BRENNER

Stillstand am Brenner

Grenzgeschichten: Stundenlanges Warten zwischen Italien und Österreich war für Reisende früher normal. Jetzt könnte es wieder so kommen. Über einen Ort, der wie kein zweiter vom Stehenbleiben gelebt hat und trotzdem keine Zäune mehr will.
Brennerpass an der Grenze Italien Österreich seoh13498       -  Autobahn, Parkplatz, Bahngleise, der kleine Ort mit dem großen Einkaufszentrum – mehr ist da nicht in Brenner, dem Grenzort zwischen Österreich und Italien.IMAGO
Autobahn, Parkplatz, Bahngleise, der kleine Ort mit dem großen Einkaufszentrum – mehr ist da nicht in Brenner, dem Grenzort zwischen Österreich und Italien.IMAGO Foto: Foto:

Es gibt Orte, die nach Urlaub klingen. Nach Sonne, Süden, ein bisschen auch nach Sehnsucht. Orte, die man eigentlich nur vom Wegweiser kennt. Und die trotzdem diesen besonderen Klang haben. So wie Brenner. Brenner, das ist für viele Deutsche mehr als nur Ort, Autobahn, Alpenpass. Eine verheißungsvolle Wegmarke auf der Sehnsuchtsroute nach Italien. Wer am Brenner war, war über den Berg, hinter der Grenze, dem Meer so nah, dass man es schon erahnen konnte. Na ja, wenn man erst mal den Stau hinter sich hatte.

Heute sind solche Gedanken ebenso weit weg wie Schlagbäume oder Zollkontrollen. Wer jetzt, in den Osterferien, an den Gardasee will, muss nicht mehr am Brenner anhalten. Er fährt. Quält sich zusammen mit der Karawane aus Lastwagen, Wohnmobilen und Autos den Berg hinauf, rollt und rollt und merkt mitunter gar nicht, dass gerade eben, kurz vor dem Tunnel, Italien begonnen hat. Dass aus der österreichischen A 13 die A22 geworden ist. So schön kann Europa sein, ohne Grenzen, ohne Kontrollen.

Christian Seehauser findet, dass das auch so bleiben sollte. Er sitzt auf der anderen Seite, wo die Autobahn in Richtung Norden führt, dort, wo einst die Zollstation der Italiener war. Heute steht hier ein Glasklotz mit Skulpturen, die Berge und Wasser darstellen sollen. „Man wollte etwas Verbindendes, etwas Grenzabbauendes schaffen“, sagt Seehauser, bietet noch eine Tasse Cappuccino an und legt die Stirn dann wieder in Falten. Weil er es ja verstehen kann, das Problem mit den Flüchtlingen, und dass etwas passieren muss. „Ich versteh es“, sagt er noch einmal. „Aber ich bin alles andere als glücklich damit.“

Seit sieben Wochen führt der 42-Jährige am hinteren Ende des Museums ein Lokal. Schicker Nussbaum-Tresen, lange Tische, gepflegtes Ambiente. Der alte Autogrill ist weg, die Raststätten sollen schöner werden, sagt die Autobahngesellschaft. Jetzt verkauft Seehauser hier, was Südtirol so hergibt. Schüttelbrot, Schnaps, Speck – und den letzten Espresso in Italien.

Seehauser fürchtet, dass den bald immer weniger trinken wollen, wenn die Österreicher Ernst machen und Grenzkontrollen am Brenner in Richtung Norden einführen. Im April soll es losgehen, hieß es zunächst. Frühestens nach den Osterferien, heißt es nun. Für die Raststätte ist das Gift, sagt Seehauser, erst recht, wenn es wieder lange Staus gibt. Weil die Autofahrer dann gestresst sind, weil sie keinen Nerv für Kaffee haben, wenn sie wissen, welche Warterei ihnen bevorsteht. „Jeder will doch seinen Platz im Stau behalten“, sagt Seehauser.

Die Flüchtlinge wollen so oder so weiter. Nichts wie weg aus Griechenland, wo Tausende festsitzen, seit auf der Balkanroute kein Weiterkommen mehr ist. Viele dürften sich neue Wege Richtung Norden suchen – auch durch Italien. Hinzu kommen etwa 200 000, die, wie es heißt, in Libyen auf besseres Wetter für die Fahrt übers Mittelmeer warten. Darum setzt Österreich auf Abschreckung. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner erklärt das so: „Wir müssen Österreich und Europa zu einer Festung ausbauen. “ Ähnlich wie in Spielfeld, an der Grenze zu Slowenien, wo Container, Sperrgitter und ein vier Kilometer langer Zaun stehen, soll an zwölf weiteren Übergängen kontrolliert werden. Auch am Brenner.

