„Die Energiewende kommunizieren“

Ranga Yogeshwar       -  .
Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) | .

Für den Wissenschaftsexperten Ranga Yogeshwar ist der Umstieg auf Wind und Sonne eine Überlebensfrage. Die Energiewende habe mit unserer Verantwortung für nachfolgende Generationen zu tun. Dass große Energie- und Ölkonzerne von der Entwicklung nicht begeistert sind, liege auf der Hand. Aber auch sie müssten, um zu überleben, sich dem Wandel unterziehen.

Frage: Sie sind bekannt dafür, dass Sie die kompliziertesten Dinge einfach erklären können, wie Sie in der Sendung „Quarks & Co“ beweisen. Erklären Sie uns, klappt die Energiewende?

Ranga Yogeshwar: Es muss am Ende klappen. Und zwar nicht, weil wir einer modischen Erscheinung hinterherlaufen, sondern weil wir auf globaler Ebene merken, dass eine nachhaltige Energieversorgung notwendig ist, wenn wir in Zukunft nicht eine Verschärfung von Konflikten sehen wollen. Denken Sie nur an das, was im Nahen Osten oder in der Ukraine passiert. Dort spielt immer Energie eine Rolle.

Könnte uns eine bessere Energiepolitik also einen Teil der aktuellen Flüchtlingswelle ersparen?

Yogeshwar: Was wir derzeit sehen, hat sicher auch indirekt mit Energie zu tun. Schauen Sie sich den Nahen Osten an, nicht nur Syrien, sondern Irak, Iran, Libyen oder Saudi-Arabien. Der Hunger auf Öl und seine geostrategische Bedeutung führt dazu, dass Konflikte verschärft werden. Vor der Ölförderung war die Zahl der Konflikte überschaubar. Sobald Öl im Spiel war, ist dies anders. Ähnlich ist es in Mali. Was macht den Reichtum von Mali aus? Es sind die Uranvorkommen.

Deutschland geht bei den erneuerbaren Energien voran. Aber kann ein Land allein das schaffen?

Yogeshwar: Am Anfang sah es aus, als würde Deutschland eine Art Alleingang machen. Aber wenn man sich international umhört, weiß man, dass auch in anderen Ländern Windenergie und Solarenergie immer wichtiger werden.

In Deutschland sind viele Bürger zwar für den Atomausstieg, tragen Stromtrassen und Windräder vor Ort aber nicht mit. Was läuft da falsch?

Yogeshwar: Ich denke, um die Bürger mitzunehmen, muss man die Energiewende kommunizieren. Der Bürger hat die Energiewende nach der Katastrophe in Fukushima vom März 2011 als völlig inkonsistente Politik erlebt. Kurz vorher hatte man die Laufzeitverlängerung bei Kernkraftwerken beschlossen, dann schaltete man diese plötzlich ab. Dies wurde als politische Überreaktion wahrgenommen, nicht als das, was es sein muss. Als eine langfristige, strategische Entscheidung, die weltweit Einfluss hat.

Sie waren selbst in Fukushima. Was waren Ihre Eindrücke?

Yogeshwar: Dort sieht man, wie es durch ein ungünstiges Energiekonzept plötzlich Regionen gibt, die nicht mehr bewohnt werden können. Dazu kommen enorme Kosten.

Trotzdem nimmt Japan wieder Kernkraftwerke ans Netz. Geht es doch nicht ohne Kernkraft?

Yogeshwar: Für mich ist dies das Dokument einer gefühlten Alternativlosigkeit. Japan hat zu stark auf Kernenergie gesetzt. Dabei könnte das Land vieles anders machen. Zum Beispiel mit Geothermie. Neue AKW haben derart hohe Kosten, sodass man sich fragen muss, ob es sich noch rentiert. Dazu kommt, dass Fragen des Rückbaus alter Kernkraftwerke und die Entsorgung nicht geklärt sind.

Kritiker sagen aber, allein mit Sonne und Wind kommen wir nicht ans Ziel. Einfach, weil die Sonne nicht immer scheint, der Wind nicht immer weht.

Yogeshwar: Sicher werden wir eine Scharnierphase haben, in der Koexistenz der Energieformen nötig ist. Wer aber etwas in die Zukunft blickt, sieht, wie die lokale Volatilität – also die Schwankungen durch Wind und Sonne – über das Netz kompensiert werden können. Auch Speichertechnologien sind ein wichtiger Punkt. Wir werden dies alles nicht für den Preis einer Tasse Espresso bekommen. Die Energiewende greift in das Geschäft großer Spieler ein. Energiekonzerne und Ölkonzerne gehören weltweit zu den größten Akteuren. Ändert sich das Geschäft, ist niemand begeistert. Wenn man aber langfristig denkt, wird ein Schuh daraus. Die Energiewende hat mit unserer Verantwortung für nachfolgende Generationen zu tun. Es muss nur rational passieren. Das ist nicht leicht, da die Diskussion heute stark politisiert ist.

Was müssen wir besser machen?

Yogeshwar: Hier hilft es, sich klarzumachen, in welcher Welt wir leben. Wir erleben derzeit einen tief greifenden Wandel. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Früher gab es ein großes Lexikon. Den Brockhaus. Heute haben wir mithilfe von Wikipedia eine völlig neue Struktur. Wikipedia ist das beste Nachschlagewerk in Volumen, Tiefe, Differenziertheit, das wir je hatten. Interessant ist aber, dass es das Ergebnis vieler Menschen in einer vernetzten Gesellschaft ist. Überträgt man dieses Denken auf die Möglichkeiten des Energiesparens und der Energiegewinnung, dann merkt man, dass wir in einen anderen Modus kommen.

Die deutschen Energieriesen Eon oder RWE sind derzeit in der Krise. Brauchen wir die alte Energiewelt noch?

Yogeshwar: Wir brauchen sicher immer noch professionelle Provider für einige Projekte. Lieschen Müller kann nicht unbedingt Stromtrassen bauen. Nötig ist aber – wie bei Wikipedia – ein neues, dezentrales Denken. Die Energiekonzerne haben nur eine Chance zu überleben, wenn sie dieses neue Denken annehmen. Wenn nicht, könnte es ihnen wie den Großcomputerherstellern gehen, die von der Zeit hinweggefegt worden sind.

Ranga Yogeshwar

Der 56-jährige Wissenschaftsexperte ist bekannt als Fernsehjournalist und Moderator von Wissenschaftssendungen. Der Diplom-Physiker wurde in Luxemburg als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin geboren. Yogeshwar lebt in der Nähe von Köln, ist verheiratet und hat vier Kinder.

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