Verbeugung vor den Opfern rechten Terrors

Gedenkfeier in Berlin: Angehörige der Toten rufen zum Einsatz gegen Hass und Gewalt auf. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt die kaltblütigen Morde „eine Schande für unser Land“.

Mein Sohn starb in meinen Armen.“ Am 6. April 2006 sitzt Halit Yozgat hinter der kleinen Theke seines Internetcafés in der Holländischen Straße in Kassel, als ein Unbekannter in den Laden stürmt und den 21-Jährigen mit zwei Schüssen niederstreckt. Sein Vater Ismail, der ihn an der Kasse eigentlich schon hätte ablösen sollen, kommt an diesem Tag ein paar Minuten zu spät.

Heute, fast sechs Jahre danach, hat er nur noch drei Wünsche: dass nach den mutmaßlichen Mördern auch deren Helfer und Helfershelfer gefasst würden. Dass die Straße, in der sein Sohn sein Leben ließ, nach ihm benannt wird – und dass irgendjemand das Geld, mit dem der Bund die Opfer der Zwickauer Zelle entschädigt, in eine Stiftung steckt, die Krebskranken hilft. „Meine Familie möchte seelischen Beistand“, sagt Ismail Yozgat ruhig, aber bestimmt. „Keine materielle Hilfe.“

Der kurze Auftritt des kleinen, gedrungenen Mannes ist der berührende Höhepunkt der Trauerfeier für die Opfer des rechten Terrors im Berliner Konzerthaus. „Unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß“, beteuert er auf Türkisch. Wie für viele Angehörige ist diese späte Gedenkstunde auch für ihn eine Art Abschluss. Ausdrücklich dankt Yozgat, der um ein Haar womöglich selbst zum Opfer geworden wäre, deshalb dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, der die Idee zu dieser Veranstaltung hatte, nun aber aus den bekannten Gründen fehlt: „Wir sind seine Gäste, wir bewundern ihn.“

An Wulffs Stelle redet Angela Merkel. Die kaltblütigen Morde der Rechtsextremisten, sagt sie, ohne die Namen von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zu nennen, seien „eine Schande für unser Land“. Neben der Kanzlerin stehen zwölf weiße Kerzen, für jeden der zehn Toten eine, dazu eine für die unbekannten Opfer rechter Gewalt und eine letzte, die auch in diesem traurigen Moment Mut machen soll. „Sie ist das Symbol unserer Zuversicht“, sagt Angela Merkel, nachdem sie zuvor den irischen Denker Edmund Burke zitiert hat: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“

Es ist eine Rede, die auch einer routinierten Rednerin wie ihr nicht leicht fällt, weil auch sie noch keine Erklärung für das Unbegreifliche, Unfassbare hat. Nach dem Auffliegen der Terrorzelle hat sie sich ein Video zeigen lassen, in dem die Täter mit ihren Morden prahlen und ihre Opfer verhöhnen, unterlegt mit Szenen aus den Trickfilmen mit dem berühmten rosaroten Panther. „Etwas Menschenverachtenderes“, sagt die Kanzlerin, „habe ich in meiner Arbeit noch nicht gesehen.“ Andererseits weiß sie nur zu gut, dass der Staat alleine Hass und Gewalt nicht bezwingen kann. Jeder, verlangt sie, müsse sich deshalb mitverantwortlich fühlen, sich für ein friedliches Miteinander engagieren, Zeichen setzen: „Demokratie lebt vom Hinsehen, vom Mitmachen.“ Neonazis dürften Jugendliche nicht mit Kameradschaftsabenden einfangen können, weil sich niemand sonst um sie kümmere, mahnt die Kanzlerin. Gleichgültigkeit habe eine schleichende, aber verheerende Wirkung: „Sie treibt Risse mitten durch unsere Gesellschaft.“

Was die Angehörigen von Halit Yozgat, dem Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek, Theodoros Boulgaridis aus München oder der Polizistin Michelle Kiesewetter durchlitten haben, kann auch Angela Merkel nur erahnen. Weil Behörden schlecht oder gar nicht zusammengearbeitet haben, tappten die Ermittler fast 14 Jahre lang im Dunkeln und suchten die Mörder auch in den Familien der Toten. „Wie schlimm muss es sein“, fragt die Kanzlerin nun, „über Jahre falschen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein. Welche Qual muss es sein, wenn Freunde und Nachbarn sich abwenden.“ Dafür vor allem, sagt sie, die Angehörigen vor ihr fest im Blick, „bitte ich Sie um Verzeihung“.

