ANKARA

Türkei gibt Kirchen zurück

Prominentes Beispiel für konfisziertes Kircheneigentum: Die Kirche St. Paul in in der südtürkischen Stadt Tarsus. Dort wurde vor über 2000 Jahren der Apostel Paulus geboren, der als Wegbereiter des Christentums gilt. Das Kirchengebäude aus dem 12. Jahrhundert dient heute als Museum. Nach der Enteignung 1943 durch den türkischen Staat war der Bau über mehrere Jahrzehnte von der Armee als Lagerhaus genutzt worden.
Foto: dpa | Prominentes Beispiel für konfisziertes Kircheneigentum: Die Kirche St. Paul in in der südtürkischen Stadt Tarsus. Dort wurde vor über 2000 Jahren der Apostel Paulus geboren, der als Wegbereiter des Christentums gilt.

Der türkische Premier Tayyip Erdogan geht auf die diskriminierten religiösen Minderheiten zu: Zum Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan unterzeichnete Erdogan jetzt ein Dekret, das die Rückgabe enteigneter Liegenschaften an religiöse Minderheiten ermöglicht. Die Türkei kommt damit langjährigen Forderungen der EU nach und setzt die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte um.

Ministerpräsident Erdogan persönlich verkündete den neuen Erlass am Sonntagabend bei einem Iftar-Festessen, dem traditionellen Fastenbrechen, zu dem er Vertreter religiöser Minderheiten in den Innenhof des archäologischen Museums in Istanbul eingeladen hatte. „Ich weiß um die Ungerechtigkeiten, die verschiedenen religiösen Gruppen wegen ihrer Andersartigkeit widerfahren sind“, sagte Erdogan und versicherte: „Die Zeiten, in denen unsere Bürger wegen ihrer Religionszugehörigkeit, ethnischen Herkunft oder ihrer Lebensanschauung unterdrückt wurden, sind vorbei.“

Der Erlass sieht vor, dass Gebäude und Grundstücke aus dem Besitz armenisch-orthodoxer, griechisch-orthodoxer und jüdischer Stiftungen, die in den vergangenen 75 Jahren vom Staat konfisziert wurden, ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden. Betroffen sind Tausende Liegenschaften und Gebäude, darunter Kirchen, Kliniken, Klöster, Waisenhäuser, Altersheime, Schulen und Friedhöfe. Allein die griechisch-orthodoxe Minderheit in Istanbul, die nur noch 2500 Menschen zählt, hat im Laufe der Jahrzehnte durch Konfiszierungen fast 1000 Gebäude verloren.

Die systematischen Konfiszierungen begannen 1936 und waren Teil einer Einschüchterungsstrategie gegenüber den religiösen Minderheiten. Die Enteignungen wurden mit allen möglichen vorgeschobenen Argumenten begründet, nicht selten unter Hinweis auf die „nationale Sicherheit“.

In der Türkei leben neben den 2500 griechisch-orthodoxen Christen rund 65 000 christliche Armenier und 23 000 Juden. Diese drei im Vertrag von Lausanne von 1920 besonders geschützten religiösen Minderheiten können nun die Rückgabe ihres konfiszierten Eigentums beantragen. Für Gebäude und Grundstücke, die zwischenzeitlich vom Staat weiterverkauft wurden, sollen sie mit dem aktuellen Marktwert entschädigt werden. Der islamisch-konservative Premier Erdogan war bereits in der Vergangenheit auf die nicht-muslimischen religiösen Minderheiten zugegangen. Abzuwarten bleibt allerdings, wie das Dekret in der Praxis umgesetzt wird. Bereits vor drei Jahren hatte das türkische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Rückgabe konfiszierten Kirchenbesitzes ermöglichen sollte. Es wurde jedoch nie voll angewandt.

Überdies kritisierte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Regelung als unzureichend. Seit die Straßburger Richter im vergangenen Jahr die Rückgabe eines konfiszierten griechisch-orthodoxen Waisenhauses anordneten, stand die türkische Regierung unter wachsendem Druck. Ganz freiwillig kam die Entscheidung also nicht. Vertreter der religiösen Minderheiten sprechen dennoch von einem „historischen Schritt“.

Themen & Autoren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (1)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!