WÜRZBURG

„Wir haben ein krankes System“

Bärbel Höhn fordert ein Ende der Förderung von Tierfabriken und beklagt falsche Anreize durch Subventionen von Biogasanlagen. Am Sonntag hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion beim Neujahrsempfang der Würzburger Grünen einen Vortrag zum Thema „Fair handeln – fair kaufen“ gehalten.

Frage: Wann haben Sie das letzte Mal regional erzeugte Produkte aus Ihrer Heimat gekauft?

Bärbel Höhn: Wenn ich zu Hause bin, kaufe ich im Bioladen um die Ecke ein, die haben ein großes Sortiment an regionalen Produkten. In Berlin bin ich aber auf Kantinenessen angewiesen, deshalb wollen wir unsere Kantine im Bundestag umstellen, dass sie wenigstens zum Teil bio oder aus der Region was anbieten oder auch fairen Kaffee.

Was bringt es denn, fairen Kaffee zu kaufen?

Höhn: Das Geld kommt bei den Erzeugern an und sie haben einen verlässlichen Preis. Damit können sie kalkulieren, können ihre Kinder zur Schule schicken. Sie haben also eine Zukunft. Mittlerweile ist der fair gehandelte Kaffee auch richtig lecker. Früher haben wir aus Solidarität diesen Nicaragua-Kaffee getrunken, der ging immer sehr auf den Magen. Das war mehr Solidarität als Geschmack.

Die Leute kaufen gern billig. In wenigen Minuten erreicht man überall den nächsten Discounter. Wie kann man die Leute dazu bringen, mehr aus der Region und mehr fair Gehandeltes zu kaufen?

Höhn: Es gibt einen wachsenden Teil, der stärker nach Qualität kauft. Der entscheidende Punkt ist, dass wir wieder mehr Bezug zu unseren Lebensmitteln bekommen müssen. Lebensmittel ist nicht nur der Salatkopf im Einkaufswagen, sondern dass man weiß, was hat der Bauer an Arbeit gehabt, um den Salatkopf bis zum Einkaufswagen zu bringen.

Vor allem in der deutschen Geflügelindustrie gibt es immer mehr Tierfabriken. Lässt sich dagegen etwas tun?

Höhn: Auf jeden Fall und muss auch. Das ist eines der Hauptthemen, die wir momentan auf der „Grünen Woche“ diskutieren. Es waren gerade der damalige Landwirtschaftsminister Seehofer und die jetzige Landwirtschaftsministerin Aigner, die einen Systemwechsel gemacht haben. Die haben einfach gesagt: Fleischproduktion, Fleischproduktion, Fleischproduktion. Seit 2005 ist zum Beispiel die Produktion von Geflügelfleisch um 39 Prozent gestiegen.

Also ist der Gesetzgeber gefragt?

Höhn: Ja. Der erste Punkt ist: Die Agrarfabriken in keiner Weise mehr fördern. Mit dieser Massentierhaltung wird das Wasser verschmutzt, werden die Böden degradiert, haben wir Luftverschmutzung, die Artenvielfalt wird verringert.

Und der Mensch isst antibiotikabehandeltes Fleisch.

Höhn: Die Diskussion haben wir gerade diese Woche im Bundestag gehabt aufgrund dieser Studie aus Nordrhein-Westfalen. Darin ist festgestellt worden, dass 96 Prozent des Geflügels Antibiotika kriegt. Per Gesetz darf eigentlich nur ein krankes Tier damit behandelt werden. Ein System, wo 96 Prozent der Tiere krank sind oder Antibiotika zum Mästen oder vorbeugend erhalten, ist ein krankes System. Auf der anderen Seite ist die Förderung für den Ökolandbau dramatisch zurückgegangen.

Mittlerweile sind Biosprit und Biogas durchaus umstritten. Durch Mais- und Rapsmonokulturen gehen der Landwirtschaft Flächen verloren, mehr Viehfutter und Nahrungsmittel muss importiert werden. Sollte man nicht die Förderung von Biogas und Biosprit zurückfahren?

Höhn: Auf jeden Fall die Förderung ändern. Im letzten Sommer hat es eine Änderung gegeben, die aber nicht weit genug geht. Davor hatten wir einen sogenannten Güllebonus für den, der 30 Prozent Gülle eingesetzt hat. Und dann hatten wir einen sogenannten Nawaro-Bonus, nachwachsende Rohstoffe. Das war ein Anreiz, auf Mais-Monokulturen zu gehen und dass dann auch noch mit Viehbeständen zu kombinieren wegen der Gülle. In viehintensiven Regionen haben wir deshalb inzwischen Pachtpreise von 2000 Euro pro Hektar. Biogas ist schon sinnvoll, nur wäre der Einsatz von pflanzlichen Abfällen besser als immer nur Mais.

Und Biosprit?

Höhn: Wenn Sie sich die Flächen für Biosprit zum Beispiel in Brasilien anschauen, dann sehen Sie, dass eigentlich die Fleischnachfrage das viel größere Problem ist. In Brasilien haben wir ungefähr 200 Millionen Hektar Weide, 23 Millionen Hektar Soja, also Futtermittel, gerade auch für Deutschland, und wir haben acht Millionen Hektar Zuckerrohr, die Hälfte davon etwa für Biosprit.

Tanken Sie E10?

Höhn: Wir haben ein Gasauto. Aber mit E10 habe ich auch schon mein Problem. Durch die Beimischung haben die Mineralölkonzerne das Heft des Handelns in der Hand. Die holen sich auch Palmöl aus Indonesien. Dafür wird der Regenwald abgeholzt.

Photovoltaik arbeitet ziemlich ineffizient, Fördergelder kommen vor allem denen zugute, die sich Solaranlagen leisten können. Sollte man die Solarförderung nicht massiv kürzen oder sogar einstellen?

Höhn: Im Sommer 2012 wird die Förderung bei kleinen Dachanlagen von knapp 48 Cent 2008 auf knapp 21 Cent fallen. Bei anderen Anlagen ist dies ähnlich. Mit diesen Werten ist die Photovoltaik günstiger als Biogasanlagen.

Aber effizienter als die Photovoltaik ist eigentlich die Windkraft.

Höhn: Eindeutig, zumindest die Windkraft auf dem Land.

Wie viel „Landschaftsverschandelung“ durch Windräder und neue Hochspannungstrassen muss der Bürger in Zukunft hinnehmen für seinen Strom?

Höhn: Man muss ja nicht überall Windräder hinstellen. Wichtig ist, dass die Bürger vor Ort davon profitieren. Energie ist nicht umsonst zu kriegen, dafür muss man bestimmte Einschränkungen in Kauf nehmen.

Bärbel Höhn

Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen ist Bärbel Höhn (59) im Bundestag zuständig für die Bereiche Umwelt, Energie, Verbraucherschutz, Landwirtschaft, Tierschutz, Bauen und Verkehr. Von 1995 bis 2005 war sie Umweltministerin in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen. Seit 2005 sitzt die Diplom-Mathematikerin im Bundestag. Bis zum Mai 2006 war sie Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die gebürtige Flensburgerin ist seit 1985 Mitglied der Grünen. FOTO: Obermeier

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