorerkrankungen und andere Auffälligkeiten entdeckt würden. „Somit wird auch ein wichtiger Beitrag zur Qualitätskontrolle in der gesamten Medizin geleistet“, meint der gebürtige Hannoveraner.

Zudem könne man mittels einer Obduktion auch Erbkrankheiten, neuen Krankheiten und auch Nebenwirkungen von neuen Medikamenten auf die Spur kommen. „Auch Aids wurde durch Pathologen entdeckt.“ Genau solche Erkenntnisse machten den Reiz seines Berufes aus, sagt der Chefarzt. „Das Schöne ist: Wir arbeiten immer für den Patienten.“ Der persönliche Kontakt würde ihm dabei nicht fehlen, denn oft riefen ihn Patienten an, um den Befund und die mögliche Therapie zu besprechen.

„Außerdem sind wir ein sehr kommunikatives Team. Manchmal sitzen wir zu zwölft vor einer Gewebeprobe und diskutieren darüber, was genau es sein könnte. Wie gesagt: Wir gehen der Sache auf den Grund.“

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Conny Puls
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Obduktionen
  • Pathologie
  • Pathologinnen und Pathologen
  • Tote
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!