LIBANON

Wie ein querschnittsgelähmter Flüchtling anderen hilft

Dank der Prothese kann Mamdouh einem Bekannten im Geschäft helfen. Foto: Till Mayer

Der Besuch schmerzt. Wie jedes Mal, wenn Osama in seinem verbeulten Auto knirschend auf dem Schotter vor den Flüchtlingsbehausungen hält. Ein halbes Dutzend Hütten, hastig zusammengenagelt aus Plastikplanen, Balken und Brettern. Windschief stehen sie am Rand einer staubigen Straße, irgendwo auf einer Wiese im Bekaa-Tal. „ITS“ heißen diese Minisiedlungen, die Abkürzung für „Informal Tented Settlements“.

Osama hasst den traurigen Anblick der Hütten. Doch dann sieht er durch das Seitenfenster in ein breites und bekanntes Grinsen, das schon fast an der Scheibe klebt. Osama kann sich ein Lächeln nicht verkneifen: Meydan hat schon den Rollstuhl aus dem Kofferraum geholt, aufgeklappt und für ihn bereitgestellt.

Osama (34) und Meydan (39) haben das gleiche Schicksal: Raketeneinschläge veränderten das Leben der beiden syrischen Männer für immer. Osama hat immer noch Splitter in seinem Rücken. Er ist heute querschnittsgelähmt. Auf den ersten Blick hatte Meydan mehr Glück: Die Schrapnelle aus seinem Bein sind entfernt, er kann wieder laufen. Doch zwei seiner Brüder sind bei dem Angriff umgekommen. Als Meydan im Libanon ankam, waren Körper und Seele schwer verwundet. „Meine Familie hat alles verloren. Ich habe mich geschämt, dass meine Brüder gestorben sind, aber nicht ich. Osama hat mir damals viel geholfen“.

Osama, der so gut zuhören kann. Gerade wenn ihm sein Gegenüber nur von Sorgen und Angst erzählen kann. Osama, der sich jeden Satz genau überlegt, bevor er spricht. Weil er weiß, dass Worthülsen sich in einer solchen Situation verbieten. Dafür schenkt er ein aufmunterndes Lächeln. Obwohl er wenige Sekunden später kurz vor Schmerzen ächzt – der Krieg hat sich in Muskeln, Sehnen und Nervenbahnen gefressen.

Osama hätte allen Grund, selbst zu verzweifeln. Alles lief so gut für ihn: Mit 22 Jahren baute er nach dem Studium in einem Vorort von Damaskus eine kleine Firma auf, die Möbel aus Holz, Stahl und Glas herstellte. 25 Handwerker arbeiteten für ihn. Der Selfmademan war auf Erfolgskurs. Doch 2013 machte der Bürgerkrieg alles zunichte. Eine Explosion, ein Einschlag – alles geschieht innerhalb eines Augenblicks. „Haus, Werkstatt und Maschinen sind zerstört“, sagt Osama schlicht. Er erzählt, wie seine Familie zu einem Onkel nahe der Grenze auf libanesischer Seite geflüchtet ist. „Mir ging es damals sehr, sehr schlecht“, sagt der 34-Jährige. Er musste schnell lernen, mit der Querschnittslähmung zurechtzukommen. Das gute Leben von einst war nur noch ein Trümmerhaufen neben zahllosen anderen in Syrien.

„Ich wollte meinen Kindern weiterhin ein Vorbild sein und meiner Frau ein guter Mann“, sagt Osama. „Und ich habe eine Chance bekommen.“ Seine Chance ist die Werkstatt seines Onkels: Osama bringt sein ganzes Know-how ein, führt die Buchhaltung und hilft an den Maschinen. Sie haben Erfolg: Bis zu 15 Menschen arbeiten bei guter Auftragslage heute in dem Familienbetrieb. Früher waren es weniger als die Hälfte. Osama hat geholfen, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Vorkriegszeit bleibt trotzdem nur ein verblichener Schatten. 17 Familienmitglieder leben heute in einer Vierzimmerwohnung. Osama, seine Frau und die beiden Söhne teilen sich einen Raum. Wasserflecken an den Wänden erzählen noch im Frühling von einem feucht-kalten Winter. „Aber wir leben in einem festen Haus, nicht in Hütten, wie so viele andere syrische Flüchtlinge aus Syrien. Und wir schaffen es, halbwegs über die Runden zu kommen“, sagt der 34-Jährige.

Die erste Zeit nach seiner Verwundung hat ihn stark geprägt. „Mit einer Behinderung als Flüchtling zu leben, heißt, in einer Welt voller Barrieren zu überleben“, erklärt er. Osama beschließt, anderen zu helfen und engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe. Er ist Mutmacher und Zuhörer für andere, die wie der 37-jährige Meydan drohen, an ihrem Schicksal zu zerbrechen. „Ich habe einen wunderbaren Freund gewonnen – ist das nicht ein schöner Lohn dafür?“, fragt der 34-Jährige.

