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Wenn Schimpf und Schande Kultur sind

Wenn Schimpf und Schande Kultur sind       -  _

Die Deutschen fluchen vor allem mit fäkalen Ausdrücken – ganz anders als etwa die Schweden. Warum ist das so? Und welche Unterschiede gibt es sonst noch bei der Verwendung von Kraftausdrücken. Hans-Martin Gauger weiß das. Der Sprachwissenschaftler ist Spezialist für vulgäre Sprache.

Frage: Herr Gauger, trügt der Eindruck, dass weltweit selten so viel geflucht und beleidigt worden ist wie im Jahr 2016?

Hans-Martin Gauger: Es stimmt wahrscheinlich in Bezug auf die Öffentlichkeit. Das Fluchen und vulgäre Schimpfen sind nicht mehr so anstößig wie früher. Man geniert sich weniger.

Warum?

Gauger: Das vulgäre Reden war bisher eine eher männliche Angelegenheit. Seit einiger Zeit allerdings ist zu beobachten, dass sich die Emanzipation auch in diesem Bereich bemerkbar macht. Frauen fordern nun auch ihr Recht auf Fluchen ein. Außerdem erleben wir allgemein einen Abbau von Schamgefühl. Das befördert natürlich auch das Fluchen und vulgäre Schimpfen.

Warum flucht der Mensch?

Gauger: Wer flucht, verschafft sich seelische Erleichterung. Wenn der Fluch einem Gegenüber gilt, kann diese verbale Erleichterung der Entstehung von körperlicher Gewalt vorbeugen. Sigmund Freud bezeichnet es deshalb als Fortschritt, wenn sich „die Tat zum Wort ermäßigt“.

Bundestagspräsident Norbert Lammert warnte am Tag der Deutschen Einheit vor dem gegenteiligen Effekt: Worte, sagte er, könnten „die Lunte legen für Hass und Gewalt“.

Gauger: Damit hatte er natürlich auch recht. Worte können einerseits Gewalt vorbeugen, ihr genauso gut aber auch vorausgehen.

Im US-Wahlkampf hat der spätere Sieger Donald Trump seine Konkurrentin Hillary Clinton als „pathologische Lügnerin“, „Heuchlerin“ und „Betrügerin“ bezeichnet. Besonders einfallsreich muten diese Beschimpfungen nicht an. Warum hatte er mit ihnen Erfolg?

Gauger: Gerade weil sie nicht besonders einfallsreich sind. Diese Wendungen liegen jedem auf der Zunge, da ist die Chance auf Übereinstimmung mit dem Volk sehr groß. Er hat, um mit Martin Luther zu sprechen, „dem Volk aufs Maul geschaut“ und sich nicht in irgendeiner aristokratischen Form von ihm abgehoben. Das ist zwar nicht originell, im Wahlkampf aber unter Umständen erfolgversprechend.

Deutschlands Vizekanzler Sigmar Gabriel hat pöbelnden Neonazis seinen ausgestreckten Mittelfinger gezeigt. Gibt es Unterschiede zwischen der Beleidigungskultur deutscher und angelsächsischer Politiker?

Gauger: Die deutsche Beleidigungskultur unterscheidet sich nicht nur von der angelsächsischen, sondern überhaupt von allen anderen. Man könnte direkt von einem deutschen Sonderweg des Fluchens und Schimpfens sprechen. Denn anders als alle anderen Völker arbeiten wir da fast ausschließlich mit Fäkalbegriffen. „Arschloch“ zum Beispiel ist unser häufigstes Schimpfwort. Andere kennen diese Fäkalsprache zwar auch, allerdings nur in zweiter Linie. Im Vordergrund stehen bei den anderen sexuelle Anspielungen, oft auch solche mit familiären Bezügen.

Zum Beispiel?

Gauger: Denken Sie nur an das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Damals streckte Frankreichs Kapitän Zinedine Zidane seinen italienischen Gegenspieler Marco Materazzi mit einem Kopfstoß zu Boden, weil der ihn schwer beleidigt hatte. Materazzi hatte ihn vorher im Zweikampf festgehalten, weshalb Zidane zu ihm sinngemäß sagte: „Wenn dir mein Trikot so gut gefällt, dass du ständig daran zerrst, kannst du es gerne nach dem Spiel mit nach Hause nehmen.“

Woraufhin Materazzi was sagte?

