PEKING

Richteten Uiguren Gemetzel in China an?

Nach dem Anschlag: Chinesische Polizisten am Hauptbahnhof in Kunming, wo am Samstagabend 33 Menschen starben.
Nach dem Anschlag: Chinesische Polizisten am Hauptbahnhof in Kunming, wo am Samstagabend 33 Menschen starben. Foto: Mark RALSTON, AfP

Das Gemetzel im Bahnhof der Metropole Kunming in Südwestchina wirft viele Fragen auf. Chinas Regierung sieht uigurische Separatisten aus dem weit entfernten Xinjiang am Werk. Sollte sich ihr Vorwurf bestätigen, wäre das Blutbad mit 33 Toten eine deutliche Eskalation der Gewalt – eine Radikalisierung uigurischer Kräfte weit weg von der Heimat der turkstämmigen, muslimischen Minderheit im nordwestchinesischen Xinjiang (lesen Sie dazu auch die graue Infobox).

Allerdings sind die Täter noch nicht identifiziert. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag am Samstagabend. Das brutale Verbrechen gegen Reisende und Wanderarbeiter in dem überfüllten Bahnhof war nicht nur durch die Entfernung zu Xinjiang untypisch für die Gewalt, in die Uiguren sonst in Verbindung gebracht werden. Üblicherweise handelt es sich dabei meist um Zusammenstöße, die zu tödlichen Auseinandersetzungen werden, entweder weil Uiguren Ämter oder Polizeistationen attackieren oder weil chinesische Sicherheitskräfte das Feuer eröffnen.

Die Zahl solcher Zwischenfälle in Xinjiang hat drastisch zugenommen. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen sind dabei seit Anfang 2013 mindestens 287 Menschen ums Leben gekommen. GfbV-Asienexperte Ulrich Delius warnte nach dem Blutbad in Kunming auch davor, die Uiguren jetzt pauschal zu dämonisieren. Er äußerte die Befürchtung, dass die Vorwürfe gegen die „Separatisten“ nur die Vorurteile der Chinesen gegen die Minderheit schüren werden.

Die Volksgruppen sind sich fremd

Die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen haben seit 2009 zugenommen, als bei Zusammenstößen zwischen Uiguren und Han-Chinesen in Xinjiang 200 Menschen ums Leben gekommen sind. Beide Volksgruppen sind sich fremd. Das muslimische Turkvolk fühlt sich wirtschaftlich, politisch und kulturell diskriminiert – umgekehrt hegen die Chinesen wenig Sympathie für die kulturell so andere Minderheit, die nicht zur Volksrepublik gehören will.

Die Exil-Uiguren distanzierten sich am Sonntag von dem Blutbad und sprachen den Familien der Opfer ihr Beileid aus. Ein Sprecher des Weltkongresses der Uiguren forderte eine transparente Aufklärung der Bluttat. Er warnte davor, dass das Verbrechen als Vorwand für neuerliche „Unterdrückung und Diskriminierung“ benutzt werden könnte.

Nach dem Blutbad rollte schnell eine Welle von scharfen Reaktionen in Chinas Staatsmedien los. Den Terroristen müssten mit „null Toleranz“ streng bestraft werden. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua sah einen „Wandel in der Angriffsstrategie“, weil die Separatisten sonst eher Symbole der Regierung wie Polizeiwachen und Behörden angegriffen hätten, aber diesmal auf einfache Bürger losgegangen seien.

Neue Antiterrorgesetze

In einem indirekten Hinweis auf internationale Menschenrechtsgruppen oder Regierungen, die schon lange die chinesische Herrschaftspolitik gegenüber den Uiguren kritisieren, machte die Staatsagentur klar: „Jeder, der Verständnis für die Terroristen hegt und zeigt oder sie als unterdrückt oder schwach bezeichnet, ermutigt solche Angriffe und hilft bei der Verübung von Verbrechen.“

Die große Mehrheit der Uiguren setze sich friedlich für die Anerkennung ihrer Menschenrechte und grundlegenden Bürgerrechte ein, betont GfbV-Experte Delius. Er fürchtet: „Die Tragödie in Kunming wird den Kreislauf der Gewalt in Xinjiang weiter anheizen.“ So plane die Autonome Region neue Antiterrorgesetze. Schon heute werden in Xinjiang mehr Menschen wegen „Gefährdung der Staatssicherheit“ vor Gericht gestellt als anderswo in China – „und in unfairen Strafverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt“, so Delius.

Uiguren

Das muslimische Volk der Uiguren ist mit den Türken verwandt. Sieben bis acht Millionen leben im Nordwesten Chinas. Peking verleibte sich 1955 das ehemalige Ost-Turkestan als „Autonome Region Xinjiang“ ein und siedelte dort Han-Chinesen an. Politisch, kulturell und wirtschaftlich sehen sich die Uiguren benachteiligt und kämpfen für ihre Rechte. Menschenrechtsgruppen werfen China vor, die Uiguren zu unterdrücken. Es gebe Massenverhaftungen, Folter und Todesurteile. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden laut amnesty international mehr als 3000 Uiguren festgenommen und mehr als 200 hingerichtet. Peking macht uigurische Separatisten für Anschläge mit vielen Toten verantwortlich. Als muslimisches Turkvolk genießen die weltweit rund zehn Millionen Uiguren keineswegs die gleichen Sympathien in der Weltöffentlichkeit wie die buddhistischen Tibeter. Deren religiöses Oberhaupt, der Dalai Lama, gilt vielen als Sinnbild für Friedfertigkeit. Um Peking nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York im Kampf gegen den Terror an Bord zu holen, hatten die USA auf Drängen Chinas eine kleine, damals wenig bekannte „Ostturkestanische Islamische Bewegung“ (Etim) als Terrorgruppe anerkannt. Seither scheinen Chinas Behörden uigurische Aktivisten, die sich gegen Benachteiligung in Xinjiang auflehnen, gerne mit dem Stempel Etim in die Nähe des Terrors zu rücken. Dabei ist die Etim nach Angaben westlicher Experten seit 2001 nicht mehr in Erscheinung getreten. Uiguren hätten wenig Sympathie für radikale Islamisten. Text: dpa

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Evangelischer Pressedienst
  • Anti-Terror-Gesetze
  • Blutbäder
  • Islam
  • Massaker
  • Menschenrechtsgruppen
  • Minderheiten
  • Tote
  • Turkvölker
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!