MEMMINGEN

Wie Radler und Autos klarkommen

Stau in Frankfurt       -  Wie soll man da durchkommen? Es geht, sagt Manfred Neun, Präsident des Europäischen Radfahrer-Verbandes – wenn man intelligente Verkehrskonzepte schafft, von denen alle etwas haben.
Wie soll man da durchkommen? Es geht, sagt Manfred Neun, Präsident des Europäischen Radfahrer-Verbandes – wenn man intelligente Verkehrskonzepte schafft, von denen alle etwas haben. Foto: Arne Dedert, dpa

In Mannheim wurde am Montag die Geburtsstunde des Fahrrads gefeiert. Dort fand vor 200 Jahren die historische Erstfahrt des Technikpioniers Karl von Drais auf einem Vorläufer des Fahrrads statt. Die Erfindung des Freiherrn aus dem Jahr 1817 ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Doch in Zeiten zunehmende Autoverkehrs haben es Radler in Deutschland nicht gerade leicht.

Frage: Herr Neun, Deutschland ist das Land der Autofahrer. Ihr Büro hier liegt direkt an der Autobahn. Aber als Präsident des Europäischen Radfahrer-Verbandes, also als Chef-Lobbyist, gehört Ihr Herz den Radlern. Wollen Sie den Menschen das Autofahren vermiesen?

Manfred Neun: Erstens vermiesen sich die Menschen selbst das Autofahren, indem sie Staus produzieren. Zweitens: Die Autoindustrie beginnt ja selbst schon, das sinkende Schiff zu verlassen, Stichwort: autonomes Fahren. Und wenn es um Arbeitsplätze geht: Ich kenne Automobilzulieferer, bei denen macht der Autoanteil keine 20 Prozent mehr aus, weil sie gelernt haben, sich breiter aufzustellen. Die orientieren sich also auch neu. Und drittens: Wir vermiesen nicht das Autofahren, sondern machen das Radfahren attraktiv. Dadurch, dass die irrsinnige Schieflage in der Verkehrs-Infrastruktur endlich beseitigt wird.

Dass wir den tollen Fahrrad-Produkten, die hier entstehen, den nötigen Raum geben. Und dass sich die Politik endlich um aktive Mobilität kümmert, um Radfahren und Zufußgehen. Hier geht es nicht nur um Verkehr, sondern auch um Gesundheit und das soziale Miteinander.

Das Fahrrad ist 200 Jahre alt. Es boomt wie nie zuvor. Nehmen wir die Region, in der Sie zuhause sind – rund um Memmingen. Würden Sie sagen, das ist eine Fahrradregion?

Neun: Ja, das sind wir. Und wir sind in den letzten, sagen wir zehn Jahren auch schon viel besser geworden. Im Tourismusbereich etwa. Wenn ich allein an den Landkreis Unterallgäu denke, der sein Netz mit EU-Geldern ausgebaut hat. Die Stadt Memmingen hat vor ein paar Jahren das Netz komplettiert. Jetzt profitiert der Tourismus zusätzlich durch die E-Bikes, viele Leute machen heute damit Urlaub. Dann führt auch ein Teil des europäischen Fernradnetzes durch die Region, entlang der Donau. Ein Manko ist, dass durchs Allgäu noch keine europäische Fernreiseroute führt. Das ist noch ein kleiner Traum von mir.

Aber das Netz allein macht noch keine Fahrradregion aus.

Neun: Stimmt. Hinzu kommt, dass das Fahrrad im Alltag immer bedeutender wird. Dass Memmingen zum Beispiel so lebendig ist, liegt auch daran, dass die Stadt mit dem Fahrrad so gut zu erreichen ist. Wir können durch Studien belegen, dass in Innenstädten, die fahrradfreundlich sind, der Einzelhandel profitiert. Wer es gewohnt ist, mit dem Rad einkaufen zu gehen, ist qualitäts- und frischeorientierter. Immer mehr Berufstätige fahren mit dem Rad zur Arbeit. Das alles macht eine Fahrradregion aus.

