MÜNCHEN

Schockstarre bei der CSU

GERMANY-VOTE-CSU       -  Sichtlich geschockt: CSU-Chef Horst Seehofer
Sichtlich geschockt: CSU-Chef Horst Seehofer Foto: Christof Stache, afp

In der CSU-Spitze hatte man in den letzten Tagen schon damit gerechnet, dass es schlimm kommen könnte. Die Stimmung im Wahlkampfendspurt sei sehr unterschiedlich gewesen, berichtete etwa CSU-Vize Barbara Stamm: „Aber dass es so schlecht ausgeht, hätte ich nicht gedacht.“

Der Schock bei der zentralen CSU-Wahlparty in der neuen Parteizentrale am Rande Münchens war mit Händen zu greifen: Fast regungslos wurden die ersten Hochrechnungen hingenommen. Aus der Parteispitze war kurz nach 18 Uhr ohnehin noch niemand zu sehen.

Handgestoppte drei Minuten dauerte es zudem nur, bis in der auf große Leinwänden ausgestrahlten Wahlsendung des Bayerischen Rundfunks die Frage gestellt wurde, die die CSU noch länger intensiv beschäftigen dürfte: Kann Horst Seehofer bei einem Ergebnis unter vierzig Prozent Parteichef bleiben?

Erwin Huber kommt als erster Kritiker aus der Deckung

Als Erster wagte sich Seehofers Vorgänger Erwin Huber aus der Deckung: Der Niederbayer, Seehofer schon lange in inniger Abneigung verbunden, machte keinen Hehl daraus, wo er die Hauptschuld für die bitteren Stimmenverluste sieht: „Ein Bein für Merkel, ein Bein dagegen – diese Schaukelpolitik irritiert die Wähler“, sagte er. Zudem habe die CSU der AfD gerade in den letzten Wochen „zu viel Spielraum gegeben“.

In der Tat hatte Seehofer Anfang des Jahres von der CSU-Spitze uneingeschränkte Gefolgschaft für seinen wechselhaften Merkel-Kurs eingefordert – garniert mit dem aus einer CSU-Vorstandssitzung kolportierten Satz: „Wenn es nicht klappt, dann könnt ihr mich köpfen.“

Ein Angebot, von dem zumindest am Wahlabend noch nicht viele öffentlich Gebrauch machen wollten. „Keine Personaldebatten“, gab etwa CSU-Mann Alexander Dobrindt als Parole aus.

Andere gaben hinter vorgehaltener Hand zu bedenken, dass es zur Revolution in der CSU einen Revolutionsführer bräuchte. Markus Söder käme da wohl zuerst infrage. Doch ob er die offene Feldschlacht schon jetzt suchen will? „Mal sehen, wie die nächsten Tage laufen“, raunte ein führender CSU-Mann.

Bereits Ende letzte Woche hatte Seehofer bei einem kurzfristig einberufenen Pressetermin für ein unterdurchschnittliches Ergebnis vorgebaut. Der CSU-Wahlkampfplan sei nicht allein sein Werk gewesen, versuchte er sich in vorauseilender Vorwärtsverteidigung: „Die Strategie war immer eng abgestimmt in der CSU-Spitze“, betonte der CSU-Chef. Das Wahlergebnis sei deshalb „ein Gemeinschaftswerk“.

Doch zweifellos muss Seehofer bei einem historisch schwachen Ergebnis unter vierzig Prozent auch persönlich massiven internen Gegenwind fürchten.

Denn längst wird hinter den CSU-Kulissen etwa die Frage gestellt, ob Seehofer aus der schwachen Europawahl 2014 nichts gelernt habe: Damals war Seehofer mit der Strategie für und gegen Europa zu sein gescheitert. Den gleichen Fehler habe er nun im Umgang mit Merkels Flüchtlingspolitik wieder gemacht, hieß es in de CSU-Zentrale schon am Wahlabend.

Die AfD „wäre noch stärker, wenn sich CDU und CSU zerfleischt hätten“, grantelte Seehofer dagegen Ende letzter Woche. Ebenso alternativlos seien aber zuvor die monatelangen harten Attacken auf Merkels Flüchtlingskurs gewesen, verteidigte sich Seehofer: „Wenn wir diese Debatte nicht geführt hätten, wären uns die Massen von der Fahne gegangen“, findet der CSU-Chef.

Seehofers Furcht vor den „Pyjama-Strategen“ in der CSU

Keiner der CSU-eigenen „Pyjama-Strategen“ könne behaupten, mit einem anderen Kurs stünde die CSU besser da, polterte Seehofer: „Da braucht sich niemand melden am Sonntagabend“, drohte er schon am Donnerstag.

Auch bei seiner ersten Reaktion am Sonntagabend gab sich ein blasser, aber gefasster Seehofer kämpferisch: „Ich bin fest entschlossen, dieses Ergebnis so schnell wie möglich auszubügeln“, beteuerte er. Es werde nicht leicht werden, in Berliner Koalitionsverhandlungen die CSU-Positionen durchzusetzen. Doch: „Ich bin dazu bereit.“

Eine „offene Flanke auf der rechten Seite“ habe die CSU schmerzhaft getroffen. Diese Flanke gelte es nun schnell zu schließen, beteuerte Seehofer.

Er werde die Kerninhalte des CSU-„Bayernplans“ in Berlin durchsetzen, versprach Seehofer: „Mit etwas anderem kann kein Parteivorsitzender aus Berlin zurückkommen.“

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