WÜRZBURG

Snapchat: Das unperfekte Netzwerk

Snapchat: Alle reden über den Social-Media-Hype. Was macht die App eigentlich so besonders?
Snapchat: Das unperfekte Netzwerk
Hauptfunktion von Snapchat ist das Verschicken von Textnachrichten, Fotos und Videos an Freunde. Nach dem Betrachten löschen sich diese Inhalte nach wenigen Sekunden von selbst. Foto: dpa

Es ist schrill, knallbunt, chaotisch, absolut flüchtig und in großen Teilen banal. Das soziale Netzwerk Snapchat liegt derzeit voll im Trend. Nicht nur Jugendliche nutzen die Smartphone-App rege. Auch Prominente, Blogger und Journalisten beschäftigen sich seit einigen Monaten intensiv damit – sogar die CSU, der FC Bayern oder Arnold Schwarzenegger sind dort inzwischen aktiv.

Snapchat schlägt einen anderen Weg ein als die übrigen sozialen Medien. Etwa werden Nachrichten wenige Sekunden nach dem Betrachten automatisch gelöscht. Ist die App dennoch oder gerade deswegen so erfolgreich? Und was bietet sie eigentlich genau?

Snapchat stößt in eine Nische, die Facebook, WhatsApp, Twitter und Youtube noch übrig gelassen haben. Facebook setzt auf Beständigkeit und externe Inhalte. WhatsApp ist beliebt für den schnellen Nachrichtenaustausch. Das Markenzeichen von Twitter sind öffentliche Nachrichten im SMS-Stil. Und Youtube ist für Videos da. Snapchat nimmt sich von allem ein bisschen, ergänzt es um neue Facetten und bricht mit so manchen über die Zeit etablierten Social-Media-Konventionen. Der Fokus liegt auf Unterhaltung. Offenbar kommt dieses Konzept bei Jugendlichen gut an.

Nach Angaben der Betreiber kommt die App auf über 100 Millionen aktive Nutzer pro Tag. Laut einer Umfrage des Magazins „Bravo“ ist Snapchat bei jedem dritten Jugendlichen eines der wichtigsten sozialen Netzwerke – und liegt damit vor Facebook.

„Es gibt wohl eine Sehnsucht nach Strenge in dieser allzu offenen Social-Media-Welt.“

Eva-Maria Lemke, ZDF-Moderatorin

Dabei macht Snapchat eigentlich alles falsch. Es gibt keine Interaktionsmöglichkeiten wie das „Gefällt mir“ auf Facebook, Inhalte sind nur wenige Sekunden zu sehen, eine Verknüpfung mit anderen Netzwerken fehlt, die Bedienung ist anfangs verwirrend und die App ist für Hochkant-Videos ausgelegt – auf anderen Plattformen gilt das als Unsitte. Dennoch akzeptieren die Nutzer diese Hindernisse bereitwillig. „Es gibt wohl eine Sehnsucht nach Strenge in dieser allzu offenen Social-Media-Welt“, versucht Eva-Maria Lemke das Phänomen zu erklären. Die Moderatorin der ZDF-Nachrichtensendung „heute+“ experimentiert mit der App seit einigen Monaten und ist wie viele andere Medienaffine davon fasziniert.

Snapcode Snapchat Main-Post
Dies ist der Snapcode des Snapchat-Accounts der Main-Post. Wenn der Snapcode mit der Snapchat-App abfotografiert wird, kann die Main-Post als Freund hinzugefügt werden. Foto: Screenshot: Justus Neidlein / Snapchat

Auf Snapchat aufmerksam machte sie eine junge Praktikantin in ihrer Redaktion. „Sie hat sich mit mir hingesetzt und mir wie einer Oma alles erklärt“, berichtet Lemke, Jahrgang 1982. Da die App in vielen Bereichen anders als die übrigen sozialen Netzwerke funktioniert, tun sich viele Erwachsene anfangs schwer, dort einzufinden. Das führte kürzlich zu der kuriosen Situation, dass auf der Internetkonferenz Republica ein 15-Jähriger dem Fachpublikum das Funktionsprinzip nahebrachte.

„Nach etwas Eingewöhnung ist die Bedienung allerdings erstaunlich intuitiv“, sagt Lemke. Man entwickle dabei auch so etwas wie eine „Goldgräberstimmung“. Es gebe versteckte Funktionen und Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken. Die Entwickler fügen zudem jeden Tag neue Fotofilter hinzu, während andere wieder verschwinden. So ist die App in einem stetigen Wandel, jeder Tag birgt eine Überraschung.

