BERLIN

Kassenpatienten müssen warten

Fotolia_82047558_Subscription_XXL       -  Das dauert noch eine Weile: Einer Erhebung der Grünen zufolge müssen Kassenpatienten in Bayern deutlich länger auf einen Facharzttermin warten als Privatversicherte.
Foto: eunikas/Fotolia | Das dauert noch eine Weile: Einer Erhebung der Grünen zufolge müssen Kassenpatienten in Bayern deutlich länger auf einen Facharzttermin warten als Privatversicherte.

Schlechte Aussichten für Kassenpatienten in Bayern: Sie müssen im Durchschnitt 23 Tage länger als Privatversicherte auf einen Termin bei einem Facharzt warten. Erhalten Privatpatienten im weiß-blauen Freistaat in der Regel bereits nach sieben Tagen einen Termin, sind es bei gesetzlich Versicherten satte 30 Tage.

Am größten ist die Differenz im Allgäu sowie im Raum Bayreuth/Bamberg/Hof. Dort müssen gesetzlich Versicherte sogar 27 Tage länger auf einen Termin warten als Mitglieder von Privatkassen. In Würzburg sind es 24 Tage, in Augsburg 22 Tage. Das ergab eine telefonische Erhebung der Grünen-Bundestagsabgeordneten Doris Wagner (München), die dieser Redaktion vorliegt.

Die Politikerin kritisierte die Ungleichbehandlung. „Es ist nicht hinnehmbar, dass es solche Unterschiede gibt, gerade für Kassenpatienten mit ernsthaften Problemen“, sagte sie. Da aber Ärzte für die Behandlung eines Privatpatienten mehr als das Doppelte an Honorar erhalten als für einen gesetzlich Versicherten, sei die Bevorzugung bei der Terminvergabe „nachvollziehbar“.

Mitarbeiter der Grünen-Bundestagsfraktion hatten im Herbst bei 350 Facharztpraxen in ganz Bayern je zwei Mal in kurzen Abständen hintereinander angerufen und um einen Termin gebeten, einmal als Kassenpatient und einmal als Privatversicherter.

Ausgewählt wurden dabei sieben Fachrichtungen – Haut, Auge, Hals-Nasen-Ohren, Neurologie, Kardiologie, Radiologie und Orthopädie. Die gute Nachricht: Bei gut 30 Prozent der angerufenen Praxen machte es keinen oder kaum einen Unterschied, wie man versichert war. In mehreren Fällen unterschieden sich die Wartezeiten dagegen um mehr als 100 Tage. Spitzenreiter war ein Augenarzt aus Kaufbeuren: Der Privatversicherte erhielt bereits nach sieben Tagen einen Termin, der gesetzlich Versicherte hingegen erst nach 260 Tagen.

Weiteres Ergebnis der Erhebung: In den Großstädten geht es den Mitgliedern von AOK, DAK, Barmer oder den Technikerkassen besser als in den ländlichen und strukturschwachen Gebieten. So müssen in München gesetzlich Versicherte nur 19 Tage länger auf einen Facharzttermin warten als Privatpatienten, in Augsburg und Nürnberg sind es 22 Tage.

Das liegt nach Ansicht der bayerischen Grünen-Parlamentarierin Doris Wagner daran, dass Großstädte keinen Mangel an Fachärzten haben, in der Regel sogar überversorgt sind, während das Allgäu sowie Oberfranken und die Oberpfalz eher unterversorgt sind. Weiterer Grund: Auf dem Land sind die Kassenpatienten im Durchschnitt älter als in der Stadt. Sind sie in Hof oder Kaufbeuren 46 beziehungsweise 45 Jahre alt, sind sie in München unter 42 Jahre. Dieser Unterschied dürfte sich auch in der Häufigkeit der Arztbesuche und somit volleren Terminkalendern der Ärzte bemerkbar machen. „Der demografische Wandel darf nicht dazu führen, dass bestimmte Gebiete bei der Arztversorgung abgehängt werden“, sagte Wagner.

Auch die vom Gesetzgeber beschlossenen Terminservicestellen für gesetzlich Versicherte werden nach Ansicht der Grünen-Abgeordneten die zum Teil erheblichen Unterschiede bei der Terminvergabe nicht ändern. „Die Kassenpatienten bekommen dann zwar einen Termin innerhalb eines Monats, aber eben erst am Ende dieses Zeitraums.“ Die Parlamentarierin verwies darauf, dass nur die von den Grünen geforderte Bürgerversicherung diese Ungerechtigkeit beseitige. „Hier zahlen alle nach ihrer Leistungsfähigkeit in einen Topf und damit haben der Arzt oder die Ärztin keine Gründe, bestimmte Patienten zu bevorzugen.“

Terminservicestellen

Im Gesundheits- und Pflegebereich hat die Große Koalition in Berlin in diesem Jahr eine Fülle von neuen Gesetzen auf den Weg gebracht. Eine der Änderungen betrifft die Termingarantie beim Facharzt. Patienten sollen künftig nicht mehr so lange auf einen Facharzttermin warten müssen.

Zum 23. Januar sollen die von den Kassenärztlichen Vereinigungen eingerichteten Terminservicestellen starten, die gesetzlich Versicherten innerhalb einer Woche einen Termin vorschlagen müssen. Die Wartezeit darf höchstens vier Wochen betragen. Andernfalls kann der Patient zur Behandlung ins Krankenhaus gehen. Ausgenommen sind allerdings sogenannte Bagatellkrankheiten, bei denen sich der Gesundheitszustand nicht weiter verschlechtert, wenn die Behandlung nicht innerhalb von vier Wochen beginnt. Ein Anspruch auf einen bestimmten Arzt oder Wunschtermin besteht ebenfalls nicht. Text: AFP

Themen & Autoren / Autorinnen
Martin Ferber
AOK
Barmer Ersatzkasse
Große Koalition
Kassenpatienten
Privatpatienten
Versicherungskunden
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!