Semiya Simsek ist eine von ihnen. Ihr Vater war damals, in Nürnberg, das erste Opfer. In Ruhe trauern aber, klagt sie, „konnten wir nicht“. Mal verdächtigte die Polizei Familienmitglieder, mal hielt sie Enver Simsek für einen Kriminellen, einen Drogenhändler vielleicht. Nun klagt seine Tochter genau das noch einmal an: „Können Sie erahnen, wie es sich für meine Mutter angefühlt hat, plötzlich selbst ins Visier der Ermittlungen genommen zu werden?“

Über Integration, erzählt Semiya Simsek, habe sie sich eigentlich nie Gedanken gemacht. Sie ist in Deutschland geboren und, wie sie selbst sagt, „fest verwurzelt“. Nach dem Mord allerdings hat die 25-Jährige sich lange gefragt, ob sie hier tatsächlich zu Hause ist. Einfach zu gehen, findet sie, „kann keine Lösung sein“. Sie selbst will dennoch einen Neuanfang wagen. In diesem Sommer – in der Türkei.

Zitate aus Angela Merkels Rede

Bevor wir die alles überragenden Fragen „Wie konnte das geschehen?“, „Warum sind wir nicht früher aufmerksam geworden?“, „Warum konnten wir das nicht verhindern?“ beantworten, bitte ich darum, dass wir schweigen. Schweigen, so wie heute um zwölf Uhr Beschäftigte im ganzen Land schweigen werden. Gewerkschaften und Arbeitgeber haben das vereinbart. Wir vergessen zu schnell – viel zu schnell. Wir verdrängen, was mitten unter uns geschieht; vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind mit anderem; vielleicht auch, weil wir uns ohnmächtig fühlen gegenüber dem, was um uns geschieht. Nur wenige hierzulande hielten es für möglich, dass rechtsextremistische Terroristen hinter den Morden stehen könnten, nachdem bislang für typisch gehaltene Verhaltensmuster von Terroristen, wie zum Beispiel Bekennerschreiben, nicht vorlagen. Das führte stattdessen zur Suche nach Spuren im Mafia- und Drogenmilieu oder gar im Familienkreis der Opfer. Einige Angehörige standen jahrelang selbst zu Unrecht unter Verdacht. Das ist besonders beklemmend. Dafür bitte ich sie um Verzeihung. Diese Jahre müssen für Sie, liebe Angehörige, ein nicht enden wollender Albtraum gewesen sein. In einem der Gespräche, die Altbundespräsident Wulff mit Hinterbliebenen geführt hat, fiel der Satz – ich zitiere: „Wir wollten einfach nur wie normale Menschen behandelt werden.“ Wie normale Menschen – diese drei Worte zeigen ihre ganze Verzweiflung. Wie schlimm muss es sein, über Jahre falschen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein, statt trauern zu können?! Welche Qual ist es, wenn Nachbarn und Freunde sich abwenden, wenn sogar nächste Angehörige zweifeln?! Und wie wird man fertig mit der Skepsis, ob die Sicherheitsbehörden wirklich alles Menschenmögliche tun, um den Mord an dem Nächsten aufzuklären?! Es ist ein schlimmer Zustand erreicht, wenn Neonazis junge Menschen mit Kameradschaftsabenden einfangen können, weil niemand sonst sich um diese Jugendlichen kümmert. Es darf uns nicht ruhen lassen, wenn eine verfassungsfeindliche und rechtsextremistische Partei junge Familien mit Spielen und Festen ködern kann, weil andere das nicht bieten. Demokratie lebt vom Hinsehen, vom Mitmachen. Sie lebt davon, dass wir alle für sie einstehen, Tag für Tag und jeder an seinem Platz. Demokratie zu leben mutet uns zu, Verantwortung zu übernehmen für ein Zusammenleben in Freiheit – und damit für ein Leben in Vielfalt.

Bewegende Rede: Semiya Simsek aus Nürnberg trauert um ihren Vater Enver. Foto: dpa

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