Rio de Janeiro

Rio de Janeiro: Die trügerische Schöne

Im Nordwesten, wo die Copacabana ihr Ende findet in den schroffen, ins Meer abfallenden Hängen des Morro do Leme, einem kleinen Bruder des Zuckerhuts, stehen Angler auf dem Fußweg am Felssockel im Abendrot. Die Lichter der palmengesäumten Promenade sind an, Jugendliche spielen Fußball im Sand, auf dem Corcovado breitet Christus die Arme aus. In Momenten wie diesen sieht Rio de Janeiro tatsächlich aus wie sein Klischee: traumhaft. Wunderschön. Friedlich. Es ist ein trügerisches Bild. Rio, das ist eigentlich eine riesige Theaterbühne. Den Gästen wird ein Stück gespielt aus Samba, Sonne, Leichtigkeit, aber wer den Vorhang nur ein wenig beiseite zieht, sieht auch Gewalt, soziale Kälte, Überlebenskampf. Die Fußball-WM in diesem Sommer sowie die Olympischen Spiele im Jahr 2016 machen Rio zur aktuellen Welthauptstadt des Sports, lenken das Interesse auf die Zehn-Millionen-Metropole an der Guanabara-Bucht. Ein Besuch und viele Begegnungen in einer atemberaubenden und atemlosen Stadt wenige Monate vor der WM.

In Leme, dort wo die Angler stehen, ist der Lieblingsplatz von Beate Plischke. Besser: Es war ihr Lieblingsplatz. Seit wenigen Tagen ist die kleine Barraca, eine Bar am Fuße des Morro verschwunden, wurde versetzt von der romantischen Anhöhe in den Hintergrund der Strandpromenade. An ihre Stelle soll eine moderne Glashütte rücken. Aufhübschen für die WM nennt das Plischke. Dass viele der Favela-Bewohner aus der Nähe sich das verteuerte Bier dort dann nicht mehr leisten können, interessiere niemanden. Plischke stammt aus dem Sauerland und war einmal eine der besten deutschen Leichtathletinnen auf der Mittelstrecke. Sie lebte eine kurze Zeit auch in Erlabrunn (Lkr. Würzburg). Seit 2007 unterrichtet sie an der Deutschen Schule in Rio.

Beate Plischke liebt Rio abgöttisch, aber sie hasst die Entwicklungen in der Stadt. "Vor allem seit Rio den Zuschlag für Olympia bekommen hat, gibt es hier eine enorme Preissteigerung. Selbst die geliebte Coco hat mittlerweile fast Sektstatus", sagt sie. Der Preis für eine grüne Kokusnuss mit ihrem erfrischenden Saft hat sich auf fünf Real mehr als verdoppelt. "Reis, Bohnen, Milch, alles ist teurer geworden, und nur die Superreichen, die kräftig mitverdienen, reiben sich die Hände." Nach Angaben des nationalen Instituts für Geografie und Statistik verfügen 30 Prozent der Brasilianer über weniger als 140 Euro im Monat und leben unter prekären Verhältnissen. 50 Prozent müssen mit dem Mindestlohn von 218 Euro auskommen. In Rio de Janeiro, erzählt Plischke, sei der durchschnittliche Quadratmeterpreis in den vergangenen Jahren auf 9700 Real gestiegen, etwas mehr als 3000 Euro. Ihre erste kleine Mietwohnung habe 2008 noch 1000 Real gekostet, "heute zahlt eine Kollegin von mir in derselben, immer noch nicht renovierten Wohnung 2500 Real". Und dann die Bustickets: Von 2,20 auf drei Real ist der Preis gestiegen, "für Menschen, die täglich weit aus dem Norden Rios kommen und mehrmals umsteigen müssen, bedeutet das eine empfindliche Verteuerung", sagt Plischke. Die Bustickets waren einer der Gründe für die Massenproteste im vergangenen Jahr, Plischke war bei den Demos dabei.

