Berlin

Wie sich das Reisen verändert hat

Selfies für die Selbstinszenierung       -  Bitte lächeln für die Kamera! - Selfies gehören auf Reisen einfach dazu.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn | Bitte lächeln für die Kamera! - Selfies gehören auf Reisen einfach dazu.

Billigflieger, Smartphones und Social Media, wachsende Besuchermassen und der Klimawandel: Das Reisen und der Tourismus haben sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert. Warum eine Urlaubsreise heute anders als früher ist:

1. Billigflieger und Erlebnissucht

Das ganze Jahr malochen und dann im Sommer einmal für mindestens drei Wochen nach Bayern, Mallorca oder Kroatien: Das ist für viele Menschen nicht mehr erstrebenswert. Der Trend geht seit Jahren weg vom klassischen langen Haupturlaub und hin zu häufigeren, dafür aber kürzeren Reisen, erklärt Philipp Wagner von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), die das Urlaubsverhalten der Deutschen untersucht.

Diese Entwicklung ist keine Überraschung, sie hängt stark mit dem Aufkommen von Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet zusammen. Wenn Barcelona oder Sardinien im besten Fall nur noch 40 oder 50 Euro entfernt sind, ist die Verlockung groß, auch mal nur für ein verlängertes Wochenende durch Europa zu jetten.

Der Zukunftsforscher und Tourismusexperte Prof. Horst Opaschowski sieht darin einen gesamtgesellschaftlichen Trend: „Die Devise lautet: Mehr Erleben in weniger Zeit.” Erholung und Abstand vom Alltag bleiben zwar wichtige Reisemotive, bestätigt Wagner, doch hedonistische Motive seien wichtiger geworden: „Man will sich im Urlaub etwas gönnen und genießen, gleichzeitig aber auch viel sehen und erleben.”

2. Mehr Informationen, weniger Überraschungen

Flüge, Hotels, Mietwagen sind mit ein paar Klicks gebucht. Ein Lokal in der Fremde? Online-Bewertungsportale helfen sofort. Und wo geht's lang? Google Maps findet fast immer den Weg. Da fällt es auf Reisen zunehmend schwer, sich überraschen zu lassen und Orte zu entdecken, von denen man gar nicht ahnte, wie spannend sie sind.

„Und wäre es möglich, dass der Zwang, alles sofort zu bewerten und zu rezensieren, einfach sehr schlechte Laune macht?”, fragte ein Journalist, der Paris anhand der besten und schlechtesten Bewertungen auf Tripadvisor erkundete. Andersherum ist da immer die Frage: Habe ich vielleicht eine bessere Option übersehen?

Die Informationsflut bedeutet Freizeitstress. Ein Grund, warum die organisierte Pauschalreise beliebt bleibt: Der Reiseveranstalter übernimmt das Planen. „Viele lesen den Reiseführer erst im Flugzeug”, sagt Opaschowski.

3. Wenn es nicht auf Social Media ist, ist es nicht passiert

Weg sein, raus sein, ohne Kontakt zur Heimat: Das war vor dem Zeitalter des Internets auf Reisen der (angenehme) Normalzustand. „Manchmal kam die Postkarte erst an, als man schon wieder zu Hause war”, erinnert sich Opaschowski. Und erst nach dem Urlaub konnte man stolz die Fotos exotischer Orte präsentieren.

Heute ist das grundlegend anders: Die Heimat ist nie ganz fern. „Man lässt Familie und Freunde am Urlaub teilhaben, das trägt zu einer Intensivierung des Erlebnisses bei”, sagt Opaschowski. Es ist also durchaus so gewünscht.

Heute existiere alles, um in einem Foto zu enden, schrieb einmal die Fotografin Susan Sontag (1933-2004). Dieser Satz scheint vor allem auf Reisen zu gelten. Überall Touristen, die Selfies machen.

