Montenegro – Land der Buchten und Schluchten

Montenegro: Das kleine Land an der Adria ist vor allem bei Badeurlaubern beliebt. Auf den Wegen ins gebirgige Hinterland gibt es viel zu entdecken: alte Handelsstädte, mythische Bergseen – oder die Schreibmaschine der Muttergottes.
Spektakuläre Ausblicke: Die Bucht von Kotor zählt zum Weltkulturerbe der Menschheit. Foto: Herbert Scheuring

Der Strand liegt direkt unterhalb des Felsens und der mächtigen Mauern, die die Altstadt umschließen. Es ist ein nur schmaler Streifen Sand in der Bucht zwischen dem Meer und der Stadt, in der Griechen, Römer, Türken, Venezianer und Piraten ihre Spuren hinterlassen haben – aber ein aufgrund seiner zentralen Lage sehr beliebter. Während die Sonne hinter dem Felsen, auf dem sich die Altstadt erhebt, versinkt und die letzten Badegäste den Strand verlassen, ruft der Muezzin zum Gebet. Aus den Bars und Restaurants entlang der Bucht ertönt leise Musik, deren Lautstärke sich im Verlauf des Abends erheblich steigern wird. Ulcinj ist die südlichste Stadt an der Küste Montenegros. Weiter in Richtung Südosten erstreckt sich der rund 13 Kilometer lange Sandstrand Velika Plaža – für alle, denen es in der Bucht von Ulcinj zu eng wird. Dahinter zeichnet sich bereits Albanien am Horizont ab.

Jugoslawien war ein Vielvölkerstaat. Montenegro, einst ein südlicher Teil dieses ehemaligen Staatsgebildes, ist dies noch heute. In dem Land, das etwa so groß ist wie Schleswig-Holstein, leben neben Montenegrinern Serben, Bosnier und Albaner. Neben dem lateinischen wird auch das kyrillische Alphabet verwendet. Rund 70 Prozent gehören der serbisch-orthodoxen Kirche an, ein Sechstel der Bevölkerung ist muslimischen Glaubens.

Ein Spaziergang auf engstem Raum durch 2000 Jahre Geschichte

In Bar, Montenegros größter Hafenstadt, stehen Kirchen und Moscheen dicht beieinander. In der Altstadt von Bar, einige Kilometer landeinwärts auf einem Felsen erbaut und heute nur noch Ruinengelände, wird die wechselhafte Geschichte dieses Landes besonders deutlich: Hier finden sich die Überreste von Kirchen, Klöstern und Moscheen, eines venezianischen Zollhauses, eines türkischen Dampfbads, eines Aquädukts und römischer Sarkophage. Ein Spaziergang auf engstem Raum durch 2000 Jahre Geschichte. Außerhalb der alten Stadtmauer warten Restaurants und Läden mit Kunsthandwerk auf Besucher, bieten Verkäufer frisch gepressten Granatapfelsaft und Olivenöl aus der Region an. Das Olivenöl ist natürlich „das beste der Welt“, wie viele Händler stolz verkünden – genau wie ihre Kollegen aus Sizilien, Kreta und anderen Inseln und Ländern. Während man hierüber streiten mag, ist eines wissenschaftlich nachgewiesen: Die „Alte Olive“ nahe der Altstadt von Bar ist einer der ältesten Olivenbäume der Welt und mehr als 2240 Jahre alt.

Budva, die vielleicht schönste Stadt an Montenegros Küste, ist sogar noch älter: Sie wurde bereits vom griechischen Dramatiker Sophokles erwähnt und gilt als Heimat des mythischen Königs Kadmos und der Göttin Harmonia. Die von mittelalterlichen Mauern umgebene Altstadt wurde zwar durch ein Erdbeben 1979 schwer in Mitleidenschaft gezogen, aber mit viel Liebe wieder aufgebaut. Und im Unterschied zur Ruinenstadt von Bar ist Budvas historisches Zentrum noch heute sehr lebendig: Auf der Zitadelle, die die Bucht überblickt, gibt es ein Restaurant, zwischen Türmen und Toren warten Cafés und Läden auf Besucher, auf den engen Gassen sorgen Straßenmusiker für Unterhaltung – manchmal sogar auf einem historischen Cembalo.

Einstige Fischersiedlung wurde zur mondänen Hotelinsel umgebaut

Montenegro ist ein gebirgiges Land. Die Berge erstrecken sich vielerorts bis ans Meer. Im Hinterland mit seinen fünf Nationalparks gibt es viel unberührte Natur. Entlang der Adriaküste ist die Natur allerdings sehr berührt: Die Strandabschnitte rund um die touristischen Zentren sind zugebaut mit Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, auch der Hang über der Altstadt von Budva ist mit unansehnlichen Neubauten zugestellt. Und dort, wo noch ein wenig Platz ist, erheben sich oft Rohbauten neuer Touristenherbergen in den Himmel. An den Badestränden stehen die Liegestühle in Reih und Glied. Massentourismus trägt eben nicht unbedingt zur Verschönerung der Landschaft bei.

