PRETORIA

Vor dem Finale im Prozess gegen Oscar Pistorius

Vorsätzlicher Mord oder tragisches Unglück? Oscar Pistorius steht vor Gericht, weil er seine Freundin erschossen hat.
Vorsätzlicher Mord oder tragisches Unglück? Oscar Pistorius steht vor Gericht, weil er seine Freundin erschossen hat. Foto: ALON SKUY, afp

Auch nach 39 Verhandlungstagen und den Aussagen von 36 Zeugen liegen die genauen Ereignisse jener tödlichen Nacht am Valentinstag 2013 in Pretoria im Dunkeln. Zweifelsfrei hat damals der südafrikanische Paralympics-Star Oscar Pistorius in seinem Haus seine Freundin Reeva Steenkamp durch eine verschlossene Tür erschossen. Das hatte er gleich nach der Tat zugegeben. Er begründete die Schüsse mit seiner Vermutung, hinter der Toilettentür habe sich ein Einbrecher befunden.

Wie war es wirklich? War es tatsächlich ein „vorsätzlicher, kaltblütiger Mord“, wie der Staatsanwalt glaubt? Oder war es ein „tragischer, entsetzlicher Irrtum“ eines in Panik geratenen, behinderten Mannes, wie es der 27-Jährige und sein Verteidiger darstellen?

Widersprüche in den Aussagen

Der Staatsanwalt hatte Pistorius tagelang im Kreuzverhör, der verwickelte sich durchaus in Widersprüche, blieb aber bei seiner Version. Er präsentierte sich in dem von mehreren Fernsehsendern live übertragenen Prozess als gebrochener, verzweifelter Mann, der immer wieder in Tränen ausbrach und sich mehrfach übergab.

Weder das Verhör noch die Aussagen von Forensikern, Psychiatern, Nachbarn, Polizisten und anderen Experten brachten einen Durchbruch. Da es im südafrikanischen Strafrecht keine Geschworenen gibt, wird Richterin Thokozile Masipa bei ihrem Urteil über Glaubwürdigkeit, Schwere von Indizien und Aussagen entscheiden müssen. Ein Überblick über die Argumente von Anklage und Verteidigung:

Die Argumente von Staatsanwalt Gerrie Nels:

• Vor den tödlichen Schüssen gegen 3 Uhr nachts gab es aus Sicht der Anklage einen heftigen Streit zwischen Pistorius und seiner damals 29-jährigen Freundin. Nachbarn wollen laute Frauenschreie gehört haben.

• Wie glaubwürdig ist es, so wird der Staatsanwalt fragen, dass jemand nachts aus dem Bett steigt und sich angesichts verdächtiger Geräusche nicht vergewissert, wo seine Freundin ist?

• Zwischen den vier abgegebenen Schüssen hat es nach Aussage von Zeugen eine Pause gegeben, in denen die verwundete Freundin begonnen habe, laut zu schreien. Zudem wurde Steenkamp stehend hinter der verschlossenen Tür von den Kugeln getroffen, was darauf schließen lasse, sie habe durch die Tür mit Pistorius kommuniziert.

• Ein Pathologe widersprach der Angabe des Angeklagten, dass das Paar am frühen Abend zu Bett gegangen sei. Der Mageninhalt von Steenkamp lasse darauf schließen, dass sie gegen 1 Uhr nachts noch gegessen habe. Zu der Zeit will ein Nachbar lauten Streit aus dem Pistorius-Haus gehört haben.

• Steenkamp war vollständig bekleidet, als sie erschossen wurde, ihre persönlichen Sachen lagen zusammengelegt in ihrer Reisetasche. Dies ist aus Sicht des Staatsanwalts ein weiterer Beleg, dass die Frau nach einem Streit gehen wollte.

Die Argumente von Verteidiger Barry Roux:

• Die Behinderung des unterschenkelamputierten Angeklagten sei die Erklärung für sein panikartiges Verhalten. Pistorius habe eine ausgeprägte Angst vor Verbrechen gehabt, wissend, dass seine Heimat unter einer enorm hohen Gewaltkriminalität leidet. Eine Gutachterin bescheinigte ihm eine „intensive Angststörung“.

Stümperhaftes Vorgehen?

• Die Nachbarn, die Frauenschreie gehört haben wollen, leben 170 Meter und weiter entfernt von Pistorius' Haus. Andere Zeugen, die näher wohnen, wollen nur Männerschreie gehört haben (vom entsetzten Pistorius, als er entdeckt habe, was er angerichtet hatte).

• Ein Pathologe der Verteidigung widersprach den Aussagen, der Mageninhalt beweise genau, wann Steenkamp zuletzt gegessen habe.

• Stümperhaftes Vorgehen der Polizei bei der Tatortsicherung und Beweissicherung habe zu verwirrenden Angaben über die Lage von Gegenständen im Haus geführt – eine Erklärung für Widersprüche bei der Aussage von Pistorius über Details der Nacht.

Der Staatsanwalt wird an diesem Mittwoch, 30. Juli, die Beweislage aus seiner Sicht schildern, die Verteidigung am 4. August. Am 7. und 8. August sollen dann die Plädoyers gehalten werden. Das Urteil der Richterin wird noch für den August erwartet. Dem Angeklagten droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe.

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