Braunschweig

Wie werden sich die Märkte nach Corona erholen?

Wirtschaftliche Erholung       -  V oder W? Welcher Buchstabe die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise beschreibt, ist noch nicht klar. Anleger sollten sich davon aber nicht in ihrer langfristigen Strategie beeinflussen lassen.
V oder W? Welcher Buchstabe die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise beschreibt, ist noch nicht klar. Anleger sollten sich davon aber nicht in ihrer langfristigen Strategie beeinflussen lassen. Foto: Arne Dedert/dpa/dpa-tmn

Konjunkturexperten sind derzeit wenig optimistisch. Wirtschaftliches Wachstum wird es angesichts der Coronavirus-Pandemie nicht geben, glauben viele. Die Zeichen stehen stattdessen fast überall auf Rezession.

Die Weltbank etwa erwartet, dass die globale Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 5,2 Prozent sinken wird. Das wäre die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet für das laufende Jahr auch immerhin mit einem Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung von über vier Prozent.

Schlechte Nachrichten für Deutschland

Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft sind das keine guten Nachrichten, denn mit der Wirtschaftsleistung sinkt auch der globale Handel. 2020 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland der IW-Prognose zufolge rund neun Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr. Die Bundesbank erwartet für Deutschland in diesem Jahr zwar nur einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 7,1 Prozent.

Dennoch: Das ist immer noch mehr als in der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. Damals war das deutsche BIP um 5,7 Prozent gesunken.

Konjunkturprognosen mit Buchstaben-Modellen

Es stellt sich die Frage: Wie schnell wird es wieder aufwärts gehen? Bei der Suche nach Antworten, bemühen Experten derzeit bestimmte Buchstaben: V, W, U oder L. „Die Buchstaben dienen zur vereinfachten Veranschaulichung der möglichen Konjunkturentwicklungen”, erklärt Vermögensverwalter Richard Feininger der Böhke & Compagnie Consultants KG aus Braunschweig.

Das L beschreibt die Situation, dass das wirtschaftliche Wachstum stagniert und für längere Zeit auf einem niedrigen Niveau verharren wird. Beim U wird angenommen, dass die Wirtschaft nach dem Crash nur langsam wiederauflebt, während eine V-förmige Entwicklung davon ausgeht, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erholt. Beim W gehen die Experten davon aus, dass die Erholung gestoppt wird und ein neuer Absturz kommt, bevor es dann wieder aufwärts geht.

Maßnahmen scheinen zu greifen

„Es sieht derzeit so aus, als wird es das V”, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Allerdings ist das W seiner Ansicht nach noch nicht ganz aus der Welt.

„Im Grunde genommen gleicht die konjunkturelle Lage die eines schwerkranken Corona-Patienten, dessen Gesundheitszustand sich gerade verbessert”, sagt Frank Wieser von PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf. „Ob er je wieder vollständig gesund wird, ist fraglich.”

Dennoch scheinen die Maßnahmen, die Notenbanken und Staaten weltweit ergriffen haben, Wirkung zu zeigen. Die Weltbank zum Beispiel erwartet schon im kommenden Jahr wieder ein Wachstum der Weltwirtschaft um 4,2 Prozent. Für 2021 rechnen die Volkswirte der Bundesbank für Deutschland mit 3,2 Prozent Wachstum. Voraussetzung ist aber, dass bald eine wirksame medizinische Lösung zur Bekämpfung des Coronavirus verfügbar sein wird.

Börse ist optimistisch

An den Börsen ist die Stimmung derzeit aber alles andere als traurig. „Der amerikanische Leitindex S&P 500 liegt seit Jahresbeginn nur noch gut acht Prozent im Minus, beim US-Technologieindex NASDAQ Composite steht sogar ein Plus von fast vier Prozent”, hat Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei Huber, Reuss & Kollegen in München, beobachtet.

Und auch der Deutsche Aktienindex Dax nähert sich langsam wieder seinen Höchstständen. „Dies zeigt, die Aktienmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt”, sagt Roestel.

Damit unterscheidet sich die Corona-Krise auch von vorherigen Krisen, in denen die Erholungsphasen an den Börsen deutlich länger waren. „Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, muss aber keiner sein”, sagt Wieser. „Viele Anleger haben wirtschaftlich die nächsten ein bis zwei Jahre schon aufgegeben und schauen auf das Jahr 2022.”

Kurz betrachtet diese Entwicklung durchaus skeptisch: „Diese Hausse ist nicht beliebt”, schränkt er ein. Hausse ist der Fachbegriff für das Steigen der Börsenkurse. „Denn die Zahlen geben diese Kurse eigentlich noch nicht her”, erklärt Kurz.

Außerdem ist die Pandemie noch nicht vorbei. Und damit ist die Gefahr, dass eine zweite Welle zu neuen Beschränkungen führt, noch nicht gebannt. Anleger stehen damit vor einem Dilemma: Kurzfristig ist das wirtschaftliche Szenario schwierig, langfristig besteht das Risiko, den Aufschwung zu verpassen.

Langfristige Strategie meist erfolgreich

Aber von Angst sollten Anleger sich jetzt nicht leiten lassen. „Anleger sollten vor allem mit ruhiger Hand agieren und sich nicht von den aktuellen Schlagzeilen treiben lassen”, sagt Roestel. „Anleger überschätzen häufig die kurzfristigen Risiken und unterschätzen die langfristigen Chancen der Aktienmärkte.”

An den Börsen habe es immer wieder große Krisen gegeben. Dennoch bleibe die Aktie, die ja ein Anteilsschein an einem Unternehmen und damit ein Sachwert sei, eine attraktive Geldanlage.

„Es kommt vor allem auf die langfristige Strategie an”, erklärt Kurz. Auch wenn es kurzfristig Schwankungen gebe, sei über einen langen Zeitraum mit einem breit gestreuten Portfolio in der Regel eine positive Rendite möglich. Das zeigen auch Berechnungen des Deutschen Aktien-Instituts (DAI). Demnach lagen die jährlichen Renditen für einen Anlagezeitraum von 20 Jahren in der Vergangenheit allein beim Dax im Schnitt bei rund neun Prozent.

Verluste mussten die Anleger über solche Zeiträume nicht fürchten. Im schlechtesten Fall lag die jährliche Rendite bei 4,7 Prozent, im besten bei 16,1 Prozent. Das heißt: Wer dabei blieb, konnte zum Beispiel das Platzen der Immobilienblase oder auch die Kurseinbrüche am sogenannte Neuen Markt zu Anfang der 2000er Jahre überstehen.

© dpa-infocom, dpa:200609-99-364568/6

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