Ganz exklusiv geht es dagegen auf der kleinen Insel Sveti Stefan unweit von Budva zu: Die einstige Fischersiedlung wurde schon in den 1950er Jahren zur mondänen Hotelinsel umgebaut, auf der Stars wie Sophia Loren oder Kirk Douglas zu Gast waren. Heute sind es Ex-Fußballstar David Beckham und Familie oder Tennisstar Novak Djokovic, der hier Hochzeit feierte. Die Exklusivität hat natürlich ihren Preis. Es ist eine „Urlaubsgegend für den gut gefüllten Geldbeutelbesitzer“, wie ein Reiseführer mit unnachahmlicher sprachlicher Raffinesse formuliert. Normalsterbliche müssen sich mit einem Blick vom Ufer aus auf die idyllische Felseninsel begnügen. Den reizvollsten Übergang zwischen der Küste Montenegros und dem Hinterland bietet die Bucht von Kotor, und hier wird es dann einigermaßen spektakulär. Rund 30 Kilometer lang und an seiner engsten Stelle nur 200 Meter breit ist das Becken, das sich vom Meer ins Landesinnere hinein erstreckt und als südlichster Fjord Europas gilt. Die tiefblaue Wasserstraße, an der kleine Städte wie etwa das barocke Perast mit seinen engen Gassen und Palästen liegen, wird umrahmt von bis zu 1900 Meter hohen Bergen und zählt zum Weltkulturerbe der Menschheit.

So wie die Natur in der Antike von Göttern und Halbgöttern beseelt war, sind viele Inseln in Montenegro offenbar von christlichen Heiligen in Beschlag genommen: Inseln vor der Küste heißen Sveti Stefan (Heiliger Stefan) Sveti Nikola (Heiliger Nikolaus) oder Sveti Marko (Heiliger Markus), und vor Perast liegt in der Bucht von Kotor die kleine Insel „Maria vom Felsen“. Der Legende nach fanden Seeleute einst auf einem schmalen, aus dem Wasser ragenden Felsen ein Bild der Jungfrau Maria, was sie als Aufforderung verstanden, dort eine Wallfahrtskirche zu errichten. Im Lauf der Zeit wurden weitere Felsbrocken und mit Steinen beladene Schiffswracks dort versenkt, bis die kleine Insel ihre heutige Größe erreichte und die Wallfahrtskirche gebaut werden konnte. Über 2000 Votivtafeln aus Silber hängen darin, mit denen Seefahrer die Madonna um eine sichere Heimkehr baten. Außerdem finden sich dort, in einem kleinen Museum schön aufgebaut, Dankesgaben von Seefahrern oder deren Angehörigen wie Teller, Geldscheine, Bügeleisen oder eine alte Schreibmaschine – also alles, was die Muttergottes ihrer Ansicht nach gut gebrauchen konnte.

Die Sonne steht steil am Himmel und taucht Kotor in ein gleißendes Licht. Die alte Seefahrer- und Handelsstadt, die im Mittelalter ihre Blütezeit erlebte, liegt malerisch am Fuß des Berges Lovæen, dessen höchster Gipfel 1749 Meter erreicht. Mächtige, zum Teil bis zu 20 Meter hohe Festungsmauern umschließen die Altstadt nicht nur zum Meer hin, sie ziehen sich auch bis in schwindelnde Höhen steil über den Berg nach oben. Die Altstadt mit ihrem Gewirr aus gepflasterten Gassen, Palästen und Kirchen bietet Raum für Entdeckungen. Allerdings ist der Raum begrenzt, und es geht dort meist sehr eng zu: Rund 450 Kreuzfahrtschiffe legen jedes Jahr vor Kotor an und spucken täglich Tausende Urlauber aus.

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig des kleinen Landes. Außerdem ist Montenegro herausragend in der Produktion von Olivenöl und Serpentinenstraßen. Eine davon führt direkt von Kotor aus in 32 engen Haarnadelkurven bis hinauf zum Krstac-Pass. Eine nervenaufreibende Fahrt, vor allem, wenn einem auf der engen Straße mit kaum Ausweichmöglichkeiten von oben auch noch ein paar Reisebusse entgegenkommen. Wenn auch die Nerven ein wenig leiden – die Augen werden mit fantastischen Ausblicken auf die Bucht von Kotor und die umliegenden Berge belohnt.

