BERLIN

Der schwierige Ausstieg

Das Datum steht. Im Jahr 2022 wird der Meiler GKN II im baden-württembergischen Neckarwestheim als letztes Kernkraftwerk in Deutschland abgeschaltet. Das haben Union und SPD im Koalitionsvertrag ausdrücklich bekräftigt. Doch Abschaltung, Stilllegung und Abriss der insgesamt 19 Atomkraftwerke (AKW) macht Probleme. Unter anderem wird dabei so viel schwach- und mittelradioaktiver Müll anfallen, dass die bestehenden Zwischenlager an den Standorten der Kraftwerke dringend erweitert werden müssen. Das geht aus einer Studie hervor, die die baden-württembergische Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl vorstellte.

„An vielen Standorten reichen die Kapazitäten nicht aus“, sagt der Autor des Gutachtens, der Diplom-Physiker und Atomexperte Wolfgang Neumann, der unter anderem Mitglied der Reaktorsicherheitskommission war. Dies gelte auch für die zentralen Zwischenlager in Gorleben, Ahaus oder Lubmin. „Es müssen in jedem Fall neue Zwischenlager gebaut werden.“ Neumann plädiert dafür, den Atommüll dort zu lagern, wo er anfällt, um unnötige Transporte durch die Bundesrepublik zu vermeiden und die Risiken für die Bevölkerung zu reduzieren.

Pro Kernkraftwerk fallen im Durchschnitt 300 000 bis 350 000 Tonnen Abfall an, dabei sind in der Regel drei Prozent schwach- bis mittelradioaktiv belastet und müssen entsprechend entsorgt werden. Für Gemeinden mit Atomkraftwerken hat dies zur Folge, dass auf ihrem Gebiet trotz des Atomausstiegs noch mehrere Jahrzehnte bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts strahlender Müll gelagert werden muss.

Ein weiteres Problem: In den acht Kernkraftwerken, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 erst befristet und dann dauerhaft abgeschaltet worden sind, befinden sich nicht vollständig abgebrannte Brennelemente, die noch spaltbares Uran enthalten. Diese können nach den Angaben Neumanns auf absehbare Zeit nicht aus den Reaktoren entfernt und – wie abgebrannte Brennstäbe – mit Castor-Behältern in ein Zwischenlager gebracht werden, da es für sie wie für defekte Brennelemente in Deutschland keine für den Transport und die Zwischenlagerung zugelassenen Behälter gibt.

Brennelemente als Problem

„Diese Situation ist hauptsächlich von den Energieversorgungsunternehmen zu verantworten“, sagt Neumann. Diese hätten sich schon längst für die Zulassung von Castor-Behältern für Brennelemente mit spaltbarem Material kümmern müssen.

Solange noch Brennelemente im Reaktor sind, kann nach international üblichem Standard nicht mit Rückbau und Abriss des Kraftwerks begonnen werden. „Aus ökonomischen Gründen“, so Neumann, wollten aber Betreiber wie RWE in Biblis nicht so lange warten und mit dem Rückbau beginnen, obwohl sich noch hoch radioaktives Material im Meiler befindet. Der Gutachter appellierte an die Genehmigungsbehörden, dies aus Sicherheitsgründen zu verbieten. Die Gefahr für Störfälle sei hoch.

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