Dort reden die einen von einer „mittleren Katastrophe“, warnen vor „gewaltigen Staus“, vor immensen Verlusten für die Transportunternehmen und Millionenschäden für die Wirtschaft, wenn Lkw wieder an der Grenze stehen. Kein Wunder, ist der Brenner doch so etwas wie die Schlagader Europas. Ein Nadelöhr, das im vergangenen Jahr 13 Millionen Fahrzeuge und 41 Millionen Tonnen Waren passierten.

Andere sehen gar 30 Jahre europäische Integration in Gefahr. Sprechen von einem „Rückschritt in alte Zeiten“ und einem „Stich ins Tiroler Herz“. Franz Kompatscher ist so einer. Der Mann mit Glatze und grauem Kinnbärtchen ist Bürgermeister von Brenner, jenes Dörfchens, das eingeklemmt zwischen Autobahn, Gleisen und Berghängen liegt. Und er sagt: „Es gibt derzeit sicher Angenehmeres, als Bürgermeister von Brenner zu sein.“

Ohnehin ist Kompatschers Job seit Jahren einer, um den sich nicht viele reißen dürften. Denn der Ort hat seine besten Zeiten lange hinter sich. Als die Deutschen in den Wirtschaftswunderjahren Italien für sich entdeckten, tranken sie auf der Hinfahrt hier den ersten Cappuccino in Italien. Auf dem Rückweg hielten viele, um noch einmal billig zu tanken, die letzten Lire für italienische Mortadella auszugeben, oder für die guten Tomaten, die man daheim nicht kaufen konnte.

Der Brenner hat vom Stehenbleiben an der Grenze gelebt. Heute bröckelt von vielen Häusern, die sich entlang der Brenner-Bundesstraße reihen, der Putz. Läden stehen leer, Hotels haben zugemacht. Zöllner, Polizisten und Finanzbeamte sind weggezogen, seit die Schlagbäume 1998 verschwanden. Von einst 1000 Bewohnern sind gerade einmal 250 geblieben, ein Großteil davon aus Pakistan, der Türkei oder Ägypten.

Es scheint eine Ironie der Geschichte zu sein, dass das Zusammenwachsen Europas den Niedergang des Dorfs eingeläutet hat. Trotzdem will der Bürgermeister auch künftig keine Absperrungen sehen - weder im Ort noch drüben an der Autobahn. „Gegen Zäune bin ich allergisch“, sagt Kompatscher. Und dass der Brenner als Symbol für den freien Verkehr innerhalb von Europa geschützt werden müsse. „Wenn dieses Symbol stirbt, heißt das, dass Europa auch stirbt.“

Dabei ist Brenner so etwas wie Europa im Miniaturformat. Auf der einen Seite des Kreisverkehrs ist Österreich, auf der anderen Italien. Das „Designer Outlet Brenner“, jenes Einkaufszentrum mit 60 Geschäften und 1,7 Millionen Besuchern im Jahr, das seit neun Jahren wie ein Raumschiff im Ort thront, hat ein vierstöckiges Parkhaus. Wer will, kann in Österreich reinfahren und in Italien wieder raus.

Gegenüber, in der einstigen österreichischen Grenzstation, wird Trachtenmode verkauft. Fast alles zum halben Preis. Kundschaft hat Ute Penz trotzdem nicht. Aber Zeit, nach draußen zu schauen, dort, wo der Polizeibus steht, gleich hinter dem Schild „Republik Österreich – Grenzübergangsstelle“. Erst am Morgen hat sie gesehen, wie ein paar Flüchtlinge nach Österreich wollten. Die Polizei habe sie zurückgeschickt. Mittags waren sie wieder da. „So geht das jeden Tag“, schimpft die Frau. Und dass die Grenze endlich zugemacht werden muss, dass es einen Zaun braucht. Wo der dann verlaufen soll – mitten durch den Ort, mitten durch den Kreisverkehr? „Wir wissen es nicht“, sagt Penz. Dann zieht sie einen Zeitungsausschnitt aus der Schublade und zeigt auf das Bild. „Wo wir sind, soll die Regierungsstelle für Flüchtlinge hinkommen.“

Der Bürgermeister winkt ab. Er rechnet damit, dass hinten am Parkplatz ein Container aufgebaut wird. Und er glaubt auch nicht an Zäune, die mitten durch den Ort verlaufen – weil das aus seiner Sicht gar nicht nötig ist. Auch nicht drüben, an der Autobahn, wo die Fahrzeuge auf dem Weg nach Österreich kontrolliert werden sollen. Nur, was hilft das, wenn man in Wien davon spricht, dass für das „Grenzmanagement“ schon die nötigen Zäune, Sperrgitter und Container bereitstehen? Wenn der Tiroler Landespolizeidirektor Helmut Tomac betont, dass die „geplanten Grenzsicherungsmaßnahmen“ auch bauliche Einrichtungen umfassen „wie den viel umstrittenen Zaun, der natürlich in so kleinen Teilbereichen wie möglich aufgestellt wird“?

