„Geld allein macht nicht glücklich“

Thomas Druyen gilt als renommiertester Forscher im Bereich der Reichtums- und Vermögensforschung in Europa. Wir sprachen mit ihm über den Einfluss privaten Geldvermögens auf die Gesellschaft – und den Schlaf der Reichen.

Frage: Herr Druyen, was ist eigentlich ein HNWI?

Thomas Druyen: Das sind High-net-worth individuals. Hierunter versteht man in der Finanzbranche Personen oder Haushalte, die mindestens eine Million US-Dollar Nettofinanzvermögen besitzen. Immobilien oder Sammlerexponate sind hier also nicht inbegriffen.

2010 gab es 924 000 HNWIs in Deutschland. Und es werden jedes Jahr – auch in den zurückliegenden Krisenjahren – mehr. Wie geht das eigentlich?

Druyen: Bitte überschätzen Sie mich nicht. Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Erst einmal steigen zwar die Zahlen der Millionäre seit Jahren, dennoch hat es in den Jahren 2008 und 2009 Rückläufe gegeben. Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Grundsätzlich ist es sinnvoll, diese Entwicklung im internationalen Zusammenhang zu begreifen. Und da gibt es durchaus eine markante Verschiebung zu beobachten: Die Zahl der Millionäre in Asien wächst bei weitem schneller als bei uns. Und dieser Trend wird sich auch langfristig fortsetzen.

Ab wann ist man überhaupt reich?

Druyen: In der Vermögenskulturforschung verwenden wir für Deutschland die Annahmen, dass man zwischen 500 000 und drei Millionen Euro wohlhabend ist, ab drei Millionen reich, ab 30 Millionen sehr reich und ab 300 Millionen superreich.

Der Begriff „reich“ hat bei uns kein gutes Image . . .

Druyen: Der Reichtumsbegriff fokussiert in erster Linie materielle und monetäre Dimensionen. Er sagt aber wenig darüber aus, wie die qualitative Aneignung und Ausübung dieses Reichtums abläuft. Daher steht für uns der Vermögensbegriff als qualitative Bewertung im Vordergrund. Wir wollen erfahren und wissen, wie Reiche mit ihrem Erfolg, ihren Segnungen und ihrer dementsprechenden Verantwortung umgehen und welche psychologischen Konsequenzen daraus erwachsen. Der Vermögende unterscheidet sich vom Reichen dadurch, dass er sich auch seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewusst ist und demgemäß handelt.

Geld soll ja doch nicht glücklich machen, heißt es. Können Reiche aber vielleicht besser schlafen?

Druyen: Das Geld allein nicht glücklich macht, scheint allmählich bewiesen zu sein. Werte wie Gesundheit, Seelenfrieden, Liebe und gelingendes Altern entziehen sich der Käuflichkeit. Auch dass Geld den Schlaf befördert, scheint mir nach unseren vielen Gesprächen, der Wirklichkeit nicht standzuhalten. Dass die monetäre Verfügungsgewalt aber eine Fülle von Auswegen, Kompensationen und Unterstützungen ermöglicht, steht außer Zweifel. Auch dass man mit viel Geld an den Finanzmärkten sehr viel mehr Geld gewinnen kann, ist eine Tatsache. Insofern bedeuten eine Menge Geld maßgebliche Vorteile in den Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Ob dies aber zum Glück führt, hat durchaus damit zu tun, wie dieses Geld verantwortlich und gemeinschaftsbewusst eingesetzt wird. Letztlich hat die Verwendung und Einstellung zum Geld viel mit dem eigenen Charakter zu tun. Und so gibt es wie in allen Milieus besonnene und empathische, egoistische und fürchterliche Menschen.

Sie kennen ja persönlich viele reiche Menschen. Sieht deren Alltag denn wirklich so ganz anders aus?

Druyen: Wir sollten uns vor oberflächlichen Vereinfachungen hüten. Einige Karikaturen von Reichen, die vor allem medial vorgeführt werden, sozusagen in Saus und Braus, gibt es sicherlich. Diese Gruppe ist aber nicht signifikant und gehört auch nicht zu denjenigen, die unternehmerisch und philanthropisch etwas Nachhaltiges leisten. Um etwas Sinnstiftendes zu erfahren, ist es hilfreich, die Klientel der Reichen untereinander zu vergleichen. Das aber ist kompliziert, da zwischen drei Millionen und fünfzig Milliarden Euro viele verschiedene Arten der Alltagsgestaltung liegen. Bei einer überwiegenden Zahl ist der Alltag auch von beruflichen Pflichten und Aufgaben geprägt. Der markante Unterschied liegt in viel weniger Abhängigkeiten und daher in einem höheren Maß der Selbstgestaltung. Was dies bedeutet, wollen wir als Wissenschaftler nur an Beispielen belegen.

Seit vielen Jahren gibt es zwei Entwicklungen: Zum einen werden die Reichen immer reichen. Zum andren gibt es immer mehr Reiche – nicht zuletzt in Ländern wie China, Indien oder Russland. Gehört die Welt künftig nur noch den Reichen?

Druyen: Wenn die Welt den Reichen gehören würde, könnten sie ja grundsätzlich über das Leben bestimmen. Von dieser Mächtigkeit sind wir sicherlich extrem weit entfernt. Hundertdreißigtausend Multimillionäre können meiner Ansicht nach die Welt von sieben Milliarden Menschen nicht bestimmen. Dass große Vermögen, große Konzerne und weitreichende Netzwerke gewichtigen Einfluss besitzen und ausüben, daran besteht kein Zweifel. Wie diese Einflussnahme sich aber vollzieht, ist auch eine noch nicht hinreichend geleistete wissenschaftliche Herausforderung. Da gibt es große kulturelle und politische Unterschiede. Denken Sie nur an die Schweiz, Deutschland, Russland, Saudi-Arabien, China oder Somalia. Noch immer scheint die Demokratie jene Kraft zu sein, die Reichtum ermöglicht, ohne die Reichen selbst über andere zu erheben. Daran müssen wir nachhaltig arbeiten, hier und in aller Welt.

Welche Rolle in dieser Welt der Reichen haben eigentlich normale Arbeitnehmer mit Tarifgehalt?

Druyen: Mit Verlaub, ich bin nicht der Pressesprecher der Reichen, ich erforsche lediglich ihre Lebenswelt. Aus den wissenschaftlichen Gesprächen kann ich jedoch entnehmen, dass sich die überwiegende Mehrheit dieser Vermögenden der Würde, der Unverzichtbarkeit und der grundlegenden Produktivität des tätigen Menschen bewusst ist. Dass es dennoch zu Instrumentalisierungen, zu Ignoranz und Ungerechtigkeit kommt, gehört zu einer Fülle von Fragen, die wir offensichtlich noch nicht befriedigend beantworten können.

Warum beschäftigt man sich eigentlich mit dem Thema Reichtum?

Druyen: Globalisierung, Technisierung und der demografische Wandel stellen die Staaten vor ganz neue Herausforderungen. Allzu oft entdecken wir in diesem Prozess der schwerwiegenden Veränderung, dass die Politik überfordert ist. Den Erfolgreichen und den Privilegierten fällt in diesem Wandel eine besondere Verantwortung des Ausgleichs zu. Leider ist aber diese Klientel weltweit wissenschaftlich wenig erforscht. Und das wollen wir ändern.

Thomas Druyen

Als Direktor des Institutes für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie an der Sigmund-Freud- Privatuniversität in Wien beschäftigt sich Thomas Druyen wissenschaftlich mit dem Thema Reichtum. FOTO: Privat

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