Von der anstehenden Fußball-WM ist in der Stadt nichts zu spüren. Keine Plakate am Flughafen, keine Fahnen am Strand. "Es liegt daran, dass die Stimmung im Land derzeit nicht pro WM ist. Werbung ist den Verantwortlichen angesichts der Proteste im vergangenen Jahr zu heikel", sagt Plischke. Kritisch sieht sie auch die Politik der Befriedung in den Favelas, den Armenvierteln. Die Lage werde von der Polizei nur in den Regionen beruhigt, die in der Nähe des Stadions Maracanã liegen. "Neulich hat mir ein Taxifahrer von seiner Angst berichtet, dass 2017 die Stadt schlimmer denn je von Gewalt und Terror heimgesucht werde."

Ist das so? Fahrt nach Jacarezinho in eine der befriedeten Favelas. Als wir in diesen Armenstadtteil einbiegen, schnallt sich der Fahrer ab. Zur Sicherheit, sagt er. So sei er schneller aus dem Wagen, falls etwas passieren sollte. Enge Gassen, Rinnsale, Baracken soweit das Auge reicht. Die Regierung spricht von 35 000 Bewohnern, Pater Carlos Sebastião da Silva geht vom Doppelten aus. Der Padre sitzt in seinem Büro der Don-Bosco-Sozialschule. Es ist die einzige Schule in Jacarezinho, 459 Kinder beherbergt sie zurzeit. Die Nachfrage sei riesig, aber die Kapazität erschöpft. Wer aufgenommen werde, für den öffne sich eine fremde Welt mit Unterricht, Spiel, Disziplin. Bis vor kurzem interessierte sich niemand für die Favela, aber dann kam der Zuschlag für die Fußball-WM, dann für Olympia und dann kam die Polizei.

Im November 2012 wurde Jacarezinho innerhalb von wenigen Minuten von der Polizei eingenommen. "Vorher gab es hier jeden Tag Schießereien zwischen Polizei und Banditen, auch Bandenkriege", sagt der Pater. Drogenhandel ist hier das große Geschäft, viele Dealer und Drogenbosse aber sind geflüchtet, jetzt laufe alles nur noch versteckt ab. Zwei Stationen mit Containern der Polizei UPP wurden im Viertel aufgestellt, Beamte mit Gewehren patrouillieren. Es gibt das Gerücht, die Befriedung sei nur wegen der anstehenden Sportgroßereignisse geschehen und würde danach wieder beendet werden - von Jacarezinho ist es nicht sehr weit ins Maracanã. "Wenn es so ist", sagt Pater Carlos Sebastião da Silva, "glaube ich dennoch, dass es hier im Viertel Kräfte gibt, die nicht mehr zulassen werden, dass der eingeschlagene Prozess gestoppt wird." Zu viel habe sich verändert. Es gebe bisweilen so etwas wie Respekt, "und man sieht wieder Kinder mit Fahrrädern auf der Straße".

Der Pater, seit sieben Jahren in Jacarezinho, hält die Investitionen in Rio für die Sportgroßereignisse für falsch. Nach Angaben von Regierungsstellen sollen für die Fußball-WM zehn Milliarden Euro und für Olympia 2016 gar 35 Milliarden Euro ausgegeben werden. "Ein Volk, das nicht in Bildung investiert, hat verloren. Brasilianer atmen Fußball, und doch sage ich: Es gibt Wichtigeres." Den Traum vom Fußballprofi könne sich vielleicht einer aus einer Million erfüllen. Pater Carlos Sebastião da Silva sagt, der Wandel sei zu spüren. "Viele würden sich freuen, wenn Brasilien bei der WM ausscheiden sollte. Eigentlich sollte man sich freuen auf die WM, aber es passiert einfach nicht. Das Land beginnt langsam, nicht mehr nur das Land des Fußballs und des Karnevals sein zu wollen. Es beschäftigt sich mit seinen Problemen."

