Wette leider verloren!

„Wetten, dass..?“ Das ZDF zieht die Reißleine: Ende des Jahres ist Schluss mit dem Sorgenkind. Neue Ideen sind in der TV-Unterhaltung gefragt. Doch kaum jemand weiß, woher die kommen sollen.
Abschied trotz steigender Quote: Moderator Markus Lanz geht in der Baden-Arena in Offenburg die Showtreppe hinauf. Foto: sebastian kahner, dpa

Das Jahr 2014 wird mit Sicherheit als ein Wendepunkt in der deutschen Fernsehgeschichte in Erinnerung bleiben. Wenn nämlich am 13. Dezember das große ZDF-Paradepferd „Wetten, dass..?“ vom Bildschirm verschwindet, stirbt ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Fernsehkultur. Das letzte Lagerfeuer elektronischer Unterhaltungskunst erlischt, sieht man einmal vom RTL-Spektakel „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ aus dem australischen Dschungel ab.

Zumindest handelt es sich bei „Wetten, dass..?“ um das letzte Lagerfeuer nach altem Strickmuster. Sein Erfinder, Frank Elstner, der im Februar 1981 mit der Sendung beim ZDF loslegte, dokumentierte sein Bedauern sogleich beim Kurznachrichtendienst Twitter mit den Worten: „Wetten, dass Ende! Das geht an die Nieren. Alles andere wäre gelogen! Dem Nachwuchs gehört die Zukunft im Netz! Ich bin dabei. Freue mich!“.

Und damit hat der 71-jährige Elstner, der sein Leben lang sein Gespür für den Zeitgeist und neue Trends bewahrt hat, gleich das Kernproblem beim Namen genannt: Die Unterhaltung aus der Röhre lässt das junge Publikum kalt. Es lechzt zwar auch nach Entertainment, doch das klassische Fernsehen kann diese Wünsche mit seinen antiquierten und verstaubten Formen im Stil von „Wetten, dass..?“ nicht erfüllen.

Lanz hat viel Spott und Hohn für einige linkische Aktionen im Verlauf seiner 13 Ausgaben seit Oktober 2012 einstecken müssen, doch nicht allein sein Auftreten ist verantwortlich für den Niedergang deutscher TV-Unterhaltung. Auch andere Sender müssen mittlerweile erkennen, dass ihre Shows nur noch selten über die 6-Millionen-Zuschauer-Marke springen - und wenn, besteht die Zuschauerschaft vorwiegend aus der reiferen Generation. Dass das klassische Unterhaltungsfernsehen mit seinen Ursprüngen aus den sechziger bis achtziger Jahren nicht mehr gefragt ist, zeigen auch die Neuauflagen alter Formate: Die ARD übernahm vom ZDF die Hans-Rosenthal-Legende „Dalli Dalli“ unter anderem Titel („Das ist Spitze!“), fuhr zunächst auch gut damit, doch dann rutschte Moderator Kai Pflaume auch unter die Vier-Millionen-Marke. Beim Neuaufguss von Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ beließ es die ARD kürzlich vorsichtshalber bei einer Ausgabe.

Für das ZDF, so stellte Intendant Thomas Bellut jüngst in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ klar, rechnet sich so eine Show nicht mehr. Mitunter fallen bis 2,5 Millionen Euro Kosten für eine Ausstrahlung an. Ein Samstagabendkrimi ist deutlich billiger und wird gesehen: Anna Loos und ihr Krimi „Helen Dorn“ erreichte jüngst locker acht Millionen Zuschauer. Das hatte Bellut einst als Vorgabe für Markus Lanz ausgegeben, als dieser „Wetten, dass..?“ übernahm.

5,85 Millionen Zuschauer hatten „Wetten, dass..?“ noch im Februar eingeschaltet – Minusrekord. Trotzdem ein ordentlicher Wert im Vergleich zu anderen Unterhaltungsprodukten. Mit seiner viertletzten «Wetten, dass..?»-Ausgabe am Samstag konnte Lanz seinen Quoten-Sinkflug stoppen. 6,84 Millionen Zuschauer (23,1 Prozent Marktanteil) schalteten die ZDF-Show aus Offenburg ein – eine Million mehr als im Februar. Doch ob nett gemeinte Einlagen wie am Samstag der Hochzeitswalzer mit Hape Kerkeling und Veronica Ferres oder biedere Wetten wie Bogenschießen auf Toastscheiben so ein Format retten können, ist zu bezweifeln.

Symbolisch war eines der letzten Bilder von Lanz am Samstagabend: Auf einem Trampolin stehend sprang er wie ein aufgeregtes HB-Männchen auf seinen Moderationskärtchen herum. Papiermüll für die Geschichte.

