Klein-Dunsum

So viel New York steckt in der Insel Föhr

New Virgin Malt       -  „New Virgin Malt”: Whisky auf dem Verkaufsregal im Caférestaurant von Landwirt Jan Hinrichsen.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | „New Virgin Malt”: Whisky auf dem Verkaufsregal im Caférestaurant von Landwirt Jan Hinrichsen.

Wegen des Lockdowns sind derzeit zwar auch Reisen innerhalb Deutschlands kaum möglich, doch einige Ziele sollten sich Urlauber schon einmal vormerken. Die Nordseeinsel Föhr etwa hat mehr als plattes Land zu bieten.

400 Meter vom Deich entfernt grunzt ein Dänisches Protestschwein. Trude ist groß wie ein Kalb und rot-weiß geringelt. Die Muttersau schnüffelt an ihren Ferkeln, im halboffenen Stall von Landwirt Jan Hinrichsen in Klein-Dunsum.

Was ein Urlauber gemeinhin nicht ahnt: Wie ein quicklebendiges Kulturdenkmal erzählt das Borstentier ein wichtiges Stück Föhrer Geschichte. Doch beginnen wir am Anfang.

Der Aussiedlerhof samt Hofcafé liegt im Nordwesten der Insel Föhr. Er ist umgeben von plattem Marschland. Allgegenwärtig sind hier Nordsee, Wind und weiter Horizont. Hinter dem Deich schweift der Blick übers Wattenmeer bis hinüber nach Sylt. So weit, so erwartbar.

Doch zwischen Hofcafé, Schweinestall und Streichelzoo prangt über einem weiteren Eingang der Schriftzug: „Hinrichsen's Farm Distillery” - dazu in typisch amerikanischer Typographie.

Eine Whisky-Destille mitten im Wattenmeer

„Seit 1630 betreibt unsere Familie Landwirtschaft auf Föhr mit Hof und Feldern hier in Dunsum”, erzählt Hinrichsen. Doch die fallenden Milchpreise zwangen die Familie zum Wandel. Die Hinrichsens gestalteten ihren Hof komplett um. Dazu gehören nicht nur der Wandel zum Biohof oder das Caférestaurant. Neuerdings ist auf dem Hof die erste Destille der Insel entstanden. Zu verdanken sei die Idee dem typischen Föhrer „Blick über den Tellerrand”.

Jahrhunderte lang waren die Nordfriesischen Inseln geprägt durch die Seefahrt. Auf die Zeit des Walfangs folgte die internationale Handelsschifffahrt. Private Navigationsschulen auf Föhr entließen bestens ausgebildete Offiziere und Kapitäne. Zurück kamen sie mit Händen voller Geld und kulturellen Einflüssen aus fernen Ländern.

Tschüss Preußen - Moin Amerika!

Die westliche Hälfte Föhrs zählte zu dieser Zeit noch zum Königreich Dänemark. Erst nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 fiel Föhr - genauso wie Sylt und Amrum - an Preußen und Österreich. Preußen verbot fortan nicht nur die legendären Föhrer Seefahrtsschulen, sondern führte überdies eine dreijährige Militärpflicht ein.

Das war nichts für die sturen und freiheitsliebenden Friesen, die Glück und Verdienstmöglichkeiten kurzerhand woanders suchten - und auf den Inseln mit eben jenem rot-weißen „Protestschwein” konterten, weil sie die dänische Flagge nicht mehr hissen durften.

Die erste große Auswandererwelle nach Amerika setzte ein: 40 Prozent der Föhrer Konfirmanden emigrierte, darunter auch Jan Hinrichsens Ururgroßvater. Er wurde Baumfäller im Mittleren Westen und kehrte nach erst 15 Jahren zurück, um den Hof weiterzuführen. 1905 ging auch der Uropa, der sich als Barkeeper in Florida verdingte.

„Schließlich wanderte 1928 auch mein Opa aus und eröffnete - wie so viele andere - ein Delikatessengeschäft in New York”, erzählt Hinrichsen. „Mein Vater wurde noch in New York geboren und kam erst mit 19 Jahren nach Föhr, um den großväterlichen Hof zu übernehmen.” Eine völlig fremde Welt sei es für ihn gewesen.

Während in den USA bereits erste Fernseher flackerten und Geschirrspülmaschinen die Hausarbeit übernahmen, gab es auf Föhr ein einziges Telefon fürs ganze Dorf und noch nicht einmal fließend Wasser. Auf der anderen Seite standen die wunderschöne Natur, die gute Luft und die Freiheit der Insel.

Die Whisky-Idee wurde in Amerika geboren

Wie viele andere Föhrer Familien halten auch die Hinrichsens bis heute ihre Verbindung zur US-Verwandtschaft. „Auf einer Reise nach New York Upstate war es dann, dass ich Whisky zum ersten Mal als echtes Genussmittel wahrgenommen habe, und ich war begeistert vom Konzept einer Hof-Destille, bei der alle Zutaten direkt von der eigenen Farm kamen”, erzählt Jan Hinrichsen.

