ISTANBUL

Zensur sprengt Filmfestival

Ein Sonnenaufgang in der wildromantischen Berglandschaft Südostanatoliens. Eine Rebellen-Einheit, die durch ein Tal marschiert. Guerillas in olivgrünen Uniformen, die im Lager Brot backen und Volleyball spielen. Eine Kämpferin der Rebellenarmee, die von Freiheit spricht. Solche Szenen voller Revolutionsromantik aus dem Film „Bakur“ (Norden) machen deutlich, warum die türkische Regierung den Dokumentarstreifen nicht mag: „Bakur“ behandelt den Alltag von Kämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

„Bakur“ sollte am vergangenen Sonntag beim Istanbuler Filmfestival gezeigt werden, wurde aber aufgrund einer Intervention aus Ankara kurz vor der Vorführung abgesetzt. Rund hundert Filmemacher, darunter Nuri Bilge Ceylan, der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, protestierten in einem offenen Brief gegen die Einmischung des Kulturministeriums. Gleichzeitig zogen etwa zwei Dutzend Regisseure ihre Beiträge aus den Wettbewerben des Filmfestivals zurück.

Die Festivalleitung gab den Regisseuren recht und stornierte alle Wettbewerbe, auch wenn das Filmprogramm wie geplant bis zum Festivalende am 19. April weiterlaufen soll. Die Produktionsfirma Surela und die Unterzeichner des offenen Briefes sprachen von Zensur.

Ministerium: keinerlei Zensur

Der Filmkritiker und Kolumnist Atilla Dorsay schrieb in einem Beitrag für das Online-Portal „T24“, die türkische Regierung schränke die Meinungsfreiheit immer stärker ein. Er verwies unter anderem auf ein neues Sicherheitsgesetz, das der Polizei erweiterte Befugnisse bei Festnahmen und Durchsuchungen gibt. Ankara wolle jede Kritik unterdrücken und sei drauf und dran, eine Diktatur zu errichten, schrieb Dorsay.

Dagegen kann das türkische Kulturministerium im Umgang mit „Bakur“ keinerlei Zensur erkennen. Der Film, gedreht von den Regisseuren Cayan Demirel und Ertugrul Mavioglu, sei lediglich beanstandet worden, weil eine bestimmte behördliche Genehmigung fehle. Türkische Zeitungen wiesen allerdings darauf hin, dass andere Filme ebenfalls ohne diese Genehmigung am Festival teilnahmen und unbehelligt blieben. Nur bei „Bakur“ schritt die Regierung ein.

Es ist nicht das erste Mal, dass Surela den türkischen Behörden unangenehm auffällt. Bereits seit dem Jahr 2007 ist ein Surela-Film über die Militäraktion von Dersim, bei dem türkische Regierungstruppen im Jahr 1938 mehrere Tausend Menschen töteten, mit einem Verbot belegt.

„Bakur“ – der kurdische Südosten der Türkei heißt bei der PKK „Nordkurdistan“ – kommt zwar zu einer Zeit, in der Ankara mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan über eine friedliche Beilegung des Kurdenkonflikts verhandelt. Doch zum einen nehmen die Spannungen zwischen den Sicherheitskräften und den Rebellen kurz vor der türkischen Parlamentswahl am 7. Juni wieder zu; erst am vergangenen Wochenende lieferten sich Soldaten und PKK-Kämpfer wieder ein Gefecht. Zum anderen will der türkische Staat eine Aufwertung der PKK um jeden Preis verhindern.

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