BERLIN

Stress und Langeweile statt Spielen und Lernen

Flüchtlingskinder
Kinder auf dem Flur eines Flüchtlingsheims. Foto: Jens Büttner, dpa

Kaum Privatsphäre, unzureichende hygienische Bedingungen und fehlender Schutz vor Übergriffen – so sieht das Leben in vielen Flüchtlingsunterkünften aus. Nicht nur Erwachsene, sondern vor allem Kinder leiden darunter. Das ist das Ergebnis der am Dienstag in Berlin vorgestellten Unicef-Studie „Kindheit im Wartezustand“, für die 447 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften befragt wurden.

In den vergangenen zwei Jahren kamen etwa 350 000 Kinder und Jugendliche in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland, um hier Schutz vor Krieg und Gewalt zu suchen. Flüchtlingsunterkünfte sind für die meisten dieser Kinder zunächst der zentrale Lebensmittelpunkt.

Hygiene mangelhaft

Doch Adam Naber vom Bundesverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Mitautor der Studie sagt: „Viele Unterkünfte sind keine kindgerechten Orte.“ Denn die Mädchen und Jungen leben dort mit vielen fremden Menschen auf engem Raum, ohne Ruhe zum Spielen und Lernen zu haben.

Auch baulich seien viele Unterkünfte nicht familiengerecht: Aufenthaltsräume für Kinder und Jugendliche fehlen häufig, die hygienischen Bedingungen in gemeinschaftlich genutzten Sanitär- und Waschräumen sind oft nicht ausreichend. Aufgrund nicht abschließbarer Zimmer und Sanitäranlagen sind die Kinder oft Stress ausgesetzt, 23 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass Kinder und Jugendliche in ihren Einrichtungen schon Zeuge von Gewalt geworden sind. Zehn Prozent berichteten, dass Kinder selbst Opfer wurden. Die Dunkelziffer dürfte den Studienautoren zufolge deutlich höher sein. „Bei den Familien entsteht so ein permanentes Unsicherheitsgefühl, das die Kinder als Bedrohungssituation wahrnehmen“, sagt Naber. Eng verbunden mit der Art der Unterbringung ist der Zugang zu Bildung. Denn in vielen Bundesländern besteht kein Anspruch auf einen Regelschulplatz während der Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung.

Nur 29 Prozent der befragten Mitarbeiter aus Erstaufnahmeeinrichtungen gaben an, dass die Kinder in ihren Unterkünften zur Schule gehen. Und obwohl die gesetzlich vorgeschriebene Höchstaufenthaltsdauer in diesen Unterkünften sechs Monate beträgt, sagten 22 Prozent der Befragten, dass Familien dort zwischen sechs und zwölf Monaten verbringen. Ähnliches zeigt sich bei Kita-Plätzen: Hier berichteten 22 Prozent, dass die Wartezeit sechs Monate oder länger beträgt. So mangelt es den Kindern nach oft monate- oder jahrelanger Flucht auch in Deutschland weiter an dringend notwendigen Anreizen sowie einem stabilen, fördernden Umfeld – und das in einer ihrer wichtigsten und prägendsten Entwicklungsphasen.

Warten müssen geflüchtete Familien auch bei der Gesundheitsversorgung: Zwar haben sie in der Regel Zugang zu Akutbehandlungen, chronische Erkrankungen hingegen werden weitaus seltener behandelt. In den seltensten Fällen erhalten sie professionelle psychotherapeutische Behandlungen, obwohl diese nach traumatischen Fluchterfahrungen oftmals nötig wären.

Tristesse und Warten

Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, sagt: „Der Alltag der Kinder in Flüchtlingsunterkünften ist geprägt von Tristesse und Warten. Warten darauf, dass nach mehreren verlorenen Jahren auf der Flucht endlich ihre Zukunft beginnt.“

Unicef fordert deshalb, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Familien grundsätzlich nur so kurz wie möglich in Flüchtlingsunterkünften untergebracht werden. Zudem sollen Unterkünfte familien- und kindgerechte Standards erfüllen und Flüchtlingskinder schnellstmöglich Zugang zu Schulen und zur Kindertagespflege erhalten – unabhängig von ihrem Herkunftsland oder dem Status im Asylverfahren.

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