Hamburg (dpa)

Unzufriedenheitsparadox: Mehr Sorgen trotz mehr Wohlstand

Soziale Spaltung, Kriminalität, ungelöste Flüchtlingsfrage - alles wird schlimmer, glaubt laut einer Umfrage die Mehrheit der Deutschen. Warum so viel Pessimismus im Wohlstandsland? Der Glücksfaktor ist ausgereizt, erklärt Zukunftsforscher Horst Opaschowski.
Wohlstand und Glück       -  Den Deutschen geht es gut. Trotzdem schauen sie der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen.
Den Deutschen geht es gut. Trotzdem schauen sie der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

In Deutschland breitet sich nach Ansicht des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski das Unzufriedenheitsparadox aus. Je besser es den Leuten gehe, umso schlechter sei die Stimmung.

„Die Unzufriedenheit im Wohlstandswunderland nimmt generell zu”, konstatiert Opaschowski . „Denn Überfluss macht am Ende auch nicht glücklich.” Der emeritierte Pädagogikprofessor erklärt das an einem Beispiel: „Wenn Sie ein Auto haben, sind Sie glücklich. Wenn Sie zwei Autos haben, müssen Sie nicht unbedingt glücklicher sein. Irgendwann ist der Glücksfaktor ausgereizt.”

In einer Umfrage, die Opaschowski zum Jahresende gemeinsam mit dem Ipsos-Institut durchgeführt hat, sagten 45 Prozent, sie sähen dem kommenden Jahr mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegen. Der Anteil der Skeptiker ist damit um neun Prozentpunkte größer als Ende 2016. Die Menschen, die bessere Zeiten erwarten, bilden eine Minderheit von 19 Prozent. Der Anteil der Optimisten ist immerhin stabil, worin Opaschowski einen Hoffnungsschimmer sieht.

Zahlreiche Menschen machten sich Sorgen, wie es politisch und gesellschaftlich in Deutschland weitergehe. „Der soziale Frieden im Land ist für sie am wichtigsten und nach Einschätzung der Bevölkerung 2018 besonders gefährdet”, sagt Opaschowski. 62 Prozent der Befragten glauben, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. 61 Prozent erwarten eine weiter steigende Kriminalität, auch Hass und Gewaltbereitschaft (49 Prozent) sowie Fremdenfeindlichkeit (46 Prozent) werden als Bedrohung des sozialen Friedens wahrgenommen.

Ganz oben steht jedoch die Sorge vor der ungelösten Flüchtlingsfrage. Unverändert 85 Prozent der Befragten glaubten nicht daran, dass „unsere Gesellschaft in der Lage sein wird, ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Flüchtlingen zu ermöglichen”. Von den Ostdeutschen sind sogar 91 Prozent dieser Ansicht.

Eine repräsentative Umfrage der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen bestätigt Opaschowskis Ergebnisse mit Blick auf 2030. In zwölf Jahren werde die Kriminalität über das Internet sehr viel stärker sein, erwarten demnach 84 Prozent der Befragten. Die Technik werde aber auch den Kampf gegen das Verbrechen bestimmen. 71 Prozent der vom Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der BAT-Stiftung Interviewten glauben, dass die Videoüberwachung im Jahr 2030 flächendeckend sein wird. Vor allem die Jüngeren seien der Ansicht, die Sicherheit werde wichtiger sein als die Privatsphäre. „Ob Angst vor Terroranschlägen oder Überfremdung, Einbrüchen oder dem Klimawandel - viele Bundesbürger haben das Gefühl, in unsicheren Zeiten zu leben”, sagt der wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung, Prof. Ulrich Reinhardt.

Was können Politik und Gesellschaft tun, um den Sorgen der Bürger zu begegnen? Opaschowski sieht nur einen Ausweg: „Wir brauchen ein Leitbild des guten Zusammenlebens.” Die Flüchtlingsfrage könne nicht zurückgedreht und die Masseneinwanderung von 2015 nur abgefedert werden. Die Bevölkerung müsse die Sache selbst in die Hand nehmen. „Das können Patenschaften, Deutsch- und Nachhilfe-Kurse oder Spendenaktionen sein. Gelebte Toleranz, in der es mehr um Gemeinsamkeiten als um Abgrenzungen geht”, empfiehlt Opaschowski.

Mit der freiwilligen Hilfe für Flüchtlinge seien Chancen verbunden. Allerdings müsse diese Bereitschaft auch gefördert werden, vielleicht mit Anreizen. Wie das Leitbild konkret aussehen könnte, sagt Opaschowski nicht. Er verweist nur darauf, dass es in anderen Bereichen etwa mit Castingshows gelinge, Leute zu motivieren.

Der Zukunftsforscher setzt auf die Optimisten und die 23 Prozent der Befragten, die der Aussage zustimmten: „Die Bürger werden wieder mehr zusammenhalten und sich selber helfen.” Das sind immerhin drei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. In Ansätzen sei ein erstes Umdenken erkennbar. Der Wermutstropfen dabei: Die Jugend verliert offenbar ihre Zuversicht. Nur noch 20 Prozent der 14- bis 29-Jährigen gaben sich als Optimisten zu erkennen, zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Fast im gleichen Maße wuchs die Zahl der jugendlichen Pessimisten, nämlich um neun Punkte auf 37 Prozent.

Das Vertrauen in die Politiker schwindet, stellt Opaschowski fest. 56 Prozent glauben, dass die Politiker den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen sind. „Deutschland braucht einen Hoffnungsträger”, stellt der Zukunftsforscher fest. Es gebe eine große Sehnsucht nach Politikern wie einst John F. Kennedy in den USA oder im vergangenen Frühjahr Emmanuel Macron in Frankreich. Auf Namen in Deutschland will sich Opaschowski nicht festlegen. Der CSU-Politiker Markus Söder in Bayern stehe immerhin für einen Generationswechsel. FDP-Chef Christian Lindner habe sich dagegen vom Hoffnungsträger zu einem großen Bedenkenträger gewandelt.

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