Die Region, so viel steht fest, hat ein Problem. Offiziell passierten im vergangenen Jahr 49 500 Flüchtlinge den Brenner. Tatsächlich dürften es noch mehr gewesen sein, schätzt die Polizei. Viele versuchen es über die Autobahn, die als eine der Hauptrouten für Schleuser in Europa gilt. Die meisten aber kommen mit der Bahn. 200 Menschen landeten im Sommer täglich am Bahnhof Brenner, jetzt sind es um die 50. Und alle wollen so schnell wie möglich wieder weg, sagt Alessio.

Der 35-Jährige sitzt im Büro der Flüchtlingshilfe, ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt, und erzählt. Von den jungen Männern, die hier stranden. Die eine Nacht auf dem Klappbett im Büro schlafen können. Von denen, die sich verstecken, bis der nächste Zug einfährt. Die sich in der Zugtoilette einsperren, um den Kontrollen zu entgehen. „Alle wollen nach Deutschland“, sagt Alessio. Und dass das jetzt so gut wie unmöglich ist.

Das Telefon klingelt, die Carabinieri. „Si, si“, sagt Alessio, verschwindet nach hinten, vorbei an den Kartons mit Kleiderspenden, und kommt mit einer Tüte zurück. Zwei Semmel, ein Apfel, eine Flasche Wasser. „Schnell“, sagt er. Weil Bubacarr, der junge Mann aus Gambia, Hunger hat. Vor allem aber, weil er zurück soll. Und der nächste Zug in zehn Minuten fährt.

Bubacarr, der nichts als einen Rucksack mit sich trägt, schüttelt den Kopf. Auf seinem Zugticket steht doch „München“. Alessio aber sagt „Bolzano, Verona, Rome“ - und drückt schon mal die Tasten am Ticketautomaten. Der Zug fährt ein. Alessio nickt Bubacarr ein letztes Mal zu, dann atmet er tief ein. „Es sind zu viele, die kommen“, sagt er. Und dass sie das Problem allein nicht lösen können. Nicht so.

Drüben an der Autobahn hat Christian Seehauser andere Probleme. Das neue Geschäft. Die Diskussion darüber, wo genau die Kontrollen Richtung Norden erfolgen sollen. Noch 20 Kilometer vor der Grenze, in Sterzing? Oder nach dem Tunnel, wo Österreich beginnt? Mit 30 Stundenkilometern sollen die Autos die Grenze passieren, heißt es bei der Tiroler Polizei. Und dass es bei „Sichtkontrollen“ bleiben soll, um den Verkehr am Laufen zu halten.

Seehauser hofft, dass es so kommt. Lange Wartezeiten, Stau am Brenner, „das wäre eine Katastrophe“. Weil sich mancher das Wochenende am Gardasee schenken könnte, wenn er auf dem Rückweg im Stau steht. Wo er in dieser Zeit doch in der Sonne sitzen, Eis essen und Prosecco trinken könnte.

„Gute Fahrt auf Österreichs Autobahnen“ steht auf dem Schild, gleich hinter dem Tunnel, dort, wo der Autofahrer die Grenze passiert. Ja, wenn es nur so einfach wäre.

Der Brenner

Wirtschaftliche Bedeutung: Der Brennerpass, der Österreich und Italien verbindet, ist einer der wirtschaftlich bedeutendsten Grenzübergänge. Da er mit 1370 Metern Höhe zu den niedrigsten Alpenübergängen zählt, ist er das gesamte Jahr über befahrbar. Er war nachweislich schon in der Bronzezeit begangen. Durch die Gemeinde verlaufen die A 22 und die SS 12 sowie die Brennerbahn, die hier mit dem Bahnhof Brenner und dem Bahnhof Gossensaß zwei Zugangsstellen bietet. Auch die Eisacktal-Radroute durchquert das Gemeindegebiet. Historische Bedeutung: Zugleich gilt der Brenner vielen Traditionalisten als historische „Unrechtsgrenze“. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1919 am Brenner eine Grenze gezogen, die das alte, historische Tirol entzweite – in Tirol, das zu Österreich gehört, und in das italienische Südtirol. Mehr als ein halbes Jahrhundert haben Österreich und Südtirol schrittweise versucht, die Brennergrenze zu überwinden. 1998 wurde die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino gegründet. Europäische Bedeutung: Europas Einigungsprozess hat sich auch auf diese Region stark ausgewirkt. Seit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 und der Teilnahme am Schengen-Abkommen, das passfreies Reisen innerhalb der 26 Schengen-Staaten ermöglicht, gibt es keine Grenzkontrollen mehr am Brenner. Am 1. April 1998 wurden die Grenzbalken abmontiert. sok

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