Wo liegen noch die größten Probleme?

Neun: Wir können und müssen das Fahrradnetz weiter verbessern, vor allem dessen Qualität. Also dass nicht irgendwo abrupt ein Radweg endet. Dass die Firmen angeschlossen sind. Dass es genügend Abstellplätze gibt, auch Boxen für hochwertige Räder. Und: In den mittelgroßen Städten ist der öffentliche Fahrrad-Service noch schwach ausgeprägt, weltweit wächst er rasant.

Wie sieht für Sie das ideale Verkehrskonzept der Zukunft aus?

Neun: Erstens brauchen wir eine faire Platzverteilung. Dann gute Lösungen, wie sie in fahrradfreundlichen Kommunen vorgemacht werden. Dabei gibt es große Debatten darüber, ob eine Verkehrstrennung die beste Lösung ist, also vom motorisierten Verkehr abgetrennte Radwege, oder der Verkehrsmix, die Anpassung all derer, die unterwegs sind. Wenn ich Anpassung verhindere, kann das zu Risiken führen. Ein Beispiel: Ich habe an einer Hauptverkehrsstraße entlang einen Radweg, habe aber die Kreuzung nicht anständig gelöst bei dieser Trennung. Dann haben alle ein Problem.

Und wie lässt sich das lösen?

Neun: In den Köpfen der Verkehrsplaner ist noch immer das Auto zu dominant. Sie denken noch immer zu sehr in den Kategorien der Verkehrstrennung, wo es gar nicht notwendig wäre. Eine Lösung wäre ein 30-Stundenkilometer-Konzept, das das EU-Parlament vor ein paar Jahren empfohlen hat. Wien hat den Standard geschaffen: 30 km/h Höchstgeschwindigkeit in allen Wohngebieten, 50, 60 oder 70 auf den Hauptverkehrsachsen. Im Übrigen muss ich dort die Radwege nicht entlang laufen lassen. Radschnellwege können eigenständig positioniert sein. Die Niederlande machen das vor.

Und wie kommen Autos, Radler und Fußgänger miteinander klar?

Neun: In Memmingens Innenstadt etwa gibt es Stellen, da dürfen alle durch – aber nur in Schrittgeschwindigkeit. Das klappt, und ich habe eine lebendige Stadt, weil niemand ausgeschlossen wird. Oder: Es gibt eine Möglichkeit, die ich smarte Verkehrstrennung nenne. In Bern in der Schweiz gibt es eine Straße, die war mal eine Haupteinfallstraße mit vier Spuren. Die kleinen Geschäfte entlang der Strecke waren alle tot, weil keiner anhielt und sie nicht mehr zu überqueren war. Die Berner haben aus den vier Autospuren zwei gemacht und in der Mitte einen zwei Meter breiten Fußweg geschaffen, dazu rechts und links je einen Radweg. Und es gibt einen Kreisverkehr, in den Autos und Radler gleichberechtigt einfädeln. Jeder nimmt Rücksicht.

Und was hat es gebracht?

Neun: Der Verkehr ist nicht weniger geworden. Aber er staut sich weniger, weil der Abfluss aus dem Kreisverkehr flüssig geht und es auf der Geraden keine Abbieger mehr gibt. Und: Die kleinen Geschäfte sind zurückgekehrt, weil die Fußgänger jetzt die Seiten queren können. So einen Mittelstreifen für Fußgänger habe ich auch vor kurzem in Ulm gesehen.

Und der ländliche Raum?

Neun: Hier ist entscheidend, dass das Zusammenspiel etwa von öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrad funktioniert. Da hinken wir hinterher. Und dann natürlich der Netzausbau, da ist noch vieles denkbar.

Manfred Neun (66) ist seit 2005 Präsident des Europäischen Radfahrer-Verbandes. Der heutige Unternehmensberater war 22 Jahre lang Chef des früheren Radherstellers Epple in Memmingen. Dort lebt er auch.

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