„Vielleicht wird man erfahrener“

Angela Merkel: Sie hat schon viele Krisen gesehen in bald 14 Jahren Kanzlerschaft. Und nun kämpft sie auch noch mit einer Gesundheitskrise, kurz vor ihrem 65. Geburtstag an diesem Mittwoch.
Angela Merkel wird 65
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) feiert am heutigen Mittwoch ihren 65. Geburtstag. Foto: Britta Pedersen, dpa

Vor fünf Jahren freuten sich viele über den runden Geburtstag von Angela Merkel. Die CDU lud ein paar Hundert Leute zur Feier ins Konrad-Adenauer-Haus, Promis und Journalisten sangen Ständchen. Dazu gehörte damals eine wegen ihrer Dissonanzen völlig peinliche Vorstellung: Unter der Leitung des „Dschingis-Khan“-Sängers und CDU-Wahlkampf-Barden Leslie Mandoki intonierte ein vielstimmiger Chor unter anderem mit Claudia Roth (Grüne) und Andrea Nahles (SPD) das Lied „Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen“.

Fünf Jahre sind seitdem ins Land gegangen, Kanzlerin Merkel feiert an diesem Mittwoch ihren 65. Geburtstag, und es darf mit Sicherheit angenommen werden, dass ihr etwas weniger Sturm und Braus in den letzten Jahren durchaus recht gewesen wären. Vor allem der Flüchtlingszuzug im Sommer und Herbst 2015 löste heftige Wirbel aus.

Zwei Jahre wird Merkel noch im Amt bleiben, wenn die Große Koalition so lange hält und es keine Neuwahlen gibt. Was bleibt danach von der Politikerin Angela Merkel? In Erinnerung an Helmut Kohl (CDU) ist die Antwort leicht: Er war der Kanzler der Einheit. Sein Nachfolger Gerhard Schröder (SPD) sagte „Nein“ zum Irak-Krieg und schuf die Agenda 2010.

Bei der Kanzlerin fällt die Antwort nicht so eindeutig aus. Merkel legte sich zum Höhepunkt der Finanz- und Eurokrise 2008/2009 mächtig ins Zeug. Nächtelang verhandelte sie in Brüssel, um den ebenso einflussreichen wie rücksichtslosen Banken Leitplanken zu setzen.

Die deutsche Regierungschefin war dabei im europäischen Chor tonangebend, gleichzeitig verließ sie sich auf tatkräftige Helfer wie den damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Vielen gilt die Eurokrise heute als beruhigt, aber immer noch nicht ausgestanden.

Merkels Wirken beim Flüchtlingszuzug wird, je nach politischem Standpunkt und oft auch je nach Temperament, in der Bevölkerung höchst unterschiedlich bewertet. Nicht wenige Kritiker werfen ihr vor, damals die Schleusen geöffnet und mit ihrem historischen Satz „Wir schaffen das“ Deutschland dem Verfall preisgegeben zu haben. Andere zollen ihr Respekt für den Mut, christliche Nächstenliebe gegen Widerstände auch im eigenen Land bewiesen zu haben.

Eine Zeit lang versuchte Merkel, sich als Klimakanzlerin zu etablieren. Im roten Anorak wurde sie im August 2007 vor einem Gletscher in Grönland fotografiert. Die Inszenierung ging wie geplant um die Welt, hier sollte der Weg bereitet werden für eine Politikerin, die gegen Erderwärmung und Dürre ins Feld zieht. Das Vorhaben scheiterte an mannigfachen Widerständen, Deutschland ist von der Einhaltung einst verkündeter Klimaziele weit entfernt. Andererseits war es Merkel, die – von der Reaktorkatastrophe in Fukushima im März 2011 persönlich nachhaltig betroffen – den deutschen Atomausstieg einleitete. Von der Wirtschaft und von Teilen ihrer eigenen Partei wurde sie dafür jedoch politisch schwer verprügelt, der Atomausstieg hat bis jetzt schon Milliarden Euro gekostet. Das Minsker Friedensabkommen ist eine Leistung, die maßgeblich auf Merkel zurückzuführen ist. Frieden in der Ukraine hat das in Marathonsitzungen ausgehandelte Papier bisher jedoch leider nicht gebracht. Mut bewies Merkel, als sie 1990 in die CDU eintrat und sich dann anschickte, in einem männerdominierten Umfeld Karriere zu machen. Sie wurde Parteivize, Frauen- und danach Umweltministerin, Generalsekretärin der CDU und 2000 schließlich Vorsitzende der Partei. Im November 2005 bezog sie ihr Büro im Kanzleramt. Solch ein Werdegang hat das Potenzial, in den Geschichtsbüchern Eingang zu finden. Viele Beobachter sehen in Merkels Rede bei der 368. Graduationsfeier der Harvard University ihr politisches Vermächtnis. Die weltweit beachtete Ansprache der im Osten aufgewachsenen Pfarrerstochter geriet zu einer Art Lebensbeichte, die tiefe Einblicke in die Gedankenwelt des Menschen Merkel erlaubt.

Merkel hielt die Rede Ende Mai. In der Zwischenzeit fiel sie mit Zitteranfällen auf, einige Passagen lassen im Lichte dieser Vorfälle eine neue Lesart zu. „Es gibt keinen Anfang ohne ein Ende, keinen Tag ohne die Nacht, kein Leben ohne den Tod“, sagte Merkel vor den Studierenden. „Unser ganzes Leben besteht aus der Differenz, aus dem Unterschied zwischen dem Beginnen und dem Beenden. Das, was dazwischenliegt, nennen wir Leben und Erfahrung.“

Eine ähnlich nachdenkliche Merkel erlebte die Öffentlichkeit vergangene Woche. Was ihr Wiegenfest anbelange, „so darf ich darauf hinweisen, dass mir bewusst wird, und zwar auch am 65. Geburtstag, dass man immer älter wird“, sagte sie. Der 65. Geburtstag sei natürlich nicht ganz so markant wie der 60. und der 70. Geburtstag, „aber er liegt genau in der Mitte. Das bedeutet eben, dass man nicht jünger wird“, analysierte die Physikerin und ergänzte nachdenklich: „Aber vielleicht wird man erfahrener. Alles hat seine gute Seite.“

Von Merkels Vorgängern waren solche Worte während der Amtszeit nicht zu hören, sie wären als Schwäche ausgelegt worden. Womöglich ist das Merkels Vermächtnis: wieder ein Stück Menschlichkeit in die Politik zurückgebracht zu haben.

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Als Bundesfrauenministerin mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1991 in Dresden Foto: Michael Jung, dpa

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