Leicht ist der Einsatz für ihn nicht: Die Arbeit in der Firma fordert viel Kraft. Daneben muss er noch die Energie finden, um Fremden zu helfen. Nicht selten ist das ein Kampf gegen den eigenen Körper. Der Rücken schmerzt ihn unbeschreiblich, wenn er zu lange im Rollstuhl sitzt. Doch anstatt sich zu Hause auf dem Bett auszustrecken, quält er sich dann doch in sein Auto und fährt los.

Unterstützt werden Osama und das lokale Selbsthilfe-Netzwerk von der Hilfsorganisation „Handicap International“. „Sie geben mir Mut, mich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einzusetzen“, berichtet er. „Sie helfen vielen auch direkt.“ Mit Physiotherapeuten beispielsweise, die nicht nur ihre Patienten behandeln, sondern auch gleich die Angehörigen schulen. Finanziert werden die Programme von Echo (European Community Humanitarian Office), der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission.

Für die Rechte behinderter Flüchtlinge im Libanon einzutreten, ist eine Herausforderung. Rund 1,1 Millionen Flüchtlinge leben laut Statistiken des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in dem syrischen Nachbarland. Damit ist jeder vierte Bewohner des Libanons vor Krieg und Konflikt geflohen. Andere Schätzungen gehen von bis zu zwei Millionen aus.

Seit Mai 2015 dürfen syrische Flüchtlinge nicht mehr in den Libanon einreisen. Ausnahmen gibt es beispielsweise, wenn sie nachweisen können, dass ein Libanese ihren Unterhalt übernimmt. Immer mehr und für Syrer oftmals unerfüllbare Auflagen schränken ihre Chancen im Libanon weiter ein. Sie müssen Gebühren berappen, Mietverträge und Beglaubigungen von lokalen Autoritäten beschaffen. Arbeiten dürfen sie dabei nicht, müssen aber dafür entsprechende finanzielle Rücklagen haben.

In manchen Gebieten gibt es speziell für Flüchtlinge Ausgangssperren. Zudem gelten sie als Migranten und nicht als Kriegsflüchtlinge. Osama bleibt unbeirrt: „Menschen mit Behinderung brauchen als Flüchtlinge besonderen Schutz und Unterstützung“, sagt er. „Zum Beispiel in der medizinischen Versorgung. Das ist ihr gutes Recht.“

So wie der 71-jährige Mamdouh: Er verlor ein Bein, weil ihm Diabetes-Medikamente fehlten. Gerade hat er von Handicap International eine hochwertige Prothese erhalten. Ein Team von Physiotherapeuten und Sozialarbeitern der Organisation schaut regelmäßig bei ihm vorbei. „Das sind schon einmal wichtige Hilfen, erste Schritte“, sagt Osama.

Jetzt ist es Zeit für ihn, Abschied von Meydan zu nehmen. Das Gespräch hat beiden gutgetan. Sie haben von der Heimat gesprochen, von besseren Zeiten. An Frieden und Rückkehr wagen beide kaum zu denken. „Für uns heißt es, jeden Tag aufs Neue zu bestehen“, sagen sie. Währenddessen reißt der Krieg in Syrien weiter seine Wunden. Sein Schatten wird noch weit reichen, selbst wenn es eines Tages in Syrien wieder Frieden geben sollte. Die Menschen im politisch labilen Libanon wissen das nur zu gut, nicht nur die Flüchtlinge.

Im Libanon, nahe des Ortes Chmout sucht ein Team von Handicap International nach Minen. Dorfbewohner haben direkt neben einem Weg drei Sprengsätze aus dem Bürgerkrieg gefunden. Der ist heute 26 Jahre her. Im Land mahnen noch immer Ruinen und zerschossene Mauern, welch kostbares Gut der Frieden ist. Osama und Meydan hoffen, dass die Lage stabil bleibt. Noch einmal zu fliehen, daran mögen sie nicht denken.

Für Spenden:

Handicap International, IBAN: DE07 70020500 0008817200 (Bank für Sozialwirtschaft), Spendenzweck: Libanon

In Beirut erinnern noch immer zerschossene Ruinen an den Bürgerkrieg vor 26 Jahren. Foto: Till Mayer
Auch Flüchtlingskinder mit Behinderung sind auf Hilfe angewiesen, damit sie wenigstens ansatzweise gefördert werden. Foto: Till Mayer
Osama (rechts) zu Besuch bei seinem Freund Meydan. Er sagt, „dank Osama hab ich wieder Mut gefunden“. Foto: Till Mayer

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