Snapchat hat sich in den vergangenen Jahren erst zu dem entwickeln müssen, was es heute ist. Gestartet ist die App bereits 2011. Der Durchbruch ließ jedoch einige Zeit auf sich warten. Anfangs bot Snapchat lediglich eine Tauschfunktion für Fotos. Miteinander vernetzte Nutzer können sich damit mit der Handykamera aufgenommene Bilder schicken, die nach wenigen Sekunden wieder vom Handy verschwinden. Rasch geriet die App in Verruf, lediglich als Sexting-Werkzeug zu taugen – also um Nacktfotos auszutauschen. Doch die kalifornischen Entwickler haben die App stetig erweitert.

Am wichtigsten war wohl die 2013 eingeführte Story-Funktion. Nutzer können dort selbst erstellte „Geschichten“ teilen. Fotos und Videos lassen sich hier nicht nur einzelnen Freunden schicken. Jeder, der den Nutzer als „Freund“ hinzugefügt hat, kann die Story-Inhalte ansehen. Ein „Freund“ kann ebenso ein Prominenter als auch der Klassenkamerad sein. Zum Vernetzen reicht der Benutzername oder Snapcode (siehe Grafik oben).

Beim Ansehen einer Story muss der Betrachter nicht alle Inhalte von vorn bis hinten sichten, sondern kann per Fingerzeig die einzelnen Elemente, bestehend aus Fotos und Videos, überspringen – oder die maximal zehn Sekunden Anzeigedauer abwarten. Die Story lässt sich vom Ersteller nach und nach erweitern. Jedes Element wird nach 24 Stunden vom System gelöscht. Dieses Prinzip des künstlichen Verfallsdatums führt dazu, dass es jeden Tag etwas Aktuelles in der App zu sehen gibt.

Snapcode Snapchat MainDing
Dies ist der Snapcode des Snapchat-Accounts von MainDing.de. Wenn der Snapcode mit der Snapchat-App abfotografiert wird, kann MainDing.de als Freund hinzugefügt werden. Foto: Screenshot: Justus Neidlein / Snapchat

Die Videoschnipsel oder Bilder können mit Emoticons, kurzen Textkommentaren oder Filtern geschmückt werden. Diese Mittel bieten viel Freiraum für Kreativität. Beispielsweise berichtete Blogger Christian J. Papay für „Würzburg erleben“ vom Relegationsspiel der Würzburger Kickers in Duisburg via Snapchat. Mit einem in der App integriertem Videofilter projiziert er das Gesicht von Kickers-Trainer Bernd Hollerbach auf das seine – und gab so als falscher Hollerbach eine persiflierte Stellungnahme ab. Das ist nur eine der unzähligen Varianten auf Snapchat, Videos und Bilder anzureichern. Zugleich beschneidet die App den Anwender in seinen Möglichkeiten, da alle Inhalte innerhalb der App erstellt werden müssen.

Ein Foto mit der Spiegelreflexkamera aufnehmen, am PC bearbeiten und hochladen – das geht bei Snapchat nicht. Eva-Maria Lemke meint: „Das demokratisiert die Inhalte. Jeder hat die gleichen Möglichkeiten.“

Sind die Inhalte auf Snapchat dadurch authentischer als in anderen sozialen Netzwerken? Die ZDF-Moderatorin bezweifelt das. „Diese vermeintliche Authentizität hat eher eine gespielte Form angenommen“, so Lemke. „Es ist eine neue Art der künstlichen Natürlichkeit, die dort gepflegt wird.“ Unvorteilhafte Aufnahmen habe sie etwa in der App bisher noch nicht gesehen. Eine Studie aus den USA kam jedoch zu dem Schluss, dass private Nutzer ungezwungener Fotos und Videos teilen. Phillip Steuer, der ein Buch über die App geschrieben hat, beschreibt es so: „Auf Snapchat wird das Unperfekte zelebriert.“

Snapchat auf einen Blick

Snapchat ist eine Smartphone-App. Hauptfunktion ist das Verschicken von Textnachrichten, Fotos und Videos an Freunde. Nach dem Betrachten löschen sich diese Inhalte nach wenigen Sekunden von selbst. Häufig werden die Bilder mit Effekten verziert. Darüber hinaus können Nutzer ihre Fotos und Videos öffentlich machen – viele Prominente nutzen diese Funktion. lw

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