RIO DE JANEIRO

Proteste gegen Missstände in Brasilien

Die Appelle von Dilma Rousseff aus Brasília waren noch nicht verklungen, da brannten in Sao Paulo schon die ersten Barrikaden. Sich als „fröhliches und gastfreundliches Volk“ zu präsentieren, das sei das Wichtigste dieser Fußball-Weltmeisterschaft, hatte die Staatspräsidentin in der Hauptstadt exakt vier Wochen vor dem Beginn des Turniers in Brasilien gesagt. Für Tausende Demonstranten ging es zeitgleich in neun der zwölf Spielorte um ganz andere, handfestere Fragen.

Streikende Lehrer protestierten gegen die Missstände im Bildungssystem, WM-Gegner zogen durch die Innenstädte und forderten zudem mehr Investitionen ins Gesundheits- und Verkehrswesen, Obdachlose prangerten den Wohnungsnotstand an, Polizisten und Feuerwehrleute streikten wegen schlechter Arbeitsbedingungen und geringer Löhne. Viele Plakate richteten sich auch gegen den Fußball-Weltverband Fifa. Die Bilanz der landesweiten Aktionen mit den beiden Schwerpunkten Sao Paulo und Rio de Janeiro: Zahlreiche Festnahmen und mehrere Verletzte, Plünderungen, Sachschäden, Verkehrschaos. Der Eindruck vom Stichtag vier Wochen vor dem Eröffnungsspiel in Sao Paulo, der Erinnerungen an die Massenproteste vom Confed Cup vor knapp einem Jahr weckte: Als fröhliches Volk blicken die Brasilianer der WM nicht entgegen.

„Der Riese ist erwacht“ war im Juni 2013 ein Slogan der Demonstranten, die damals zu Hunderttausenden im ganzen Land auf die Straße gegangen waren. Am Donnerstag hat sich der Riese zumindest geräuspert. In insgesamt 50 Städten war zu Demonstrationen aufgerufen worden. Zwar fielen die Teilnehmerzahlen gegenüber dem Vorjahr vergleichsweise gering aus, aber doch deutlich höher als bei vorangegangenen Veranstaltungen in den vergangenen Monaten. Die Zeitung „Folha de Sao Paulo“ veranschaulichte dies auf ihrer Internetseite in einem „Protestometer“. Demnach ist es in den vergangenen drei Wochen bis zum vorläufigen Höhepunkt am Donnerstag zu einem deutlichen Anstieg der Teilnehmerzahlen gekommen. Ob das erneut in Massenproteste kurz vor und während der WM münden wird oder nicht, darüber gehen die Meinungen in Brasilien weit auseinander. In Sao Paulo folgten mehrere Tausend Menschen auf diversen Veranstaltungen den landesweiten Protestaufrufen. Dabei wurde unter anderen die Zufahrt der WM-Arena von 2000 Menschen zeitweise blockiert. Auf der Prachtstraße Avenida Paulista im Zentrum kam es derweil wieder einmal zu Auseinandersetzungen mit der Polizei – nach Medienberichten allerdings erst, nachdem die Polizei gegen die Demonstranten mit Festnahmen, Tränengas und Gummigeschossen vorgegangen war. In der Folge zündeten die Demonstranten demnach Müllsäcke an, Autos wurden genauso verwüstet wie eine Bankfiliale. In Rio de Janeiro zogen die Demonstranten über die zentrale Avenida Presidente Vargas und sorgten für ein Verkehrschaos.

Aus sieben weiteren WM-Spielorten, aus Porto Alegre, Brasília, Manaus und Belo Horizonte sowie den drei Städten Fortaleza, Salvador da Bahia und Recife, in denen die deutsche Mannschaft ihre Gruppenspiele austragen wird, wurden Proteste gemeldet. In Recife kam es zudem zu Plünderungen und Gewalt infolge eines inzwischen beendeten Streiks der Polizei und Feuerwehr.

Berichtet wurde zudem von Schüssen im Stadtzentrum. In Salvador hatte es zuletzt während eines Polizeistreiks einen drastischen Anstieg der Tötungsdelikte gegeben. In den Städten wird das nahende Großereignis derweil nicht nur durch wütende Bürger auf den Straßen zunehmend sichtbar. Vielerorts wird gerade das Stadtbild aufgepeppt. Straßenzüge und Gebäude werden mit Fähnchen geschmückt, bislang mangelhafte Ausschilderungen wichtiger Anlaufpunkte wie Stadien und Flughäfen verbessert und Public-Viewing-Areale errichtet. Zunehmend sichtbar werden allerdings auch die Versäumnisse.

Eigner und Bauleitung des Stadions in Sao Paulo, Schauplatz des Eröffnungsspiels zwischen Brasilien und Kroatien am 12. Juni, mussten inzwischen einräumen, dass die Arena erst nach der WM komplett fertiggestellt werden kann.

Die Staatsanwaltschaft drohte am Donnerstag aus Sicherheitsgründen sogar mit einem Baustopp. Doch auch bei einem Fortgang der Arbeiten werden während des Turniers unter anderem Teile der Überdachung fehlen, einige Zuschauer werden also im Zweifelsfall im Regen sitzen. Die demonstrierenden WM-Gegner dürfte vielleicht die Randnotiz freuen, dass auch die VIPs von den nicht abgeschlossenen Arbeiten betroffen sein werden.

Minister de Maiziere: Keine Gefahr für deutsche Fans

Trotz der sozialen Proteste in Brasilien hält Bundesinnenminister

Thomas de Maiziere (CDU) eine Gefährdung deutscher Fans bei der Fußballweltmeisterschaft in dem lateinamerikanischen Land für gering. „Man darf vielleicht nicht in jedes Viertel jeder Stadt gehen“, sagte der auch für Sport zuständige Minister.

Er sei aber „ganz sicher, dass gerade deutsche Fans, die sich höflich und fußballbegeistert zeigen, sehr warmherzig von den Brasilianern aufgenommen werden“. Die Kriminalitätsrate in Brasilien sei zwar hoch, doch das Land tue alles für die Sicherheit von Spielern und Fans. Zudem werde Deutschland „eine gute Handvoll“ Polizisten entsenden. Die Beamten seien mit der deutschen Hooliganszene vertraut und würden ihre Erfahrungen und Kenntnisse mit ihren brasilianischen Kollegen teilen.

Brasilien wird seit Mitte vergangenen Jahres von sozialen Protesten erschüttert, bei denen die hohen Kosten für die Fußball-WM und die 2016 anstehenden Olympischen Spiele kritisiert werden. Text: dpa

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