Gauger: „Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte.“ Er beschimpfte also nicht Zidane, sondern dessen Schwester. Ein Deutscher hätte vielleicht „Hau ab, du Arschloch!“ gerufen. Auf den Umweg über die Familie aber wäre er nie gekommen. Das liegt auch daran, dass in anderen Kulturen der Mann Verantwortung für Mutter und Schwester trägt. Indem man diese angreift, legt man nahe, dass er ihr nicht gerecht wird.

Aber auf die sexuelle Komponente wäre vielleicht auch ein deutscher Spieler gekommen.

Gauger: Richtig ist, dass die Jugendsprache mit Begriffen wie „Fuck“ ein wenig davon in unsere Schimpfkultur hineingebracht hat.

Wie interpretieren Sie vor diesem Hintergrund das Schmähgedicht des Kabarettisten Jan Böhmermann auf den türkischen Präsidenten? Darin war viel von Sex mit Tieren und Pädophilie die Rede, Fäkalbegriffe kamen aber kaum vor.

Gauger: Das stimmt. Allerdings hat der Vorwurf der Sodomie, also des Verkehrs mit Tieren, durchaus auch bei uns eine gewisse Tradition. Ein Schweizer Kollege hat mich einmal darauf hingewiesen, dass in seiner Heimat früher vom „Geißavogler“ gesprochen wurde: also von jemandem, der Verkehr mit Ziegen hat.

Exakt dieser Vorwurf kommt ja auch in Böhmermanns Gedicht vor, das ich im Übrigen geschmacklich unmöglich fand.

Woran liegt es eigentlich, dass wir Deutschen so gerne fäkal fluchen?

Gauger: Wenn ich das wüsste! Fest steht, dass die Ursache lange zurückliegen muss, wahrscheinlich sogar im ausgehenden Altertum oder im ganz frühen Mittelalter. Verantwortlich dürften damals die Franken gewesen sein. Frankreich ist ja das einzige romanisch sprechende Land mit einem germanischen Namen: Land der Franken. Und es ist schon bezeichnend, dass hier der Fäkalausdruck „merde“ häufiger zu hören ist als die entsprechenden Vokabeln bei anderen romanischen Völkern.

Und gibt es noch andere Völker mit besonderer Fluchtradition?

Gauger: Ja, in unserer Nähe die Schweden. Dort gibt es weder sexuelle noch fäkale Schimpfwörter, sondern fast ausschließlich religiöse: Man regt sich also gerne über die ungeliebten „Satans-Finnen“ auf, wo wir „Scheiß-Finnen“ sagen würden.

„Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“: Diese Worte stammen von 1984. Ausgesprochen hat sie der Grünen-Politiker und spätere Bundesaußenminister Joschka Fischer. Heute gilt dieses Zitat als Ausweis erfrischender Ehrlichkeit. Stellen wir uns aber einmal vor, ein AfD-Politiker hätte im vergangenen Jahr so zum Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags gesprochen: Der Aufschrei wäre doch gewaltig gewesen! Messen wir da nicht mit zweierlei Maß?

Gauger: Das mag sein. Immerhin hatte Fischer einigen Humor, der sich bei den AfD-Leuten bisher nicht gezeigt hat. Es kommt bei Flüchen und Beleidigungen nicht nur auf die gesprochenen Worte selbst an, sondern auch darauf, wer sie äußert und in welcher Absicht er das tut. Einem Joschka Fischer hat man sie als sicher grenzwertige, aber in erster Linie flapsige Bemerkung durchgehen lassen. Bei Franz Josef Strauß war man damals auch nachsichtiger, der hatte so eine Mischung aus populärer Derbheit und Bildung. Leute wie Fischer und Strauß waren einfach große Redner. Solche Figuren gibt es heute bei uns in der Politik praktisch nicht mehr. Anderswo schon noch. Denken Sie nur an Barack Obama!

Zur Person

Hans-Martin Gauger (81) ist Romanist und Sprachwissenschaftler. Nach Promotion und Habilitation in den 60er Jahren wurde er 1969 Professor an der Universität Freiburg, deren stellvertretender Direktor er von 1971 bis 1974 war. Gaugers Forschungsschwerpunkte liegen in der Romanischen Philologie, der Sprachtheorie und der philosophischen Sprachwissenschaft. Für seine Fähigkeit, Wissenschaft einem breiten Publikum zu vermitteln, wurde er 1984 mit dem Deutschen Sprachpreis ausgezeichnet. 2012 erschien sein Buch „Das Feuchte und das Schmutzige: Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ (C.H. Beck Verlag). SK/FOTO: Sammlung Gauger

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