Der mit den Geistern sprach

Am 27. Februar 1861 wurde der Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik geboren. Seine Ideen leben bis heute fort, sie faszinieren oder provozieren, werden bedingungslos verehrt oder als obskur und esoterisch abgelehnt.
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Den ersten Kontakt mit der übersinnlichen Welt hatte er bereits als Kind. Rudolf Steiner war damals acht Jahre alt. Es geschah im Wartesaal des Bahnhofes in Pottschach. Sein Vater war dort Stationsvorsteher. Der kleine Rudolf saß allein auf einer Bank, als eine Frau hereintrat, die er noch nie gesehen hatte. Sie soll jedoch Ähnlichkeit mit einem Familienmitglied gehabt haben, erzählte er mehr als vier Jahrzehnte nach dem ominösen Vorfall, am 4. Februar 1913 in seinem Vortrag „Skizze eines Lebensabrisses“ in Berlin. Die Frau ging in die Mitte der Stube, „machte Gebärden und sprach auch Worte“ erinnerte sich Steiner. „Versuche jetzt und später, so viel du kannst, für mich zu tun!“ soll sie gesagt haben. Danach ging sie zum Ofen und verschwand darin. Einige Tage später erreichte die Eltern die Nachricht, dass eine entfernte Verwandte durch Suizid aus dem Leben geschieden ist. Sohn Rudolf interpretierte seine Begegnung als Hilferuf eines ihm verwandten Geistes. „Nun, wer so etwas in seiner frühen Kindheit erlebt und es nach seiner Seelenanlage zu verstehen suchen muß, der weiß von einem solchen Ereignisse an . . . wie man in den geistigen Welten lebt.“

Alle berühmten Propheten, Visionäre und sogenannten Heilsbringer werden mit besonderen, meist magischen Schlüsselerlebnissen in Verbindung gebracht, die fortan ihr Leben beeinflussten. Der Philosoph und Begründer der Anthroposophie (wörtlich: Weisheit vom Menschen) macht da keine Ausnahme. Die nur für ihn sichtbare Begegnung mit der Erscheinung aus der nicht sichtbaren, immateriellen Welt war, so scheint es, seine Initiation als Geisterseher.

Abitur mit Auszeichnung

Rudolf Josef Lorenz Steiner wurde vor 150 Jahren, am 27. Februar 1861 im damals österreichisch-ungarischen Kraljevec (heute Kroatien) geboren. Mehrfach zog die Eisenbahnerfamilie um, lebte in Mödling, Pottschach und Neudörfl, alles Stationen entlang der Südbahn in der damaligen Donaumonarchie. Seine Interessen waren vielfältig. Mathematik fiel ihm leicht, Geometrie faszinierte ihn. Bereits als Jugendlicher soll er philosophische Schriften gelesen haben. Sein Abitur bestand er mit Auszeichnung.

An der Technischen Hochschule in Wien bewältigte Steiner ein enormes Pensum. Mathematik, Chemie, Physik, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Geologie und Mechanik studierte er fürs Realschullehramt, besuchte Vorlesungen in Literatur und Geschichte. Von Wien zog er nach Weimar und arbeitete am Goethe- und Schiller-Archiv. Der Einzelgänger fühlte sich dort jedoch, in der „Stadt der klassischen Mumien“, nicht wohl. 30-jährig promovierte er in Rostock, 1894 erschien sein philosophisches Hauptwerk: „Die Philosophie der Freiheit“.

Aus der angestrebten Hochschulkarriere wurde nichts. In Berlin arbeitete er ab 1897 als Theaterkritiker. Später unterrichtete er an der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule. Fünf Jahre später schloss sich Steiner der Theosophischen Gesellschaft an, deren Mitbegründerin Helena Petrovna Blavatsky ist, die für einige Jahre in der Ludwigstraße in Würzburg lebte.

Steiner hielt in dieser Zeit zahlreiche Vorträge im In- und Ausland, unter anderem über Reinkarnation und Karma, Leben zwischen Tod und neuer Geburt, Mysterien- und Evolutionsgeschichte. 1911 verließ er wegen Differenzen die Theosophen und gründete über ein Jahr später die Anthroposophische Gesellschaft, die seit 1913 in Dornach südlich von Basel ihren Hauptsitz hat.

