Vom Ladenhüter zum Bestseller

„Charlie Hebdo“: Käuferschlangen im Westen, Massenproteste in der islamischen Welt. Die Reaktionen auf die erste Ausgabe des Satiremagazins nach den Terroranschlägen könnten unterschiedlicher nicht ausfallen. Im Niger starben mindestens zehn Menschen.
Protest in Pakistan: Die Mohammed-Karikaturen in der aktuellen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ geben den Extremisten Aufwind. Foto: Arif Ali, afp

Kenny Rebenstock und Nico Hirte haben Glück gehabt. Die beiden Männer hatten sich schon um Mitternacht vor der Buchhandlung im Berliner Hauptbahnhof postiert, um ein Heft von „Charlie Hebdo“ zu ergattern. Bis Samstagfrüh um 5 Uhr war die Schlange auf 100 Menschen angewachsen. Doch allein Rebenstock und Hirte kamen zum Zug, alle anderen gingen leer aus: Das Geschäft hatte nur zwei Exemplare der französischen Satirezeitschrift geliefert bekommen.

In ganz Deutschland bot sich am Samstag dasselbe Bild wie zuvor in anderen europäischen Ländern: Zum Verkaufsstart der ersten „Charlie Hebdo“-Ausgabe seit den Terroranschlägen von Paris setzte ein beispielloser Run auf das Heft mit der Mohammed-Karikatur auf dem Titel ein. In Minutenschnelle war die Ausgabe fast überall ausverkauft.

Das Problem: Wegen des Massenansturms auf das Heft in Frankreich sind viele Kioske und Geschäfte in Deutschland nur mit einer limitierten Stückzahl beliefert worden. Andere hatten gar keine Hefte bekommen. In Frankreich sind inzwischen wieder Exemplare zu haben. Seit dem Erscheinungstag am Mittwoch war das Satiremagazin jeweils in kürzester Zeit vergriffen. Bisher wurden etwa 2,7 Millionen Exemplare verkauft. Vor den Anschlägen wurden 60 000 „Charlie Hebdo“-Hefte gedruckt. Jetzt sollte das Magazin zunächst mit drei, dann mit fünf Millionen Exemplaren erscheinen. Wegen der Nachfrage wurde die Auflagenzahl am Samstag auf sieben Millionen erhöht.

„Wir konnten die Tür nicht halten“

Vor der Buchhandlung im Frankfurter Hauptbahnhof versuchten mehrere hundert Menschen, bei der Öffnung um 5 Uhr eines von nur 38 Exemplaren zu ergattern. „Wir wollten die Kunden zunächst einzeln in den Laden schleusen, aber wir konnten die Tür nicht lange halten“, sagte ein Mitarbeiter. Was sich dann abspielte, hatte er so noch nie erlebt: Streit und Gerangel um eine dünne Zeitschrift.

„Wir haben Schilder aufgestellt, dass das Magazin ausverkauft ist. Trotzdem fragen die Leute“, berichtete Friederike Buchtien vom Zeitungsladen im Nürnberger Hauptbahnhof, die am frühen Morgen gerade einmal 15 Exemplare im Angebot hatte. Früher habe es im Laden immer nur zwei Exemplare gegeben – und die „sind aber eigentlich nie verkauft worden“. Dieselbe Erfahrung haben die Mitarbeiter der Bahnhofsbuchhandlung in Augsburg gemacht, wo die ersten Kunden schon am Freitagabend Schlange standen. Vor den Terroranschlägen seien immer nur drei Exemplare vorrätig gewesen, von denen man zwei am Ende der Woche wieder zurückgeschickt habe, sagte eine Verkäuferin.

Viele Käufer sehen im Kauf des vier Euro teuren Heftes ein Statement: „Man kauft nicht nur das Magazin“, sagte ein Kunde in Stuttgart. Das Heft sei „ein Symbol der Solidarität mit den Opfern“. Doch ist das der einzige Grund? Auf der Internet-Plattform Ebay wechselten nur wenige Stunden später die ersten Exemplare für bis zu 100 Euro den Besitzer. Die Preise kletterten stündlich in die Höhe. Die deutschen Händler hoffen nun auf Nachschub aus Frankreich. Dann rechnet auch die Schreibwarenhandlung Wegmann in Zwiesel damit, endlich zum Zug zu kommen. Das kleine Geschäft im Bayerischen Wald hatte angekündigt, 50 bis 60 Exemplare zu verkaufen, jedoch keine Lieferung bekommen. „Es hieß, es werden erst die Großstädte beliefert“, sagte Mitarbeiter Damaris Rankl. „Das ist natürlich schade.“ Die Nachfrage sei enorm, die Liste der Vorbestellungen werde immer länger. Im Laufe der nächsten Woche soll es nun klappen mit der Lieferung von „Charlie Hebdo“.

Während in Deutschland Menschen also nach wie vor sehnsüchtig auf die aktuelle Ausgabe des Satiremagazins warten, haben die darin veröffentlichten Mohammed-Karikaturen in der islamischen Welt zum Teil gewalttätige Proteste ausgelöst. Am extremsten waren die Reaktionen im Niger. In dem überwiegend muslimischen Land gingen die Bewohner den zweiten Tag in Folge auf die Straße. Seit Freitag starben mindestens zehn Menschen, Kirchen standen in Flammen. Eine unbekannte Anzahl von Menschen wurde verletzt, sagte der Präsident des Landes, Mahamadou Issoufou. In Ägypten ermahnten hohe islamische Gelehrte den Westen, dass Meinungsfreiheit mit gegenseitigem Respekt einhergehen müsse.

