Hannover

Wie Halal-Produkte den Mainstream erobern

Halal-Produkte       -  Nicht nur bei Lebensmitteln setzen immer mehr Verbraucher auf „halal”. Auch Finanz- oder Kosmetikprodukte, die nach muslimischen Glauben erlaubt sind, liegen im Trend.
Nicht nur bei Lebensmitteln setzen immer mehr Verbraucher auf „halal”. Auch Finanz- oder Kosmetikprodukte, die nach muslimischen Glauben erlaubt sind, liegen im Trend. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Er ist ein Bruder des christlichen Adventskalenders, aber man darf ihn erst abends und nicht schon am frühen Morgen öffnen. Mit dem „Iftarlender” - benannt können Kinder (und sicher auch so mancher naschende Erwachsene) dem Fest des Fastenbrechens Ende Mai jeden Tag ein bisschen näher kommen.

Die Frankfurter Firma Honeyletter hat den „Ramadan-Countdown-Kalender”, der nach dem islamischen Abendessen Iftar während des Fastenmonats benannt wurde, im Programm. Hinter den 30 Türchen verbergen sich Dattelpralinen, umhüllt von belgischer Schokolade.

Die Hersteller verstehen ihn als „Zeichen kultureller Symbiose”. Der „Iftarlender” ist aber nur eines von einer immer größeren Zahl an Produkten, die nach islamischen Vorschriften erlaubt („halal”) sind. In den letzten Jahren hat sich die Branche stark weiterentwickelt.

Es ist ein ausgewachsener Markt, der nicht mehr auf Beispiele aus dem Lebensmittelladen oder ausschließlich muslimische Kundschaft begrenzt ist. Und es ist ein globales Geschäft, in dem es um einen Wettstreit nationaler Zertifizierungen, Standards und Milliardenumsätze geht.

Im März war in Hannover die erste Halal-Messe Deutschlands geplant. Wegen der Corona-Krise verschob man die Schau. Schon das Programm der rund 60 Aussteller zeigt aber die Bandbreite. Christoph Schöllhammer war bei der Deutschen Messe AG ein Ideengeber. Der Leiter der „Halal Hannover” lebte in der Türkei, wurde Liebhaber der dortigen Küche. „Hier gab es damals im Supermarkt noch keine Halal-Ecke”, erzählt er.

Auch manche Menschen, die sich nicht explizit auf religiöse Gründe berufen, essen und leben mittlerweile halal. „Es ist nicht nur auf eine Klientel beschränkt, die sich islamkonform ernährt”, meint Messe-Vorstand Andreas Gruchow. Natürlich bildeten Muslime die wichtigste Kundengruppe, und sie setzten viele der neuen Trends. „Aber es geht generell um sich bewusst ernährende Menschen.”

Tilman Brunner, Leiter Internationales bei der IHK Hannover, sieht das ähnlich: „Es ist ein Qualitätssiegel.” Seit 2011 gibt es eine Arbeitsgruppe „Halal & Koscher”, heute seien 120 Firmen aktiv dabei. „Viele stellen auch Koscherprodukte her, da die Anforderungen oft ähnlich sind.” Eine Schätzung der Umsätze sei schwierig, weil der Markt nicht so einfach abgrenzbar ist. Aber beim Halal-Interesse gebe es generell „eine steile Lernkurve”, so Gruchow. In Deutschland liegt das Marktpotenzial laut Messe AG bei fünf Milliarden Euro pro Jahr.

- Lebensmittel und Getränke: Der „Iftarlender” steht für eine ganze Reihe von Süßwaren. Bekannt für Halal-Standards ist außerdem Fleisch, wobei - neben dem Verbot von Schwein - bestimmte Schlachtvorschriften einzuhalten sind. Eine Tochtermarke von Bifi will in Hannover etwa zertifizierte Rinderwürstchen zeigen. Viele kennen die Knoblauchwurst Sucuk. Es gehe teilweise um die gesamte Wertschöpfungskette, erklärt Brunner: „Wenn ich eine Halal-Tiefkühlpizza produzieren will, muss ich den passenden Käse, die passenden Gewürze und noch mehr haben.” Auch bei Nahrungsergänzungsstoffen und Getränken wächst das Angebot. So kommt ein Halal-Energydrink in durchsichtigen Dosen daher - das soll maximale Transparenz über die Inhaltsstoffe symbolisieren.

- Kosmetika und Medikamente: Es darf kein Alkohol zum Einsatz kommen, weder als Inhaltsstoff noch in der Produktion. Wasserlösliche Nagellacke seien außerdem mit der Gebetswaschung der Frau vereinbar, weil so ein vollständiger Kontakt mit dem Wasser möglich ist, wie die Theologin Asmaa El Maaroufi von der Uni Münster erklärt. „Auch bei Reinigungsmitteln wird das ein Thema”, so Brunner. „Alles, womit ich in Berührung komme, kann Halal-relevant sein.”

Tierversuche sind bei der Entwicklung von Produkten tabu. In der Pharmabranche stehen Halal-Verfahren derweil noch eher am Anfang. Dort sehen viele Verbraucher die Regeln El Maaroufi zufolge aber eher entspannt: „Gestattet ist oft, was medizinisch notwendig ist.”

- Tourismus: Halal-konformer Urlaub spricht demnach ebenfalls schon etliche Nichtmuslime an. Es geht darum, die Ferien als Zeit innerer Einkehr, Achtsamkeit und Einheit mit der Familie zu sehen. Spezielle Angebote für Eltern und Kinder haben Veranstalter ebenso im Programm wie die klassische Pilgerreise. Muslime selbst buchen laut El Maaroufi meist, um auch im Urlaub ihren Alltag unbeschwert fortführen zu können.

