BERLIN

Wenn weniger mehr sein soll

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Mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser müsste schließen, wenn es nach den Autoren einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung ginge. Mit einer Reduzierung der Zahl der Kliniken von derzeit 1400 auf weniger als 600 könne die Versorgung der Patienten deutlich verbessert werden, heißt es in dem brisanten Papier, das am Montag veröffentlicht wurde.

Denn nur Krankenhäuser mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten verfügten über genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung.

Kleinere Kliniken hätten dagegen in vielen Fällen nicht die erforderliche Ausstattung und Erfahrung, um in lebensbedrohlichen Notfällen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall angemessen reagieren zu können.

Erstellt hat die Studie das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) im Auftrag der Stiftung aus Gütersloh. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass sich zahlreiche Komplikationen und Todesfälle durch eine Bündelung von Ärzten, Pflegekräften und Apparaten in weniger Krankenhäusern vermeiden ließen.

Vorgeschlagen wird der zweistufige Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur. So soll es auf der einen Seite Versorgungskrankenhäuser mit durchschnittlich 600 Betten und auf der anderen etwa 50 Unikliniken sowie andere Maximalversorger mit je etwa 1300 Betten geben. Derzeit verfügt ein Drittel der deutschen Krankenhäuser über weniger als 100 Betten.

Bei den Regierungsparteien stoßen die Vorschläge der Experten auf Ablehnung. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte dieser Redaktion, er halte diese Studie für nicht zielführend. „Mehr als die Hälfte aller Kliniken zu schließen, halte ich für falsch“, betonte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende.

„Richtig ist aber, dass es nicht genügend Ärzte und Pflegepersonal gibt, um alle bestehenden Häuser in hoher Qualität weiterbetreiben zu können“, betonte Lauterbach. Überkapazitäten gebe es vor allem in Städten, hier halte er Fusionen oder Schließungen für denkbar. „Auf dem Land aber droht vielerorts eine Unterversorgung“, warnte der SPD-Politiker.

Auch der stellvertretende Unionsfraktionschef Georg Nüßlein lehnt die Vorschläge der Studie ab, die Zahl der deutschen Krankenhäuser langfristig zu halbieren. „Wir haben zu viele Betten, das heißt nicht, dass wir zu viele Krankenhäuser haben“, sagte der CSU-Gesundheitsexperte. „Medizinische Grundversorgung ist auch ein Wert an sich, darum gilt es, die Krankenhäuser in ländlichen Räumen abzusichern. „Sie finanziell unter Druck zu setzen, ist der falsche Weg“, sagte Nüßlein. Er forderte: „Im ländlichen Raum müssen wir die Krankenhäuser zu Gesundheitszentren weiterentwickeln, in denen unter Einbeziehung der niedergelassen Fachärzte die Versorgung sichergestellt wird.“

Kritik kommt auch von Ärzte- und Patientenvertretern. Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt bezeichnete den Vorschlag der Experten „mehr als befremdlich“. Schließlich habe die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse eben erst die Bedeutung der Daseinsvorsorge und Sicherung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur betont. Reinhardt räumte aber ein, dass in Ballungsgebieten größere Strukturen „durchaus sinnvoll“ sein könnten.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund betonte: „Versorgungsprobleme werden nicht dadurch gelöst, dass pauschal regionale, leicht zugängliche Versorgungskapazitäten ausgedünnt werden.“

„Es braucht eine gut erreichbare Grundversorgung vor Ort ebenso wie eine Hochleistungsmedizin in der Region“, fordert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz. „Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag. Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend“, kritisiert er.

Es gehe auch gar nicht immer um komplizierte Operationen. Die Versorgung müsse auch für Patienten sichergestellt werden, die in der Klinik keine Maximaltherapie benötigten. „Das sind vor allem alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen.“ Mehr als 60 Prozent aller Klinikpatienten.

Und die Deutsche Krankenhausgesellschaft befürchtet eine „Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich in einer Reaktion auf die Studie „für einen Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung“ aus. „Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Hier sollten wir unsere Kräfte besser bündeln“, sagte der Minister. Kompliziertere Fälle gehörten „in ein Krankenhaus, das in der Behandlung Routine hat“. Mit Infos von dpa

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