In Pakistan gingen Dutzende religiöse und politische Gruppen nach den Freitagsgebeten auf die Straße, um die Beleidigung des Propheten zu verurteilen. Damit erschweren die Karikaturen den Kampf gegen die Taliban. Nach dem Massaker von Peshawar, bei dem radikale Talibankämpfer im Dezember mindestens 136 Schulkinder getötet hatten, war es der pakistanischen Regierung zunächst gelungen, eine neue Strategie zu entwickeln, die darauf abzielte, die Extremisten zu isolieren. Doch nun scheint der Anti-Taliban-Konsens schon wieder zu bröckeln.

„Der Angriff von Peshawar hat die gesamte religiöse, politische und militärische Führung gegen die Extremisten vereint, die eine Bedrohung für unsere Zukunft sind“, sagte der Analyst Hussain Shaheed Soherwardi. Die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen aber gebe den radikalen Gruppen nun wieder Aufwind, die ersehnte breite politische Front gegen die Taliban bekäme Risse. Der Sicherheitsexperte Fida Khan sagte, dass die Aufregung im Namen des Islam zu einem sehr kritischen Zeitpunkt kommt. „Es ist ein Rückschlag für Pakistans Bemühungen, die religiösen und politischen Gruppen zusammenzubringen. Es wird die Aufmerksamkeit vom Kampf gegen die Militanten ablenken“, so Khan.

Resolution gegen das Satiremagazin

Der Regierung bläst der Wind ins Gesicht, und um die Strenggläubigen zu besänftigen, ließ sie am Donnerstag vom Parlament eine Resolution gegen das französische Blatt verabschieden. Eisenbahnminister Saad Rafique sagte dabei, es handele sich um eine „Verschwörung“. Antiislamische Elemente im Westen seien in die Veröffentlichung des gotteslästerlichen Materials verwickelt.

Soherwardi meinte, die „Verschwörungstheorien“ und die Kritik an Europa und den USA passten zur Propaganda der Islamisten, die durch die Demonstrationen Auftrieb erhielten. Die Führer der Proteste nutzen dies bereits, um vom Kampf gegen die gewalttätigen Gruppen in Pakistan abzulenken. „Pakistans Führer sollten wissen, dass der größte Akt des Terrors die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten ist“, sagte der Islamistenführer Hafiz Saeed, auf dessen Ergreifung die USA zehn Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt haben, seinen Anhängern am Freitag bei einer Kundgebung in Lahore.

Islamische Gelehrte der hoch angesehenen Azhar-Universität in Kairo riefen Muslime in aller Welt unterdessen dazu auf, die Karikaturen zu ignorieren. Gläubige sollten sich nicht durch die „Ignoranz“ anderer verleiten lassen, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung. Dem Westen warfen die Gelehrten Provokation vor: Meinungsfreiheit bedeute nicht, andere in ihrem Glauben zu beleidigen: „So, wie wir an persönliche Freiheiten glauben, (...) glauben wir auch an gegenseitigen Respekt.“

Getötete Terroristen anonym beigesetzt

Keine Pilgerstätte für fanatische Muslime wollen die französischen Behörden nach den Anschlägen von Paris schaffen. Deswegen wurden am Wochenende zwei der drei getöteten Terroristen anonym beigesetzt. Im Fall des dritten Terroristen, des Geiselnehmers im koscheren Supermarkt, stand eine Entscheidung noch aus.

Nach seinem älteren Bruder wurde auch Chérif Kouachi am Samstag ohne Ankündigung an einem nicht markierten Ort beerdigt. Die Beisetzung in Gennevilliers im Norden von Paris fand nach Angaben aus dem Rathaus der Gemeinde ohne Teilnehmer statt. Die Frau des 32-Jährigen habe nicht dabei sein wollen.

Said Kouachi war bereits am Freitag in Reims begraben worden. Kouachi habe zwei Jahre in dem Ort gewohnt, deswegen habe die Beerdigung dort nicht verweigert werden können, hieß es aus der Verwaltung der nordöstlich von Paris gelegenen Stadt.

Französische Ermittler fahnden weiter nach möglichen Unterstützern der drei Terroristen. Zuletzt waren noch einmal zwölf Menschen festgenommen worden. Die acht Männer und vier Frauen sollten wegen möglicher Verbindungen zu den Attentätern vernommen werden. Die zunächst auf 24 Stunden befristete Festnahme wurde am Wochenende für neun der Betroffenen verlängert, drei kamen auf freien Fuß.

Nach gewalttätigen Protesten in Teilen der islamischen Welt gegen die Mohammed-Karikatur in der aktuellen „Charlie Hebdo“-Ausgabe betonte Frankreichs Präsident François Hollande den Einsatz seines Landes für die Freiheitsrechte. „Frankreich hat Prinzipien und Werte, darunter besonders die Meinungsfreiheit“, sagte Hollande am Samstag bei einem Besuch in Tulle östlich von Bordeaux. Frankreich unterstütze auch die Länder der aktuellen Proteste im Kampf gegen den Terrorismus. Text: dpa

Demonstranten in Somalia: Wie in vielen anderen islamischen Staaten gingen in dem afrikanischen Land Menschen gegen die Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ auf die Straße. Foto: Mohamed Abdiwahab, afp
Sie gehören zu den Glücklichen: Zwei Berliner ergatterten eine Ausgabe von „Charlie Hebdo“. Foto: Maurizio Gambarini, dpa

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