Der 45-Jährige las Bücher und besuchte Mälzkurse. Er arbeitet mit Destillen in Dänemark zusammen und lässt sich von Whisky-Experten beraten. Heute steht der Autodidakt auf seinem Mälzboden und demonstriert nicht nur den Keimprozess seiner Gerste, sondern auch seinen ganzen Stolz: die ersten Fässer, gefüllt mit „New Make”. Drei Jahre wird der Tropfen in alten Sherryfässern aus Andalusien zum Whisky heranreifen.

Ein Hauch von New York weht über die ganze Insel

Wer Augen und Ohren offen hält, findet auf Föhr zahlreiche Spuren aus der Auswander-Ära. So auch im 2019 eröffneten Café und Deli „Macke Pudel” im beschaulichen Dörfchen Oevenum. Hinter dem Spitznamen Macke Pudel verbirgt sich der Urgroßvater der Geschwister Stina und Nils Barnert. Auch Macke, eigentlich Markus, wanderte aus und betrieb in den 1950er Jahren ein Delikatessengeschäft in Queens. Im Café auf Föhr geht daher echter New York Cheesecake über die Theke.

Zu guter Letzt darf auch Föhrs Nationalgetränk nicht fehlen: der Cocktail „Manhattan”, ein Rezept, das Rückkehrer aus New York mitbrachten. In knapp drei Jahren wird das Getränk hochprozentige Konkurrenz bekommen - made on Föhr.

Informationen: Föhr Tourismus, Feldstraße 36, 25938 Wyk auf Föhr (Tel.: 04681/300, E-Mail: urlaub@foehr.de, www.foehr.de ).

© dpa-infocom, dpa:201229-99-843141/4

Jan Hinrichsen       -  Der Landwirt, der zum Whisky-Experten wurde: Jan Hinrichsen bei der Arbeit.
Foto: Harald Bickel/dpa-tmn | Der Landwirt, der zum Whisky-Experten wurde: Jan Hinrichsen bei der Arbeit.
New Make       -  In diesen Fässern reift der Whisky „New Make” heran.
Foto: Harald Bickel/dpa-tmn | In diesen Fässern reift der Whisky „New Make” heran.
Wild horses       -  Auch die Pferde auf Föhr genießen den Wind und die Weite der Insel.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Auch die Pferde auf Föhr genießen den Wind und die Weite der Insel.
Am Strand       -  Immer entlang des Wattenmeers - doch die Insel Föhr hat mehr zu bieten als Spaziergänge am Strand.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Immer entlang des Wattenmeers - doch die Insel Föhr hat mehr zu bieten als Spaziergänge am Strand.
Nils und Stina Barnert       -  Familiengeschichte weitererzählt: die Geschwister Nils und Stina Barnert im Café „Macke Pudel”.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Familiengeschichte weitererzählt: die Geschwister Nils und Stina Barnert im Café „Macke Pudel”.
Plattes Land       -  Weites Land: typischer Entwässerungskanal auf Föhr.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Weites Land: typischer Entwässerungskanal auf Föhr.
New York Cheesecake       -  Völkerverständigung geht durch den Magen: Der echte New York Cheesecake im Deli „Macke Pudel” zeigt die Verbindung zwischen Föhr und New York.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Völkerverständigung geht durch den Magen: Der echte New York Cheesecake im Deli „Macke Pudel” zeigt die Verbindung zwischen Föhr und New York.
Dänisches Protestschwein       -  Dänisches Protestschwein auf Föhr - dieses Symbol hissten die Inselbewohner einst auf Protest, nachdem ihnen die dänische Fahne von den Preußen verboten worden war.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Dänisches Protestschwein auf Föhr - dieses Symbol hissten die Inselbewohner einst auf Protest, nachdem ihnen die dänische Fahne von den Preußen verboten worden war.
Hof von Familie Hinrichs       -  Hof mit Destillerie von Jan Hinrichsen - hier entsteht Föhrs erster, eigener Whisky.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Hof mit Destillerie von Jan Hinrichsen - hier entsteht Föhrs erster, eigener Whisky.
Gerste       -  Jan Hinrichsen erklärt die Entstehung seines Whiskys - hier der Mälzboden mit keimender Gerste.
Foto: Dörte Nohrden/dpa-tmn | Jan Hinrichsen erklärt die Entstehung seines Whiskys - hier der Mälzboden mit keimender Gerste.
Jan und Jonas Hinrichsen       -  Kostprobe: Jan Hinrichsen (r) mit Sohn Jonas beim Whisky-Test.
Foto: Harald Bickel/dpa-tmn | Kostprobe: Jan Hinrichsen (r) mit Sohn Jonas beim Whisky-Test.
Whisky-Destillerie       -  Hier entsteht ein guter Tropfen: Einblick in Föhrs erste und bis dato einzige Whisky-Destillerie.
Foto: Harald Bickel/dpa-tmn | Hier entsteht ein guter Tropfen: Einblick in Föhrs erste und bis dato einzige Whisky-Destillerie.
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