TOKIO

Schäuble und Lagarde auseinander

IWF-Jahrestagung in Tokio: Wolfgang Schäuble und Christine Lagarde sind unterschiedlicher Ansicht, über den richtigen Weg Griechenlands aus der Schuldenkrise.
IWF-Jahrestagung in Tokio: Wolfgang Schäuble und Christine Lagarde sind unterschiedlicher Ansicht, über den richtigen Weg Griechenlands aus der Schuldenkrise. Foto: dpa

Für einen Moment verschlug es beiden dann doch die Sprache: Mitten in ihrer Diskussion über einen Zeitaufschub für Griechenland hielten Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und IWF-Chefin Christine Lagarde verunsichert inne. Es waren aber nicht ihre Differenzen über die Hilfsgelder an Athen, die ihnen am Freitag während einer Diskussion den Atem stocken ließen, sondern ein Erdbeben der Stärke 5,0 in Tokio.

In der japanischen Hauptstadt hatten sich nicht nur tektonische Spannungen angesammelt während der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds: Der IWF will Griechenland weitere Schulden erlassen zulasten öffentlicher Geldgeber und damit der Steuerzahler, was Deutschland strikt ablehnt. Und: Lagarde möchte Athen offenkundig zwei Jahre mehr gewähren bei der Haushaltssanierung. Auch dieser Punkt stößt in Berlin derzeit nicht auf Gegenliebe.

Die Liste der Uneinigkeiten ist noch länger: Der Währungsfonds lobt die massiven Liquiditätsspritzen der Notenbanken – Deutschland hingegen warnt vor einer neuen „Blase“ als Krisenbeschleuniger. Nicht nur Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ist besorgt. Und dann fordert der IWF die Deutschen immer wieder auf, mehr für die Binnenkonjunktur zu tun, was Schäuble mittlerweile sichtlich nervt. Schließlich ist der Fonds unzufrieden mit der Finanzmarktregulierung – das trifft aus deutscher Sicht zumindest auf Europa nicht zu.

Genügend Gesprächsstoff also für Lagarde und Schäuble, deren freundschaftliches Verhältnis einmal mehr auf eine Probe gestellt wird. Erst nach einem Tag treffen die beiden in dem übersichtlichen Tagungszentrum in Tokio zu einer klärenden Diskussion zusammen – in einer Sendung des TV-Senders BBC, während der zwar die Erde wackelte, die Stimmung aber nicht kippte: „Wir sind uns immer einig“, sagte Schäuble lachend. „Wir arbeiten Hand in Hand“, versicherte Lagarde. Auf Lagardes wiederholten Vorstoß, den Griechen mehr Zeit zu verschaffen, reagierte Schäuble abweisend. Man dürfe mit solchen Spekulationen nicht die Märkte verwirren und das Vertrauen in die Politik unterlaufen. Schon vorher hatte er Forderungen des Fonds nach einem Forderungsverzicht der staatlichen Gläubiger Athens als nicht zielführend abgetan. Deutlicher wurde der Euro-Retter Richtung IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard, der Deutschland mahnt, doch mehr für die Binnenkonjunktur zu tun: Dies zeuge von wenig Kenntnissen der Lage in Deutschland.

Ohnehin bekam der IWF auf seiner eigenen Jahrestagung von vielen Seiten Gegenwehr. Die globale Finanzfeuerwehr, die vor Ausbruch der weltweiten Krise vor fünf Jahren noch in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte, scheint sich zur globalen Finanzpolizei aufschwingen zu wollen. Nicht nur die Europäer bekommen ihr Fett weg, ist der IWF doch mit etlichen Hilfsmilliarden maßgeblich an der Lösung der Schuldenkrise beteiligt. Auch für viele andere große Volkswirtschaften hat Lagarde mit erhobenem Zeigefinger Kritik parat. Das schmeckt nicht jedem.

Doch auch innerhalb der deutschen Delegation gilt es, Differenzen nicht hochkochen zu lassen: Weidmann und Schäuble waren bemüht, der Debatte über den Kurs der Europäischen Zentralbank keinen Raum zu geben. Um Spekulationen über Dissonanzen vorzubeugen, stellte der Bundesbankchef vorbeugend klar, warum er bei der Abschlusspressekonferenz nach der IWF-Tagung fehlen werde. Er müsse aus familiären Gründen früher abreisen, sagte er in Anspielung auf das Euro-Gruppen-Treffen in Nikosia vor einigen Wochen.

Auch dort blieb der Bundesbanker dem gemeinsamen Auftritt vor Journalisten aus „flugtechnischen Gründen“ fern und überließ Schäuble die Bühne. „Sie werden uns gemeinsam noch oft genug erleben“, wiegelte Weidmann dieses Mal ab.

Schuldenkrise vernichtet Jobs

Nach Schätzungen von UN-Experten wird die Schuldenkrise im kommenden Jahr sieben Millionen weitere Arbeitsplätze vernichten. Damit werde die Zahl der arbeitslosen Menschen auf weltweit 207 Millionen anwachsen, wenn die Wirtschaftsnationen nicht entschlossene Gegenmaßnahmen ergreifen. Das geht aus jüngsten Erhebungen der Internationalen Arbeitsorganisation hervor, die deren Generaldirektor Guy Ryder an diesem Samstag bei der Jahrestagung des IWF in Tokio vorstellt. Bislang war die ILO für 2013 von einem Verlust weiterer vier Millionen Jobs ausgegangen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor vier Jahren sind nach den Zahlen der UN-Sonderorganisation global rund 30 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Alarmierend sei auch, dass etwa 900 Millionen Frauen und Männer trotz eines Jobs im Elend leben. TEXT: dpa

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