Inszenierung zum Guru

Nach 1900, nach seinem 40. Geburtstag, veränderte er nicht nur sein Äußeres, er inszenierte sich, entwickelte sich zum Guru, schreibt die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhardt in ihrer jüngst bei DVA erschienenen Biografie über Rudolf Steiner. Bei den Theosophen begann sein Aufstieg zum okkulten Propheten des 20. Jahrhunderts. Als Begründer der Anthroposophie, die in vielen Elementen auf der Theosophie aufbaut, vervollkommnete er seine Erscheinung als ein in Schwarz gehüllter „Menschheitsführer“.

Vor allem wegen seiner „Geister“-Wissenschaft stieß und stößt er noch immer an. Anthroposophie war für ihn die Erforschung der geistigen Welt mit dem Ziel, höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen. Wobei er Menschen als Inkarnationen unsterblicher geistiger Wesen beschrieb, die mehrfach in ihrer Entwicklung in eine physische Daseinsform hinuntersteigen und durch ihre Taten das Schicksal späterer Inkarnationen beeinflussen. Steiner war seinen Anhängern allerdings weit voraus, denn er hatte laut eigenen Angaben nicht nur hellseherisch Zugang zu Geistwesen, sondern auch zur imaginären „Akasha-Chronik“, die das geistige Weltgedächtnis enthalten soll. Aus ihr schöpfte er sein mythisches Menschheitswissen.

Bis heute scheiden sich an dem Geisterseher die Geister. Für seine Anhänger ist Steiner der bedeutendste Reformer des 20. Jahrhunderts mit messianischen Zügen. Kritiker sehen Teile seines Gedankengebäudes als esoterischen Unsinn. Bewunderung und Verachtung sind die Pole, zwischen denen sich die Auseinandersetzung mit dem „Universalgenie“ bewegt. Das zeigt, dass er die wenigsten kaltlässt. Ist er ein verkannter Prophet?

Zweifelsohne war Rudolf Steiner eine charismatische Persönlichkeit, aber auch ein Kind seiner Zeit. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden viele Reformbewegungen als Reaktion auf die Industrialisierung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Kritisiert wurde die Materialisierung des Lebens durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse, soziale Umbrüche durch die zunehmende Urbanisierung und das hektische Leben in den Städten, letztlich die Entfremdung von der Natur durch technische Neuerungen, gesucht wurde nach alternativen Lebensformen. Es wurde der Leib ertüchtigt, der Freikörperkultur gefrönt, beim Essen auf Fleisch verzichtet, auf die Naturheilkunde geschworen, das den weiblichen Körper einschürende Korsett auf den Müll geworfen, die menschliche Psyche bis in den letzten Winkel analysiert, auf spiritistischen Sitzungen Geister aus dem Jenseits beschworen und okkulte Praktiken studiert. Damals entwickelte „Semmeldoktor“ Johann Schroth die Schrothkur, Sebastian Kneipp seine Wasserkuren, initiierte „Turnvater“ Jahn seine Turnerbewegung. Es entstanden Schrebergärten, Gartenstädte und Landkommunen, etwa Anfang des 20. Jahrhundert die Künstlerkolonie auf dem Monte Verita oberhalb von Ascona im Tessin, von den Gründern als Ort der freien Liebe angedacht.

Es war eine Zeit gesellschaftlicher und weltanschaulicher Umbrüche, in die Rudolf Steiner hineingeboren wurde. Aber mit seiner Vorstellung von der Welt als einem allumfassenden Gesamtkunstwerk geht er über andere Denkansätze weit hinaus. Seine Sicht der Dinge lebt bis heute fort: in der Waldorfpädagogik, biologisch-dynamischen Landwirtschaft (Demeter), in der Medizin (anthroposophische Klinken) sowie Naturkosmetik (Weleda, Wala/Dr. Hauschka), in Religion (Christengemeinschaft), Kunst, Musik und Tanz (Eurythmie), Theater, Architektur (das nach seinen Plänen erbaute erste und zweite Goetheanum in Dornach) und Möbeldesign. Auch zu ökonomischen Fragen machte sich Steiner Gedanken. Unternehmer wie der Gründer von dm drogerie markt, Götz Werner, zählen heute zu seinen Anhängern. Er nahm in den Ausbildungsplan seiner „Lernlinge“ auch Theaterprojekte auf. Heute setzt sich Werner für bedingungsloses Grundeinkommen ein.

