BRÜSSEL

Tsipras und Juncker Hand in Hand

Demonstrativ einig: Alexis Tsipras (links) und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker
Demonstrativ einig: Alexis Tsipras (links) und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker Foto: Emmanuel Dunand, afp

Für einen kurzen Augenblick stehen die beiden voreinander, als ob sie nicht wissen würden, ob sie es auch tun sollen. Doch dann umarmt Jean-Claude Juncker seinen Gast Alexis Tsipras. Der Kommissionspräsident und der neue griechische Premier, die bisher nur übereinander geredet haben. Und als ob das noch nicht reicht, ergreift Juncker mit ungewohnter Herzlichkeit die Rechte des Mannes aus Athen und lässt sie nicht mehr los. Hand in Hand gehen die beiden schließlich von der Bühne. Es ist Mittwoch, zehn Tage nach der Wahl in Griechenland. Tsipras absolviert seinen Antrittsbesuch bei der EU.„Willkommen, wir gehören zusammen“, sollte diese Geste sagen.

Die neue Regierung hat sich genau dort eingefunden, wo sie vorher so gar nicht sein wollte: in den Armen der Gemeinschaft. „Es gibt schon zu viele Risse in Europa, um neue entstehen zu lassen“, sagte der neue griechische Hoffnungsträger, der mit 40 Jahren zu den jüngeren Regierungschefs in der EU gehört, am Abend zuvor in Rom.

Guter und böser Junge

Während sein Finanzminister Gianis Varoufakis zunächst die Rolle des aggressiven „bad guys“ übernahm, entschied Tsipras sich für die Besetzung des ausgleichenden „good guys“. „Griechenland gehört zu dieser Gemeinschaft, und wir wollen gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern die Probleme lösen, damit beide Seiten vorankommen“, erklärte der Hoffnungsträger der Hellenen in Brüssel. Es scheint so, als bettele die neue Regierung fast schon inständig um „Zeit, etwa einen Monat oder sechs Wochen, ab Ende Februar, um eine Einigung zu finden, die dann ab dem 1. Juni umgesetzt wird“ (Varoufakis).

Die Bilanz des Kommunikationschaos’ der ersten Tage fällt jedoch niederschmetternd aus. Keiner weiß, wofür die neue Führung steht. Dabei bleiben die Zahlen unverändert dramatisch: Athen steht mit 317 Milliarden Euro bei seinen Gläubigern in der Kreide, der Schuldenstand liegt – die diversen Institute unterscheiden sich mit ihren Angaben – um 177 Prozent. Unerträglich viel.

Um da herunterzukommen, drängt die Regierung auf einen Nachlass oder vergleichbare Maßnahmen. Letztlich sei es egal, welches Wort man dafür finde, betonte Finanzminister Varoufakis am Mittwoch. Seine Regierung werde nicht davor zurückschrecken, auch „Euphemismen“ (beschönigende Bezeichnungen) zu benutzen, um an ihr Ziel zu kommen. So kann sich Athen vorstellen, die ohnehin schon auf 30 bis 50 Jahre gestreckten Laufzeiten der Kredite noch einmal zu verlängern und die heutigen Zinsen von 1,5 Prozent, die die Geldgeber für ihre Bürgschaft einstreichen, zu senken. Das muss man nicht Schuldenschnitt nennen, de facto ist es aber einer.

Solche Vorschläge dürften sogar Gnade in den Augen des strengen deutschen Finanzministers, Wolfgang Schäuble, finden. Er trifft heute mit seinem neuen griechischen Gegenpart zusammen.

Gleichzeitig denkt man im Schatten der Akropolis daran, die Finanzhilfen der europäischen Partner durch Papiere zu ersetzen, die an das Wirtschaftswachstum des Mittelmeerlandes gekoppelt sind. Griechenland-Bonds, die die Europäische Zentralbank (EZB) gekauft hatte, sollten durch Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit ersetzt werden. Zudem sagte Tsipras gestern in Brüssel zu, die Steuerhinterziehung hart zu bekämpfen und alle Landsleute schärfer zu besteuern. „Es gibt noch kein Agreement“, betonte er nach einem Gespräch mit Parlamentspräsident Martin Schulz. „Aber ich kann Ihnen versichern: Wir sind auf einem guten Weg.“

Der große Showdown steht am Donnerstag kommender Woche an. Am Mittwoch treffen sich die Finanzminister der Eurogruppe zu einer Sondersitzung. Einen Tag später kommen die 28 Staats- und Regierungschefs zum EU-Gipfel nach Brüssel. Es wird – so scheint es bisher – auch die erste Begegnung der Kanzlerin mit dem Athener Premier werden.

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