4. Die Grenzen des Massentourismus

Schon Hans Magnus Enzensberger stellte fest, dass der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet. Die Kritik am Massentourismus ist so alt wie der Tourismus selbst. „Die Diskussion ist nicht neu, aber sie wird immer wieder verdrängt, solange es noch erträglich ist”, sagt Opaschowski. Ist es das noch?

Es spricht einiges dafür, dass viele Top-Reiseziele so langsam die Belastungsgrenze erreicht haben. Überall wird über eine bessere Steuerung oder Beschränkung der Besuchermassen diskutiert - von Island über Paris, Barcelona und Venedig bis Mallorca.

Denn der Urlauber ist endgültig selbst zum Problem geworden. Auch wenn er vermeintlich alternativ in einer Airbnb-Unterkunft übernachtet - und so die Mieten in die Höhe treibt.

5. Reisen steht in der Kritik - wegen des Klimas

Seit die Klimakrise die öffentliche Debatte beherrscht, mehren sich skeptische Töne. Gerade das Fliegen - einst Symbol von Mobilität und Freiheit - ist besonders umweltschädlich.

Wie Reisen und Umweltschutz zusammenpassen, wird häufiger diskutiert als früher, gerade auch unter Urlaubern. Opaschowski betont jedoch: „Zwischen Problembewusstsein und tatsächlichem Verhalten klafft eine große Lücke.” Schließlich verzichten die wenigsten Reisenden dem Klima zuliebe auf das Fliegen. Urlaub sei die populärste Form von Glück, sagt der Zukunftsforscher. „Daran wird auch die Klimadebatte nichts ändern.”

Prof. Horst Opaschowski       -  Zum Themendienst-Bericht von Philipp Laage vom 6. August 2019: Prof. Horst Opaschowski ist Zukunftsforscher und Tourismusexperte.
Foto: Benjamin Roeber/dpa-tmn | Zum Themendienst-Bericht von Philipp Laage vom 6. August 2019: Prof. Horst Opaschowski ist Zukunftsforscher und Tourismusexperte.
Stadtkarte auf dem Smartphone       -  Das Smartphone findet auf Reisen den Weg: Durch Apps und das Internet hat sich das Urlaub machen deutlich vereinfacht.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn | Das Smartphone findet auf Reisen den Weg: Durch Apps und das Internet hat sich das Urlaub machen deutlich vereinfacht.
Landung auf Mallorca       -  Flugzeug im Landeanflug auf Mallorca - Flugreisen stehen wegen der klimaschädlichen Effekte mittlerweile häufiger in der Kritik.
Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn | Flugzeug im Landeanflug auf Mallorca - Flugreisen stehen wegen der klimaschädlichen Effekte mittlerweile häufiger in der Kritik.
Philipp Wagner       -  Philipp Wagner arbeitet bei der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).
Foto: Frank Molter/NIT/dpa-tmn | Philipp Wagner arbeitet bei der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).
Stadtmauer von Dubrovnik       -  Schlange stehen auf der Stadtmauer von Dubrovnik: Viele Reiseziele leiden heute unter den Besuchermassen.
Foto: Andrea Warnecke | Schlange stehen auf der Stadtmauer von Dubrovnik: Viele Reiseziele leiden heute unter den Besuchermassen.
Easyjet       -  Flugzeug von Easyjet auf dem Hamburger Flughafen - der Boom der Billigflieger hat kürzere Reisen begünstigt.
Foto: Daniel Reinhardt/dpa-tmn | Flugzeug von Easyjet auf dem Hamburger Flughafen - der Boom der Billigflieger hat kürzere Reisen begünstigt.
Scale spagnole       -  Besuchermassen an der Spanischen Treppe in Rom: Overtourism ist in vielen europäischen Metropolen ein Thema.
Foto: Andrea Warnecke | Besuchermassen an der Spanischen Treppe in Rom: Overtourism ist in vielen europäischen Metropolen ein Thema.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Google
Google Maps
Hans Magnus Enzensberger
Internet
Internetzeitalter
Massentourismus
Pauschalreisen
Ryanair
Social Media
Susan Sontag
Tourismusexperten
Urlauber
Urlaubsreisen
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!