- Banken und Geldanlage: An islamischen Regeln orientierte Finanzdienstleister fassen vermehrt auch in Deutschland Fuß. Bei Bankgeschäften müssen sie das Zinsverbot berücksichtigen, genauso das Spekulationsverbot und den Ausschluss etwa von Glücksspiel- oder Waffenkonzernen aus Geldanlage-Fonds. Einzelne Lehrmeinungen unterscheiden aber beispielsweise zwischen Soll- und Habenzinsen.

- Verschiedene Definitionen: Trotz einiger fast universell anerkannter Vorschriften gibt es in unterschiedlichen Ländern und Rechtsgutachten verschiedene Vorstellungen dessen, was genau halal ist. Ursprünglich ging es um Handlungen, nicht um Produkte, erklärt El Maaroufi. „Inzwischen hat sich der Begriff sehr weit geöffnet”, sagt sie. „Das sieht man etwa bei verschiedenen Zertifizierungen von Halal-Fleisch.”

- Marktmacht und internationaler Handel: Viele Anbieter verkaufen auch ins Ausland. Deutsche Fleischriesen wie Tönnies und Wiesenhof oder der Aromen-Hersteller Symrise haben Halal-Sortimente. „Drei Viertel unserer Mitglieder exportieren”, sagt Brunner. „Und der Austausch ist wichtig.” Ein Land wie Indonesien könne etwa andere Regeln haben als eines wie die Vereinigten Arabischen Emirate. „Da geht es auch um Marktmacht.” Manche Staaten könnten Standards als Barriere nutzen, um die Weltmarkt-Konkurrenz draußen zu lassen. Doch die Chancen seien groß, so Gruchow: „Auch Indien und Malaysia sind Milliardenmärkte.”

Rückblick

  1. Mieter und Vermieter sollen sich das Renovieren teilen
  2. Wie Kinder den Umgang mit Geld lernen
  3. Welche Rechte haben Erben?
  4. Was Anleger aus dem Fall Wirecard lernen können
  5. So kommen Eltern zum Elterngeld
  6. Wie Verbraucher das passende Konto finden
  7. Teils lange Verjährungsfrist bei Schaden nach Renovierung
  8. Wie Verbraucher vom Juli an sparen können
  9. Zur Baufinanzierung per Videokonferenz
  10. Mieter müssen bei längerer Abwesenheit für Wohnung sorgen
  11. Mieter darf entscheiden, ob Fotos der Wohnung gemacht werden
  12. Gartenpflege kann Aufgabe der Mieter sein
  13. Was Mieter beim Auszug beachten müssen
  14. Welche Betriebskosten Vermieter umlegen dürfen
  15. Keine Pflicht zum Abschließen der Haustür
  16. Starkes Hundegebell kann Kündigung rechtfertigen
  17. Depressive Erkrankung entschuldigt keinen Verzug bei Miete
  18. Untervermietung nur mit Erlaubnis des Vermieters
  19. Darf der Vermieter die Bepflanzung bestimmen?
  20. Neue Wohnung nicht nur per Video besichtigen
  21. Planschbecken sind unter Einhaltung von Regeln meist erlaubt
  22. Mietrecht kennt kein Gewohnheitsrecht
  23. Sichtschutz nur mit Zustimmung des Vermieters
  24. Eigenbedarfskündigung auch für Ferienwohnung möglich
  25. Wann Hüpfen und Springen in der Wohnung erlaubt sind
  26. Wie Anleger von Trends profitieren können
  27. Wann lohnt eine Rechtsschutzversicherung?
  28. Welche Policen Ehrenamtler benötigen
  29. Warum das Haushaltsbuch auch heute noch hilft
  30. Wie werden sich die Märkte nach Corona erholen?
  31. Konflikte ohne Richter beilegen
  32. Warum Singles ein Testament brauchen
  33. Riestern mit spitzem Bleistift
  34. Was taugen Lebensversicherungen als Altersvorsorge?
  35. Wann sich der Altersentlastungsbetrag auszahlt
  36. Versicherungen: Welche Policen Senioren wirklich brauchen
  37. Diese Anleger-Strategie lohnt auch in Krisen
  38. So kommen Robo-Advisor durch die Krise
  39. Wann sich eine Zahnzusatzversicherung lohnt
  40. Bei Baudarlehen nicht nur auf Zinshöhe achten
  41. Wie Sonderzahlungen Renten-Abzüge ausgleichen
  42. Video-Überwachung im Haus meist nicht zulässig
  43. Mieter können bei Vogellärm keine Baumfällung verlangen
  44. Großer Andrang bei Goldhändlern in Corona-Zeiten
  45. Die Lockerungen aus Verbrauchersicht
  46. Rauchmelderwechsel kann in Corona-Krise warten
  47. Gute Geldanlage beginnt im Kopf
  48. Mieter kann Anspruch auf Schadenersatz haben
  49. Patientenverfügung klar formulieren
  50. Schützt eine Stop-loss-Order vor Verlusten?

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Banken
  • Finanzdienstleister
  • Finanzen
  • Getränke
  • Islam
  • Kosmetikartikel
  • Lebensmittelläden
  • Medikamente und Arzneien
  • Muslime
  • Produktionsunternehmen und Zulieferer
  • Theologinnen und Theologen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!