FRANKFURT

„Es gibt eine große Sehnsucht nach unbequemen Politikern“

Oliver Georgi hat das Buch geschrieben „Und täglich grüßt das Phrasenschwein“.
Foto: Wolfgang Eilmes, FAZ | Oliver Georgi hat das Buch geschrieben „Und täglich grüßt das Phrasenschwein“.

Oliver Georgi (Jahrgang 1977) arbeitet als Politikredakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sein Buch „Und täglich grüßt das Phrasenschwein“ (223 Seiten, Duden-Verlag) erklärt, warum politische Debatten immer häufiger in Phrasenschlachten ausarten und warum sich die Sehnsucht nach authentischen Politikern so selten erfüllt.

Frage: Es ist ja schwer angesagt, von den legendären Redeschlachten zu schwärmen, die sich Herbert Wehner und Franz Josef Strauß im Bundestag geliefert haben. War früher alles besser?

Oliver Georgi: Nein, das glaube ich nicht. Auch früher haben Politiker schon Phrasen benutzt. Aber diese Tendenz hat in den letzten Jahren zugenommen. Das liegt auch an dem wachsenden Druck auf Politiker durch die sozialen Medien, die die Debatte über Politik noch einmal enorm beschleunigt haben. Zitate können schnell eine Eigendynamik bekommen, die für eine große Empörungswelle sorgt. Daher haben viele Politiker Angst vor Zuspitzungen. Dinge, die ein Herbert Wehner in den 70er Jahren gesagt hat, würden heute für so einen Wirbel sorgen, dass Twitter drei Monate nicht mehr stillstehen würde.

Wenn doch aber alle sagen, dass Authentizität für Politiker ein Schlüssel zum Erfolg ist, warum wirken dann in Zeiten von Coaching und Videotraining so wenige Politiker authentisch?

Georgi: Das ist ja das Widersprüchliche. Ich sehe das als Folge davon, dass Politiker eben auch Angst vor zu viel Authentizität haben. Daran haben sicher die Medien, aber auch die Wähler eine gewisse Mitschuld. Alle fordern authentische Politiker. „Bitte seid doch offener und natürlicher“, heißt es. Wenn dann aber ein Peer Steinbrück oder ein Sigmar Gabriel mal etwas Provokanteres sagen, ist die Empörung schnell groß. Robert Habeck hat daraus seine Konsequenzen gezogen. Weil der Grünen-Politiker auf Twitter zweimal mit Tweets für Irritationen sorgte, die zumindest fragwürdig waren, hat er sich aus den Sozialen Medien zurückgezogen. Ich hätte mir gewünscht, dass Habeck sich nicht zurückzieht, sondern lieber versucht, es künftig besser zu machen.

Beschleicht Sie nicht manchmal das Gefühl, dass Habeck fast schon „überauthentisch“ ist?

Georgi: Die Trennlinie ist in diesem Fall schwer zu ziehen. Ich warne aber davor, alle Politiker unter Generalverdacht zu stellen. Was für Habeck gilt, trifft auch auf Gabriel zu: Beide Politiker spielen auf eine Art damit, dass sie als kantig und authentisch gelten. Insbesondere Habeck mit einigem Erfolg. Natürlich fragt man sich dann immer: Was davon ist echt und was Inszenierung? Aber ich finde, dass man das dann auch ertragen muss, wenn man Politiker haben will, die nicht ständig in Phrasen sprechen und sich so immer weiter von den Bürgern entfremden. Es ist mir zu einfach, immer nur mit dem Finger auf die Politiker zu zeigen. Wir, die Wähler und auch die Medien, brauchen eine größere Fehlertoleranz. Politiker haben zu viel Angst, Fehler zu machen. Das lähmt.

Darum üben sie sich sogar in Körpersprache. Wird so in Zukunft nicht alles noch kontrollierter?

Georgi: Klar. Darin liegt eine Gefahr. Politiker wissen, was von ihnen erwartet wird. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Statement abgibt, kann man förmlich spüren, wie viele Berater an jedem Satz gefeilt haben. Und am Ende spricht sie zwar, sagt aber inhaltlich . . . nichts.

Ist es in diesem Zusammenhang nicht bedenklich, dass die Parteien jetzt schon ihre eigenen Fernsehkanäle samt Interviewtraining für ihre Abgeordneten betreiben?

Georgi: Grundsätzlich kann ich es nachvollziehen, dass Parteien oder auch Ministerien eigene Medienkanäle und auch Newsrooms einrichten, weil sich der Nachrichtenstrom immens beschleunigt hat. Politiker müssen immer und überall sprechfähig sein. Der Versuch, mehr Kontrolle über die eigenen Bilder und Meldungen zu haben, ist ja auch eine Reaktion auf die sozialen Netzwerke, in denen Statements schnell außer Kontrolle geraten können. Bedenklich wäre das dann, wenn Parteien damit versuchen würden, die herkömmlichen Medien auszuschließen und eine eigene, unkritische Öffentlichkeit zu schaffen. Und eines ist klar: Lebendiger und authentischer wird die politische Kommunikation durch diese Entwicklung nicht gerade.

Welche Politiker bekommen das mit der Authentizität am besten hin?

Georgi: Ich nenne gar nicht so gerne konkrete Beispiele, das wird dann immer als parteipolitisch getrieben ausgelegt.

Ich bitte Sie dennoch darum.

Georgi: Sigmar Gabriel hatte ich schon genannt. Der Mann ist rhetorisch brillant. Das liegt auch daran, dass er wenig Angst vor Kritik hat. Das ist auch bei Wolfgang Schäuble so, der ja nicht zuletzt deswegen so beliebt ist, weil man ihm abnimmt, dass er sagt, was er denkt. Die SPD-Politikerin Katarina Barley habe ich auch als unmittelbar und offen erlebt.

Wie wollen die Deutschen ihre Politiker haben?

Georgi: Es gibt eine große Sehnsucht nach unbequemen Politikern. Da hat sich einiges verändert. Nehmen wir den früheren SPD-Chef Franz Müntefering: Der war anfangs als eher langweiliger Technokrat verschrien. Aber im Rückblick gilt er vielen als Sozialdemokrat, der noch vergleichsweise authentisch geredet hat.

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