BERLIN

Schikanen, Willkür und Zwangsarbeit

Gefragt, was das wichtigste Zwischenergebnis des von ihr geleiteten „Runden Tisches Heimerziehung“ sei, antwortet Antje Vollmer, Grünen-Politikerin und einstige Bundestagsvizepräsidentin: „Dass die Debatte in die Breite gegangen ist.“ In etlichen Bundesländern und Kirchenbistümern haben sich analog zu der zentralen Berliner Kommission Kreise und Gruppen gebildet, die das Schicksal jener Menschen untersuchen, die in den 50er und 60er Jahren als Kinder und Jugendliche in ein Heim eingewiesen wurden. Schikanen, Misshandlung, Zwangsarbeit, Willkür – je genauer das Heimsystem jener Zeit beleuchtet wird, umso tiefer sind die Abgründe, die sich auftun. 500 000 Menschen sind betroffen, schätzten Forscher der Ruhr-Universität bei ihrem Vortrag am Runden Tisch.

Das 21-köpfige Gremium aus Vertretern von Ländern, Kirchen, Sozialeinrichtungen und Betroffenen, das der Bundestag nach zahlreichen Petitionen von Geschädigten einsetzte, hat im ersten Jahr seiner Arbeit diese dunkle Vergangenheit wieder ans Tageslicht geholt. „Wir haben eine einheitliche Auffassung von dem Geschehen“, sagt Vollmer. „Das ist ein Riesensprung.“

Verheimlichte Biografien

Eine Reise des Gremiums durch die schlimmsten bekannten Heime trug zur Aufklärung bei. Der Mut der Geschädigten, sich zu ihrer bislang oft verheimlichten Heimbiografie zu bekennen, ist überall deutlich gewachsen. Auch der SPD-Politiker und langjährige Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Karsten Voigt, beschrieb dem Gremium seine Heimzeit in Hamburg. Vollmer lobt das „Wir-Gefühl“ am Runden Tisch, und dass alle „wie auf Zehenspitzen“ in die Gespräche gegangen seien. Mit großem gegenseitigen Respekt.

Das wäre fast anders gekommen, denn der „Verein ehemaliger Heimkinder“ wechselte im Frühjahr nach heftigen Querelen seine Führung komplett aus und schaltete auf eine harte Linie. Bald präsentierten vom Verein beauftragte Anwälte die Forderung nach einem Entschädigungsfonds im Umfang von 25 Milliarden Euro. Doch Vollmer weigerte sich, die neuen Vertreter der Heimkinder und deren Anwälte am Runden Tisch zuzulassen. Sie wollte Aufklärung statt Konfrontation und ließ die Zusammensetzung so wie sie war.

Frage der Entschädigung

Im Januar stimmt das Gremium nun über einen Zwischenbericht ab, der den bisherigen Stand der Ermittlungen festhält. In der Schlussphase geht es dann um das eigentliche Thema: Was folgt aus der Erkenntnis, dass so viele Menschen mitten in Deutschland, zu Zeiten der Demokratie und des Wirtschaftswunders, so gelitten haben? Die im Juni angehörten Experten machten klar, dass das Opferentschädigungsgesetz für diesen Personenkreis nicht greift.

Direkte finanzielle Entschädigungen aber bleiben auf der Tagesordnung. Allerdings dürften, falls es zu solchen kommt, die Größenordnungen erheblich niedriger sein, als den Heimkindern vorschwebt. Vertreter der Zwangsarbeiterstiftung schilderten, dass selbst dieser Kreis im Durchschnitt nicht mehr als 2500 Euro pro Betroffenen bekam – für das unter Hitler erlittene Unrecht. Zudem ist es schwierig, genau zu ermitteln, wer einen Anspruch hätte und noch schwieriger festzustellen, wer heute, 30 Jahre danach, als Rechtsnachfolger früherer Heimbetreiber zahlungspflichtig wäre.

Bekenntnis zur Vergangenheit

Am Ende, so ist aus dem Gremium zu hören, geht es wohl weniger um Geld, sondern vielmehr um die immaterielle Anerkennung der Schicksale. Dazu gehörten Akteneinsicht und das Bekenntnis der Täter oder ihrer Nachfolger zu der Vergangenheit. Dazu gehören lokale Gesprächskreise und Selbsthilfegruppen. Viele Runde Tische eben, an denen das Tabu gebrochen wird.

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