Die Tara-Schlucht ist der längste und tiefste Canyon Europas

Oben, in Montenegros Bergen, gibt es, nachdem man den südlichsten Fjord Europas – die Bucht von Kotor – hinter und unter sich gelassen hat, weitere Superlative zu bestaunen. Der Wintersportort Žabljak, mit 1456 Metern über dem Meeresspiegel die höchstgelegene Stadt auf dem Balkan. Oder die Tara-Schlucht, mit 78 Kilometern Länge und an einigen Stellen über 1300 Metern Tiefe der längste und tiefste Canyon Europas – und nach dem Grand Canyon der zweittiefste der Welt. Zip-Liner sausen an Stahlseilen über die Schlucht. Mit mehr Ruhe lässt sich der Ausblick von der Durdeviæa-Tara-Brücke aus genießen. Die spektakuläre Szenerie lockte auch Filmregisseure an – und in der Folge wiederum Reisende, die die Landschaften, die sie aus den Filmen kennen, selbst in Augenschein nehmen wollen. An der Brücke über der Tara-Schlucht stand zum Beispiel Harrison Ford im Film „Der wilde Haufen von Navarone“ (1978) vor der Kamera. In den 1960er Jahren wurden Karl-May-Filme in den Bergen Montenegros gedreht. Ralph Fiennes lief in der Shakespeare-Verfilmung „Coriolanus“ durch die Gassen der Altstadt von Kotor. Das „Casino Royale“ in Montenegro wurde durch den gleichnamigen James-Bond-Film bekannt, auch wenn die Szenen nicht dort gedreht wurden. Dafür stand Johnny Depp im Frühjahr 2019 für den Hollywoodfilm „Minamata“ in der Stadt Tivat vor der Kamera – der Film soll in diesem Jahr ins Kino kommen.

Der Nationalpark Durmitor auf einer Hochebene im Nordwesten des Landes zählt 48 Gipfel, die höher als 2000 Meter sind, und insgesamt 18 Gletscherseen, die in diesem Land mit Hang zu Mythen und Poesie auch „Bergaugen“ genannt werden. Poetisch mutet auch die Herleitung des Namens Durmitor an. Die einen sagen, der Name komme vom keltischen dru-mi-tore (Berg voller Wasser). Andere leiten das Wort her vom römischen dormire (schlafen), weil das Durmitor-Gebirge der Berg sei, auf dem die Götter schlafen. Keine Götter, sondern nur ein Gott wird im serbisch-orthodoxen Kloster Ostrog verehrt, der wichtigsten Pilgerstätte Montenegros und – noch ein Superlativ – das meistbesuchte Heiligtum des Balkans. Es wurde im 17. Jahrhundert von Erzbischof Vasilije Jovanovic an einem Abhang des Prekornica-Gebirges gegründet. Serpentinenstraßen führen hinauf zum Kloster, dessen weiße Mauern aus dem Felsen herauszuwachsen scheinen. Die Reliquien des als Wundertäter heiliggesprochen Bischofs werden im Kloster aufbewahrt. In langen Reihen stehen die Gläubigen an, senken das Haupt, wenn sie durch eine enge, niedrige Tür weiter ins Innere schreiten, um zum Sarg des Heiligen vorgelassen zu werden. Ein Mönch wacht an der Pilgerstätte in einer mit Fresken bemalten, dem Berg abgetrotzten Nische. Die Gläubigen bekreuzigen sich, bevor sie wieder den Rückweg durch die schmale Tür nach draußen antreten. Draußen, wo sich die andächtige Stille in Luft auflöst und dem Trubel des Devotionalienhandels Platz macht.

Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Im Fall des fragil am Felsen klebenden Klosters Ostrog wünscht man sich, damit dieser Ort des Glaubens keinen Schaden nimmt, dass der Berg unversetzt genau dort bleibt, wo er ist.

Tipps zum Trip

Urlaubsmesse: Montenegro ist Partnerland der Messe für Caravan, Motor, Touristik (CMT) 2020 in Stuttgart. In Halle 4, Stand B10 stellt das kleine Land seine kulturelle und landschaftliche Vielfalt vor. Die CMT startet am Samstag, 11. Januar, und kann bis einschließlich Sonntag, 19. Januar, besucht werden. Informationen: www.messe-stuttgart.de Montenegro ist EU-Beitrittskandidat und nutzt den Euro als Zahlungsmittel. Informationen zum Reiseland sind in deutscher Sprache erhältlich unter www.montenegro.travel Flüge: Nur knapp zwei Stunden dauert ein Flug aus Deutschland nach Montenegro. Die Ryanair-Tochter Laudamotion hat ihre Direktflüge ab Stuttgart nun auch in den Winterflugplan aufgenommen und bietet zwei Mal wöchentlich eine Verbindung in die Hauptstadt Podgorica an. Direktflüge gibt es außerdem ab Memmingen, München und Frankfurt. Neben Montenegro Airlines und Lufthansa bietet erstmals auch Condor im Sommer 2020 Flüge von Frankfurt aus an die Adria. Aktivitäten: Montenegro ist interessant für Camper, die auf der Suche nach einem neuen Ziel abseits der bekannten Touristenströme sind. Es gibt eine Campingbroschüre in deutscher Sprache. Wer sich speziell für die Themen Wandern und Radfahren in Montenegro interessiert, kann auf der CMT am 11. und 12. Januar in Halle 9 am Stand 9E30 im Rahmen der „Fahrrad- und WanderReisen“ Informationen aus erster Hand bekommen.

Hinweis der Redaktion: Unsere Autoren reisen gelegentlich mit Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern und Tourismusunternehmen.

In den Fels gebaut: Kloster Ostrog Foto: Herbert Scheuring
Raum für Entdeckungen: Altstadt von Kotor Foto: Herbert Scheuring

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