WÜRZBURG

Von den starken Schultern des Christen in der Politik

Von einem Spannungsfeld war in der Einladung zur Veranstaltung mit Günther Beckstein (68) in Würzburg die Rede gewesen. Hier der bekennende Protestant Beckstein, dort seine (ehemaligen) Positionen im Staatsapparat, als bayerischer Innenminister (1993 – 2007) und Ministerpräsident (2007 – 2008). Wie kann einer Christ bleiben in einem System, das von einem Politiker harte Bandagen verlangt? Geht das überhaupt?

Der Referent, der auf Einladung des Verein „Christen in der Wirtschaft“ (ciw) sprach, macht es spannend im Heim des Vereins Christlicher Junger Männer (CVJM). Er lässt sich Zeit, bis er zum eigentlichen Thema kommt, plaudert über seine Jugendjahre (beim CVJM), warum und wie er zur CSU kam und wie er dort Karriere machte. Anekdote reiht sich an Anekdote, die rund 110 Zuhörer lauschen geduldig. Beckstein, dialektbetont und verschmitzt wie gewohnt, genießt die Aufmerksamkeit.

„Politik ist ein schmutziges Geschäft.“ Der Satz aus Becksteins Mund leitet zum eigentlichen Thema über. Wer nun glaubt, der ältere Herr am Rednerpult werde sich altersweise und geläutert von früheren Entscheidungen, ja von der Politik früherer Tage distanzieren, wie man es bei anderen älteren Herren wie Norbert Blüm und Heiner Geißler beobachten kann, sieht sich getäuscht.

Der „schwarze Sheriff“, wie man ihn nannte als Innenminister ob seiner Härte gegenüber Verbrechern und Ausländern, sieht keinen Anlass zur Reue als Christenmensch. Der Befehl zum im Ergebnis tödlichen „finalen Rettungsschuss“ auf einen Entführer sei dem Leben unschuldiger Opfer geschuldet gewesen, die Abschiebung von Ausländern der Staatsräson. Als Pfarrer könne man wohl die Ausrede eines jeden Bettlers über die Ursachen der Notlage glauben, als Innenminister müsse man die notwendige Härte haben.

Beckstein hält es da mit Martin Luther. Der Reformator hielt es für ethisch geboten, bestehende Gesetze auch durchzusetzen und so die Ordnung aufrechtzuerhalten. „Entscheidend ist das Ergebnis, nicht die Gesinnung“, gibt Beckstein der Verantwortungsethik den Vorzug vor der Gesinnungsethik. Ein Stoßgebet vor dem Einsatz, ein Dankgebet danach, das Christsein hat Beckstein durchaus in seiner harten Haltung bestärkt.

„Gott nimmt nicht die Lasten, aber er stärkt die Schultern“, lautet sein Credo. Diese Art Verantwortungsethik gelte auch in der Wirtschaft. Des Unternehmers Pflicht sei es, Gewinne zu erzielen. „Schwarze Zahlen sind halt besser als rote“, so Beckstein breit grinsend. Gegen Ende verfällt der Referent in den Plauderton der ersten Minuten. Die Schere zwischen Arm und Reich ist ihm „zu weit auseinander“, die „implizite Staatsverschuldung durch Renten und Pensionen“ ist ihm zu hoch. Von Initiativen, die er als Ministerpräsident ergriffen hat, um die Probleme anzugehen, ist an diesem Abend nicht die Rede. Umso ausführlicher schildert der Ex-Ministerpräsident seine Entscheidung zum schnellen Rücktritt vom Amt.

„Kein Mensch von Ihnen kann sich vorstellen, wie hoch der Druck ist“, wirbt der Mann am Rednerpult um mitfühlend-rückwärtiges Verständnis. Beckstein erzählt, wie er damals die Zeitungen durchgeblättert habe auf der Suche nach dem, was über ihn geschrieben stand. „Es ist Zeit, dass Du aufhörst“, habe er dann zu sich gesagt. Heute zeigt er sich sicher, dass der Rückzug 2008 aus dem Amt des Ministerpräsidenten „ganz eindeutig das Richtige gewesen“ sei.

Da ist urplötzlich nicht mehr die Rede von der Härte und Unbeugsamkeit eines Politikers mit den starken Schultern eines Christenmenschen. Auch nicht von Ethik und der Verantwortung gegenüber den Bürgern des Freistaats. Dabei gab es so viele Menschen rechts und links des Mains, die sich über den Franken im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten freuten und die so große Hoffnungen in „unseren Günther“ setzten.

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