Rentenpflicht auch für Selbstständige?

Mit Gundula Roßbach steht erstmals eine Frau an der Spitze der Deutschen Rentenversicherung Bund. Die 53-Jährige weiß, wovon sie redet: Seit fast 20 Jahren arbeitet die Juristin bei der Behörde. Einen besseren Zeitpunkt für ihren Start als Präsidentin konnte sie kaum erwischen, denn selten ging es der gesetzlichen Rentenversicherung so gut wie momentan. Die Reformen vom Anfang des Jahrtausends greifen, die Zahl der Sozialversicherungspflichtigen und damit der Einzahler ist auf einem Höchststand. Ein Gespräch über die Zukunft der gesetzlichen Altersvorsorge.

Frage: Frau Roßbach, was bereitet Ihnen am meisten Sorge, wenn Sie an die Zukunft der gesetzlichen Rente denken?

Gundula Rossbach: Die Beschäftigungslage ist gut, die Ausgaben sind stabil – daher steht die Rentenversicherung im Moment deutlich besser da, als Experten es noch vor einigen Jahren prognostiziert haben. Zukünftig müssen wir aber die demografische Entwicklung im Auge behalten und auch erreichen, dass die Zahl der Menschen, die im Alter arm sind, weiter begrenzt bleibt. Wir wollen die Zeit der guten und stabilen Lage der Rentenversicherung nutzen und uns weiter auf die Zukunft vorbereiten.

Derzeit steht die Rentenversicherung recht gut da. Doch Experten warnen vor 2030, wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht. Dann wird?s teuer und die Beitragszahler immer weniger.

Rossbach: Bis 2030 haben wir bei der Rentenversicherung Begrenzungen für Beitragssatz und Rentenniveau. Die Politik sollte jetzt über Festlegungen für die Zeit nach 2030 nachdenken. Wichtig ist auch: Um eine angemessene Altersversorgung zu haben, sollte man alle drei Säulen der Alterssicherung in den Blick nehmen: Neben der gesetzlichen sind dies auch die betriebliche und die private Altersvorsorge.

Wie entwickelt sich der Beitragssatz voraussichtlich in den kommenden Jahren?

Rossbach: Für den Zeitraum bis 2022 ist nach der Herbstschätzung davon auszugehen, dass der Beitragssatz stabil bei 18,6 Prozent liegen wird. Bis 2030 wird der Beitragssatz nach derzeitigen Schätzungen auf 21,6 Prozent steigen und damit die gesetzlich vorgegebene Obergrenze von 22 Prozent nicht überschreiten.

Schon jetzt gibt es immer mehr arme Alte. Seit 2003 hat sich die Zahl der Menschen, die auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sind, mehr als verdoppelt. Sehen Sie das als Alarmsignal?

Rossbach: Ein besonderer Blick sollte den Gruppen gelten, die ein höheres Risiko haben, in die Altersarmut zu rutschen, zum Beispiel die Erwerbsminderungsrentner. Hier hat die Politik allerdings schon einige Verbesserungen vorgenommen. Auch haben Selbstständige in Deutschland zumeist keine obligatorische Alterssicherung. Diese Personengruppe hat oft Lücken bei der Absicherung und daher ein höheres Risiko, in die Grundsicherung zu fallen.

Seit 2014 wird rund 9,5 Millionen Frauen mit vor 1992 geborenen Kindern bei der Rente ein zusätzliches Jahr Erziehungszeit angerechnet. Die CSU will

nun ein weiteres Jahr anerkennen. Wie sollte das Ihrer Meinung nach finanziert werden?

Rossbach: Für die Geburten nach 1991 bekommen wir für die Anrechnung von Kindererziehungszeiten vom Bund die Beiträge der Frauen für die ersten drei Jahre erstattet. Für das zusätzliche Erziehungsjahr bei Geburten vor 1992 gibt es jedoch keine Beiträge. Wir sehen die Finanzierung dieser Leistung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und fordern daher, sie aus Steuermitteln zu finanzieren.

Müssen wir künftig länger arbeiten, um die Renten weiter so wie bisher finanzieren zu können?

Rossbach: Wir sind nun erst mal dabei, die Rente mit 67 umzusetzen. Bis das soweit ist, haben wir noch eine lange Wegstrecke vor uns. Die Anhebung des gesetzlichen Rentenalters ist erst 2031 abgeschlossen. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liegt gerade bei 64,1 Jahren. Wichtig ist es, die Rahmenbedingungen zu prüfen. Wie können die Menschen es tatsächlich schaffen, länger zu arbeiten?

Warum wird die Flexi-Rente bislang nur zögerlich angenommen?

Rossbach: Aus unserer Beratung vor Ort kann ich berichten, dass es zu diesem Thema einen hohen Nachfragebedarf gibt. Bei jeder dritten Beratung zum Rentenbeginn werden auch Fragen zur Flexi-Rente gestellt. Wie viel kann ich hinzuverdienen, wenn ich das reguläre Rentenalter noch nicht erreicht habe? Das ist eine der meist gestellten Fragen. Dazu machen unsere Mitarbeiter auch viele Probeberechnungen. Aber die genauen Zahlen, wie viele Menschen die Flexi-Rente nutzen, liegen uns erst im nächsten Jahr vor.

Man hört immer wieder, dass es den österreichischen Rentnern besser geht als den deutschen. Was läuft in Österreich anders?

Rossbach: Wir haben uns intensiv mit dem österreichischen Rentensystem beschäftigt. Richtig ist, dass dort die Durchschnittsrente höher ist als in Deutschland. Man bekommt eine Rente aber auch erst nach 15 Beitragsjahren. Bei uns dagegen schon nach fünf Beitragsjahren, das senkt den Schnitt, weil auch kleinere Renten mitgerechnet werden. Auch ist der Beitragssatz in Österreich höher. Ein Vergleich der Systeme ist also schwierig.

Was erwarten Sie von der zukünftigen Regierung?

Rossbach: Man sollte beispielsweise bei den Selbstständigen noch einmal gut hinschauen, ob man diese Personengruppe nicht in die Rentenversicherung einbeziehen kann, wenn sie nicht anderweitig pflichtversichert sind. Die Rentenversicherung hat ein gutes Leistungspaket zu bieten: Neben der Altersrente zahlt sie etwa auch Rehabilitationsleistungen oder eine Erwerbsminderungsrente.

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