Momente und Moderatoren

Frank Elstner (71) erfand die Show 1981. Der beliebte Fernsehunterhalter gab die Moderation 1987 an Thomas Gottschalk ab. Elstner moderierte insgesamt 39 Ausgaben. Der gebürtige Österreicher zählt neben Gottschalk und Günther Jauch zur ersten Garde der deutschen Fernsehunterhaltung.

Wolfgang Lippert (62) moderierte von September 1992 an gut ein Jahr „Wetten, dass..?“. Nach dem Mauerfall stieg der gebürtige Ost-Berliner schnell zum gesamtdeutschen Showmaster auf. Kritiker bemängelten jedoch seinen „brav-biederen Charme“.

Thomas Gottschalk (63) präsentierte von September 1987 bis Ende 2011 – mit Ausnahme einer Pause 1992 und 1993 – das ZDF-Flaggschiff. Der schwere Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch am 4. Dezember 2010 brachte Gottschalk zu dem Entschluss aufzuhören. Die letzte Sendung mit ihm lief am 3. Dezember 2011.

Markus Lanz (45) moderierte am 6. Oktober 2012 erstmals „Wetten, dass..?“. Seitdem stand er wegen peinlich wirkender Einlagen und einbrechender Quoten unter Dauerbeschuss. Sogar US-Star Tom Hanks machte sich nach seinem Auftritt Ende 2012 über die Show lustig.

Kuriose Wetten: Immer wieder verblüfften unglaubliche Wetten das Publikum. Achim Jehler erkannte 2007 seine Kühe beim Apfelfressen am Schmatzgeräusch. Der Border-Collie Rico unterschied 1999 77 Hundespielzeuge am Namen. Andrea Schager, Andreas Reiser und Monika Schrak falteten 1990 in vier Minuten ein Papierboot und paddelten damit in einem Schwimmbecken 50 Meter weit. 1987 gelang es einem Kandidaten, während der Fahrt einen Autoreifen zu wechseln. Die Motorrad-Sportgruppe der Berliner Polizei bildete mit 84 Polizisten auf neun Motorrädern eine Pyramide und fuhr so 100 Meter weit. 1994 stellte sie damit einen Weltrekord auf.

Ärger mit Götz: Schauspieler Götz George brauste 1998 auf, weil Moderator Thomas Gottschalk angeblich so schlecht über dessen neuen Film informiert gewesen sei. Fünf Jahre später versöhnten sich die Streithähne wieder auf der Couch, nachdem sie dem Publikum kurz einen erneuten Zwist vorspielten.

Schleichwerbung: Über die Jahre wurden immer wieder Vorwürfe wegen Schleichwerbung in der Sendung laut. „Der Spiegel“ und das „Handelsblatt“ berichteten Anfang 2013, die von Christoph Gottschalk, dem Bruder von ZDF-Showmaster Thomas, gegründete Firma Dolce Media biete seit Jahren die Möglichkeit, für Millionensummen verbotene Reklame in „Wetten, dass..?“ zu platzieren. Das ZDF wies den Vorwurf der Schleichwerbung stets zurück.

Wett-Schummel: Unter den vielen Wettkandidaten wurden mehrere des Schummelns verdächtigt, doch nur ein Betrüger entlarvt: 1988 schlich sich „Titanic“-Redakteur Bernd Fritz in die Sendung ein und behauptete, die Farbe von Buntstiften am Geschmack zu erkennen. In Wirklichkeit linste er unter seiner Augenbinde hindurch.

Gute Tat: Die dritte Sendung von „Wetten, dass..?“ am 16. Mai 1981 veränderte das Leben von Millionen Menschen in Äthiopien. Der Schauspieler Karlheinz Böhm, bis dahin vor allem bekannt aus „Sissi“-Filmen, wettete, dass nicht „jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Schweizer Franken oder sieben österreichische Schilling für Menschen in der Sahelzone spendet“. Es kamen zwar auf Anhieb 1,2 Millionen D-Mark zusammen, dennoch behielt Böhm Recht. Er leistet seitdem mit seiner Stiftung „Menschen für Menschen“ Entwicklungshilfe in Äthiopien. Protest: Die Sendung wurde mehrmals als Plattform für Proteste benutzt. 1984 rannten Umweltaktivisten mit einem Transparent vor die Kamera und verursachten eine Rangelei mit Ordnern. Frank Elstner ließ die Demonstranten ihr Anliegen vortragen. Wegen einer Störung wurde ein Mann im Mai 2007 zu einer Geldstrafe verurteilt. Er habe Gottschalk bei der Aktion im Oktober 2004 aufrufen wollen, aus der katholischen Kirche auszutreten, da sie Irrlehren verbreite. Text/FOTOs: dpa

„Das geht an die Nieren. Alles andere wäre gelogen! “
Frank Elstner Erfinder von „Wetten, dass..?“
Bei „Wetten, dass . . .?“ hat er das erste Wort: Michael Betz (links) 2005 mit seinem früheren Radio-Gong-Kollegen, Moderator Charlie Rösch. Foto: kriener

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