Probleme. Das Wort hört sich in Jacarezinho fast niedlich an für das, was hier an der Tagesordnung ist. Zwei Gassen von der Don-Bosco-Schule entfernt sitzt Jeniffer Azevedo in ihrem Polizeicontainer der UPP. Draußen hat es über 35 Grad, drinnen, auf ihrem Schreibtisch, rieseln weiße Flocken in einer Schneekugel. Sie ist 26 Jahre alt und Kommandantin der UPP. Als sie ihrer Mutter gesagt hat, sie werde Polizistin, habe diese geweint - und nicht aus Rührung über einen bezahlten Arbeitsplatz. Es ist ein gefährlicher Job. Neulich erst sei ein Anschlag mit einem Molotowcocktail auf ihr Auto verübt worden, vor wenigen Tagen starb ein Kommandant in einer anderen Favela. "Er saß genauso am Schreibtisch wie ich gerade", sagt Azevedo. Draußen sei ein Motorrad vorbeigefahren, der Sozius schoss auf den Container. Bereits zwölf Polizisten sind seit Beginn der Befriedungen ums Leben gekommen, die Gewalt scheint wieder aufzuflammen.

Die junge Frau befehligt 540 Polizisten, über Jacarezinho sagt sie: "Der Auftrag lautet, das Viertel von den Drogenbanden zu befreien. Jetzt hat der Staat das Kommando übernommen." Ausgelöscht sei der Drogenhandel aber noch nicht. Crack, Heroin, Kokain, Ecstasy wird unter der Hand weiter verkauft. Eine Favela funktioniert nach eigenen Gesetzen, in diese Art der Anarchie versucht die Polizei Normalität zu implementieren, Mediatoren der UPP ohne Uniform vermitteln bei Nachbarschaftsstreitigkeiten. Ob das Projekt nach den Olympischen Spielen wieder beendet werde? Jeniffer Azevedo lächelt so als ob sie mehr wüsste. Aber sie sagt: "Ich hoffe es nicht."

Miriam Maria José dos Santos indes hat Zweifel. Die Frau aus Belo Horizonte ist Präsidentin des nationalen Kinderrechtsrates in Brasilien. "Ich bin sicher, dass die Befriedung nur wegen der Fußball-WM und Olympia initiiert wurde." Aber Polizei könne keinen dauerhaften Frieden bringen, "der muss von innen heraus wachsen. Die Situation ist trügerisch. Irgendwann wird die Gewalt zurückkehren". Eine palliative Maßnahme sei die Befriedung: "Eine Behandlung der Schmerzen, nicht der Ursachen."

Jüngst hat die "New York Times" Rio de Janeiro von den weltweit 46 besuchenswertesten Städten auf Rang eins gewählt. Wer oben auf dem 709 Meter hohen Corcovado steht und unter den ausgebreiteten Armen der Christusstatue hinunterblickt auf die Stadt, das Grün, das Meer, die Bucht, die Berge, der bekommt eine Ahnung davon, weshalb. Die Cariocas, die Einwohner, sagen: "In sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen, am siebten dann Rio de Janeiro." Beate Plischke sitzt in Leme und lächelt. "Ja, diese ist Stadt liebenswert", sagt die Deutsche. Sie überlegt. So ganz alleine kann sie den Satz nicht stehen lassen. "Rio ist aber auch ein riesengroßer Fake."
Leben in Armut: In Jacarezinho, einer der größten Favelas in Rio de Janeiro, wohnen an die 70 000 Menschen.
Leben in Armut: In Jacarezinho, einer der größten Favelas in Rio de Janeiro, wohnen an die 70 000 Menschen. Foto: Achim Muth
Gefährlicher Job: Polizistin Jeniffer Azevedo vor einem UPP-Container in Jacarezinho.
Gefährlicher Job: Polizistin Jeniffer Azevedo vor einem UPP-Container in Jacarezinho. Foto: Achim Muth
Hin und her gerissen: Beate Plischke an der Copacabana bei Leme.
Hin und her gerissen: Beate Plischke an der Copacabana bei Leme. Foto: Achim Muth

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