Die anthroposophische Gedankenwelt zog auch Künstler an. Steiners Zeitgenosse Wassily Kandinsky zum Beispiel suchte wie er „Das Geistige in der Kunst“. So lautet der Titel seiner vor 100 Jahren veröffentlichten kunsttheoretischen Schrift, in der Kandinsky unter anderem die Wirkung der Farbe auf Physis und Psyche untersucht und feststellt hat, dass es eine direkte Einwirkung der Farbe auf die Seele gibt. Goethe lässt grüßen, dessen naturwissenschaftlichen Schriften samt Farbtheorie Steiner in Weimar ediert und in seinem Sinne erweitert hat bis hin zu der Forderung: „Man muss ebenso denken können in Farben und Formen, wie man denken kann in Begriffen, in Gedanken.“

Zu den bekanntesten Gegenwartskünstlern, die sich direkt auf Rudolf Steiner beziehen, zählt Joseph Beuys. Auch er wollte die Gesellschaft zu einem Kunstwerk machen, erweiterte den Kunstbegriff, charakterisierte seine Plastik als sozial im Sinne von gesellschaftsverändernd. Und auch Beuys hatte als Kind ein Schlüsselerlebnis, das er 1984 in einem „Spiegel“-Interview verriet. Er soll um die vier Jahre alt gewesen sein, als ihm am helllichten Tag ein Wesen gegenüberstand und ihm „in einer Sprache, die nur der vernimmt, der auf dieser Linie hören kann“ mitgeteilt habe, was er machen sollte: Genau das, was er als Künstler dann machen musste.

Steiners Ideen

Philosoph, Pädagoge, Naturwissenschaftler: Der umtriebige und umstrittene Reformer Rudolf Steiner (1861-1925) hatte viele Facetten. Er war Ideengeber für Architektur, Malerei, Medizin, Tanz, Landwirtschaft und Gesellschaft. Zeitlebens hielt er Tausende Vorträge. Die stenografischen Aufzeichnungen wurden nach und nach ediert. Heute umfasst die von der Nachlassverwaltung herausgegebene Gesamtausgabe rund 350 Bände. Viele Begriffe, die man mit Steiner verbindet, lassen sich nicht in einem Satz erklären. Eine Auswahl:

Anthroposophie heißt – wörtlich übersetzt – die „Weisheit vom Menschen“. Sie ist Rudolf Steiners Weltanschauung und lehrt den Weg zur Selbsterkenntnis und zur Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Unterschieden wird dabei zwischen „physischem Leib“, „Ätherleib“, „Astralleib“ und dem „Ich“. Die Erlösung erreicht der Mensch am Ende einer Reihe von Wiedergeburten, nachdem er sich zunehmend als seelisch-geistiges Wesen entwickelt hat. Kritiker sehen in der Anthroposophie eine unwissenschaftliche Vermischung christlicher und esoterisch-gnostischer Ideen. Steiner lehrte auch den Unterschied zwischen niederen und höheren menschlichen Rassen, was ihm den Vorwurf des Rassismus einbrachte.

Eurythmie ist eine Art expressive Bewegungskunst mit eigenem Regelsystem und Ausdrucksvokabular. Das Ganze erinnert ein wenig an Ballett, wurzelt in Steiners Anthroposophie und will den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit erfassen. Eurythmie will die „verborgenen Seelenkräfte“ zum Wirken bringen. An Waldorfschulen ist sie ein reguläres Pflichtfach. Die der Eurythmie eigene Sprache soll aber auch ohne theoretische Vorkenntnisse verstanden werden können.

Waldorfschulen haben ihren Namen von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Deren Besitzer Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter eine Allgemeinbildung ermöglichen; daher gründete er 1919 die erste Waldorfschule und übergab Steiner die Leitung. Unterrichtet wird auch heute noch an den aktuell 298 Waldorfschulen in Deutschland (beispielsweise auch in Würzburg und Haßfurt) nach seinem ganzheitlichen Erziehungskonzept. Danach sollen die individuellen körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten gleichermaßen gefördert werden. Noten und Sitzenbleiben gibt es nicht. In der Regelschulzeit von zwölf Jahren können Hauptschulabschluss und Mittlere Reife erworben werden. Das Abitur kann im 13. Jahr vor staatlichen Prüfern abgelegt werden.

Kosmos Rudolf Steiner heißt die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zum 150. Geburtstag des Philosophen. Beleuchtet wird erstmals die kulturgeschichtliche Bedeutung des Reformers. Bis zum 22. Mai macht die Schau auch den Einfluss Steiners auf die zeitgenössische Kunst sichtbar. Zu sehen gibt es historische Dokumente, Möbel, Filme, Farbkammern, Schmuck, Architekturmodelle und von Steiner während seiner Vorträge beschriftete und bemalte Wandtafeln. Info im Internet: www.kunstmuseum-stuttgart.de TEXT: dpa/cj

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