KONSTANZ

„Vielen Bürgern sind Fakten nach wie vor wichtig“

Das Phänomen ist vielschichtig: „Postfaktisch“ hat die Gesellschaft für deutsche Sprache vor kurzem zum „Wort des Jahres“ 2016 bestimmt. Das sperrige Adjektiv beschreibt die Entwicklung, dass öffentliche Debatten zunehmend von Stimmungen und Gefühlen und weniger von Fakten bestimmt werden. Dies sei zwar kein Begriff aus der Alltagssprache, haben die Experten eingeräumt. Entscheidend sei jedoch, dass er zentrale Ereignisse des Jahres widerspiegele – von Brexit bis Trump.

„Postfaktisch“ hatte es in der englischen Übersetzung „post-truth“ schon zum internationalen Wort des Jahres gebracht. Im englischen Sprachraum ist der Begriff bereits länger etabliert, 2004 erschien ein viel beachtetes Buch zum Thema. Schon bei der Wahl zum internationalen Wort des Jahres hieß es vor kurzem: Angetrieben vom Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten würden, habe das Konzept des Postfaktischen an Boden gewonnen. Untersuchungen hätten ergeben, dass sich der Gebrauch des Wortes „postfaktisch“ heuer im Vergleich zum Jahr davor drastisch erhöht habe.

In Deutschland kam „postfaktisch“ erst 2016 so richtig an, ist nach Ansicht der Gesellschaft für deutsche Sprache aber von „sehr hoher Bedeutung“. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich damit befasst, als sie selbstkritisch auf die für ihre Partei verlorene Berlin-Wahl im September einging. „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen“, sagte Merkel. Das allerdings gilt nicht für alle Menschen, sagt der Konstanzer Professor Volker Friedrich.

Frage: Herr Friedrich, seit einigen Wochen weht ein neues Wort durch die Zeitungen und Talkshows: das Wort postfaktisch. Was bedeutet das?

Volker Friedrich: Der Begriff wird vor allem in der politischen Diskussion verwendet, zum Beispiel rund um die Brexit-Abstimmung oder während des Wahlkampfs in den USA. Darunter versteht man, dass sich viele Wähler nicht mehr an Tatsachen orientieren, sondern eher auf Stimmungen oder „gefühlte Wahrheiten“ hören. Postfaktisch heißt wörtlich „nach den Fakten“, „post-truth“ im Englischen, also „nach der Wahrheit“.

Woher kommt das? Wir leben doch in einer Informationsgesellschaft, in der sich fast alle schnell und günstig über alles Mögliche orientieren können?

Friedrich: Da müssen wir vorsichtig sein. Es sind ja nicht alle, die sich postfaktisch bewegen. Vielen Bürgern sind Fakten nach wie vor wichtig. Sie informieren sich sorgfältig und bilden sich. Gleichzeitig verändern neue Medien auch die Mediennutzung selbst, sodass Medien zunehmend anders genutzt werden. Ein Teil der Nutzer greift auf Standards zurück, die sich in den Qualitätsmedien etabliert haben, ein anderer Teil aber nicht – da fällt etwas auseinander. Ein Teil der Gesellschaft wird anders informiert als bisher üblich in der demokratischen Gesellschaft.

Welche Rolle spielen digitale Medien?

Friedrich: Eine entscheidende Rolle. Das Internet übt einen großen Druck auf die traditionellen Medien aus – das verändert sie. Die Zeitungen passen sich ein Stück weit an das neue und schnelle Nutzungsverhalten an. Im Internet werden völlig neue Nutzungen möglich, jeder kann mitmachen, seine Meinung oft direkt äußern – ohne dass ausgebildete Medienvermittler oder Redakteure vorgeschaltet wären. So werden viele Informationen nicht mehr geprüft, Kriterien der Objektivität gelten nicht oder unter selbst geschaffenen, verbogenen Vorzeichen: So können Beiträge entstehen, die „postfaktisch“ sind.

Es gab schon immer Menschen, die eine Freude an Verschwörungstheorien haben, oder?

Friedrich: Menschen haben sich schon immer ihrer Fantasie bedient, das stimmt. Allerdings konnte man damit nicht den politischen Diskurs bestimmen. Das ist jetzt anders. Im Wahlkampf in den USA konnte ein Kandidat Dinge behaupten, denen in manchen Medien nicht oder nur zaghaft widersprochen wurde. Manche Wähler informierten sich nur noch über diese Medien.

Das kritische Denken ist auch ein Feld für die Schule. Wird in diesem Bereich genug getan?

Friedrich: Meine Schulzeit liegt lange zurück, deshalb fällt mir ein Urteil schwer. Was ich als Hochschullehrer aber immer wieder beobachte: Ein Entflammtsein für die Demokratie ist kaum zu spüren. Und an der Hochschule mit ihrer stark fachlichen Ausrichtung spielt das Thema „Demokratie“ leider keine oder kaum eine Rolle.

Kann die Schule da nicht mehr tun?

Friedrich: Das kann sie – und auch die Hochschulen. Ich nenne ein Beispiel: An vielen Schulen und Hochschulen sind inzwischen Debattierclubs entstanden. Dort wird Demokratie eingeübt, man misst sich, tauscht Argumente aus.

Die guten Redner sind aber nicht nur in der Mitte zu finden. David Cameron hat ebenso Debattierclubs besucht wie Boris Johnson, einer der wichtigsten Befürworter des Brexit. Zeitweise waren die beiden im selben College und im selben Debattierclub. Die Folgen sind bekannt.

Friedrich: Nicht immer setzen sich die besten Redner durch. Deshalb braucht es in der Demokratie Bürger, die die rhetorische Inszenierung vom politischen Gehalt unterscheiden können. Wenn das gegeben ist, lassen sich die Verführer mit ihren halbgaren und postfaktischen Angeboten von denen unterscheiden, die etwas zu bieten haben.

Letzte Frage: Wie lautet Ihre liebste Verschwörungstheorie?

Friedrich: Die Mondlandung im Jahr 1969 hätte es nicht gegeben, sie habe in einem Fernsehstudio stattgefunden und nicht im All. Als „Argument“ dafür gelten den Anhängern dieser Theorie Schatten auf einigen Schwarz-Weiß-Bildern oder tiefe Fußabdrücke, die könnte es auf dem Mond nicht geben. Folglich wäre alles nur ein PR-Gag der Nasa gewesen.

Zur Person

Volker Friedrich (55) arbeitete als Journalist und Redakteur, bevor er Professor an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in Konstanz wurde. Dort unterrichtet er seitdem Schreiben und Rhetorik. Der gebürtige Bottroper begründete dort auch eine Vortragsreihe (Studium Generale). FOTO: SK-Archiv/Fricker
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