MADRID

Wettlauf um das Öl vor den Kanaren

Absicherung: Ein spanisches Marineboot (vorne) patrouilliert bei dem Repsol-Bohrschiff vor der Kanareninsel Lanzarote. Der spanische Energiemulti will dort nach Öl bohren.
Absicherung: Ein spanisches Marineboot (vorne) patrouilliert bei dem Repsol-Bohrschiff vor der Kanareninsel Lanzarote. Der spanische Energiemulti will dort nach Öl bohren. Foto: Javier Fuentes, Afp

Das mächtige Bohrschiff „Rowan Renaissance“ liegt inzwischen genau über jenem Punkt im Atlantik, der von den Ingenieuren mit dem Wort „Sandía“ („Wassermelone“) auf der Seekarte markiert wurde. Das Bohrrohr wird sich in diesen Tagen rund 800 Meter tief durchs Wasser schrauben, bis es auf den Meeresboden trifft. Von dort soll sich der Bohrkopf dann weitere 2300 Meter ins Innere fressen und in der Tiefe nach lohnenden Rohölblasen Ausschau halten.

Das Bohrloch „Wassermelone“ liegt 54 Kilometer östlich der kanarischen Insel Fuerteventura und 62 Kilometer vor dem benachbarten Eiland Lanzarote. Dort, auf den Ferieninseln, laufen die Menschen seit Monaten Sturm gegen den Plan, vor ihren Küsten nach Erdöl zu suchen. Die Angst vor einem Unfall und nachfolgender Umweltkatastrophe ist so groß, dass Inselregierung, Umweltschützer und Tourismusverbände eine breite Protestfront gebildet haben mit dem Namen: „Save Canarias – Rettet die Kanarischen Inseln.“

Demonstrationen und Klagen

„Wir verkaufen Natur, Strand und Umwelt“, beschreibt Antonio Hormiga, der Chef des Tourismus- und Gaststättenverbandes, die Lebensgrundlage auf Fuerteventura. Das Risiko der Öl-Operation sei groß, die Inseln hätten wenig Nutzen von einem möglichen Fund und „wenn etwas passiert, sind die Folgen nicht wieder gutzumachen“. Mit Demonstrationen, Unterschriftenlisten und Klagen vor Gericht versuchten er und seine Verbündeten das Projekt aufzuhalten – vergeblich.

„Eine Ölpest wie diejenige, die sich 2010 im Golf von Mexiko ereignete, wäre ein Desaster für die Zukunft des Archipels“, heißt es in einer Protestresolution an Spaniens Regierung und an die EU-Kommission. Die Bohrungen seien eine Gefahr für den Tourismus, dem wichtigsten Wirtschaftsstandbein der Kanaren. Man wolle künftig lieber auf Sonne, Wind und andere saubere Energien setzen. Jedes Jahr kommen rund zwölf Millionen Urlauber auf die Inseln.

Der spanische Energiemulti Repsol, in dessen Auftrag der Meeresgrund durchlöchert wird, hält diesen Gegenwind für Propaganda, „um der Bevölkerung Angst zu machen“: Die Ölsuche, sagt Konzernsprecher Marcos Fraga, finde unter „extremen Sicherheitsmaßnahmen“ statt. Auch Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy, der grünes Licht für die Probebohrungen gab, versteht die Aufregung nicht: „Es besteht kein Risiko.“ In den Häfen Lanzarotes rüstet sich derweil eine Protestflotte aus Fischerbooten und Privatjachten, um zur Operation „Wassermelone“ auszulaufen: Ziel ist jenes vor der Küste bohrende „Monsterschiff“, von dem die Insulaner ihre Zukunft bedroht sehen.

Doch dort wacht eine spanische Marinefregatte und machte bereits klar, dass man nicht zimperlich sein werde: Drei Greenpeace-Schlauchboote, die auf das Bohrschiff zusteuerten, wurden von der Marine so hart abgedrängt, dass zwei Aktivisten verletzt wurden.

Dieser Marine-Einsatz sei „eine Aggression gegen das ganze Volk“ gewesen, empörte sich der kanarische Regierungschef Paulino Rivero. Er führt den Widerstand der 2,1 Millionen Kanaren-Bewohner an. Rivero wirft der spanischen Zentralregierung in Madrid vor, die Inseln „wie eine Kolonie“ zu behandeln. Sein Zorn wuchs, als ihm Madrid auch noch jene Volksabstimmung verbot, mit der er die Insulaner zum Öl befragen wollte.

Der Streit wird dadurch weiter angeheizt, dass auf der anderen Seite der Atlantik-Seegrenze, in den Gewässern des Nachbarn Marokko, die Rohstoffindustrie ebenfalls vom schwarzen Gold träumt und Probebohrungen vorantreibt. Der britisch-türkische Konzern Genel Energy wurde bereits an der marokkanischen Küste, rund 200 Kilometer von den Kanaren entfernt, fündig – auch wenn man noch nicht weiß, ob sich die Förderung wirklich lohnt. Fest steht jedenfalls, dass der Wettlauf ums Öl vor den Kanaren begonnen hat.

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