WÜRZBURG/FULDA

Wird tegut schweizerisch?

Die Märkte könnten bald unter der Regie der Migros Zürich stehen, einer von zehn Regionalgenossenschaften der schweizerischen Migros-Gruppe.

„Wir können bestätigen, dass wir Gespräche führen, die eine gute Weiterentwicklung des Unternehmens ermöglichen sollen“, sagte tegut-Pressesprecherin Andrea Rehnert am Montag dieser Zeitung. „Da die Gespräche zurzeit ergebnisoffen geführt werden, geben wir dazu keine Stellungnahme ab. Wenn es etwas zu berichten gibt, werden wir es tun.“

Immerhin meldete man bereits am 14. September die Tatsache, dass das operative Handelsgeschäft, das bislang in der tegut-Gutberlet-Stiftung eingebettet war, in eine neue Gesellschaft überführt wird. Mit diesem formalen Schritt ist der Einstieg eines Investors möglich geworden.

Und der wird aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Schweiz stammen. Denn die Migros hat in Deutschland bislang praktisch keine Marktstellung – ganz im Gegensatz zu den deutschen tegut-Wettbewerbern. Die großen fünf (Edeka, Rewe, Lidl, Aldi, Metro) decken über 80 Prozent des Lebensmittelmarktes ab. Und haben daher wenig Chancen, grünes Licht vom Kartellamt für eine tegut-Übernahme zu bekommen.

Man habe bislang noch nichts von Migros erhalten, sagt Kay Weidner, Pressesprecher des Bundeskartellamts, doch die Unternehmen hätten reichlich Zeit, einen geplanten Einstieg anzumelden. Bei der hohen Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel würde aber in jedem Fall „sehr genau draufgeschaut“. Es gehe im Einzelfall darum, welche Einkaufsalternativen die Verbraucher vor Ort hätten. Das könne dazu führen, dass Regionen unterschiedlich behandelt werden – und so ein Einstieg in einem Bundesland erlaubt wird und im anderen nicht.

Nun ist tegut in Hessen, Thüringen und Nordbayern vertreten. Bei der hohen Dichte etwa von Edeka und Rewe gerade in Nordbayern dürfte ein Einstieg der Handelsriesen bei dem Mittelständler aus Fulda daher wohl kaum von den Berliner Kartellwächtern abgesegnet werden.

Dabei gilt tegut in der Branche als Perle. Vor allem mit der Anfang der 80er Jahre eingeleiteten Orientierung auf Bioprodukte fand tegut – bis 1998 unter dem Namen HaWeGe – viele Fans. Heute liegt der Bioanteil im Sortiment bei über 20 Prozent. Dennoch stagnierten zuletzt die Umsätze. Wurden 2001 1,02 Milliarden Euro umgesetzt, waren es im vergangenen Jahr mit 1,16 Milliarden Euro nur minimal mehr.

Die ganze Branche leidet unter einem „hohen Wettbewerbs- und Preisdruck“, bestätigt Volker Wedde vom Einzelhandelsverband in Würzburg. So hätten die Verkaufsflächen in Bayern stark zugenommen, die Ausgaben der privaten Haushalte für den Verbrauch seien jedoch seit Jahren rückläufig. „Auch wenn Frische, Qualität und Regionalität wieder an Bedeutung gewinnen“, so Wedde, „kaufen die deutschen Verbraucher ihre Lebensmittel im europäischen Vergleich mit am günstigsten ein“.

Für den Branchenexperten Alexander Beck vom Büro für Lebensmittelkunde & Qualität in Bad Brückenau (Lkr. Bad Kissingen) ist das tegut-Konzept „fast zu gut aufgegangen“. So seien Biokäufer tegut treu geblieben, der konventionelle Kunde aber habe sich wohl zu stark abgewendet. Man habe tegut „zu sehr als Biomarke wahrgenommen – und bio gilt eben als teuer“. Hinzu käme der „fast ruinöse Preiswettbewerb“ im deutschen Lebensmittelhandel. Aber „wenn es denn sein muss, dann wäre die Migros wohl der Königsweg“, so Beck. Denn mit den Schweizern bestehe die Chance, „dass tegut als Konzept weiter besteht“.

 

Die Migros

In der Schweiz ist „die Migros“ (gesprochen: migro) weit mehr als nur ein großer Konzern. So wurden bereits 1944 die Migros-Klubschulen gegründet, mit dem Ziel, Weiterbildung für das Volk zu günstigen Konditionen anzubieten. Zur Gruppe gehören neben den Lebensmittelmärkten etwa auch der Discounter Denner, die Buchkette ex-libris, die Warenhauskette Globus und zehn Obi-Baumärkte in der Schweiz.

Kern der Gruppe sind zehn regionale Genossenschaften – darunter die Migros Zürich, die derzeit mit tegut verhandelt. Sie erzielt einen Jahresumsatz von rund 2,1 Milliarden Euro. Migros Zürich gehört über 300 000 Genossenschaftsmitgliedern in der Region Zürich.

In Deutschland ist die Migros bislang nur mit drei Lebensmittelmärkten vertreten: In Lörrach seit 1995, in Freiburg seit 2002, in Reutlingen seit 2008. Die Geschäfte befinden sich jeweils in den Innenstädten. Weitere Standorte in Süddeutschland sind geplant, die nächste Migros-Filiale wird demnächst in Ludwigshafen eröffnen. Doch Migros ist in Deutschland noch in einem anderen Feld aktiv: Seit Ende 2011 gibt es die erste deutsche Filiale der Migros-Fitnessstudiotochter Elements – natürlich mitten in München. Text: MD

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