Bestenheid

100 Jahre Kanzlerkanne: Überall dabei, wo es heiß hergeht

Ein kleines Unternehmen in Wertheim hat vor 100 Jahren ein Produkt erschaffen, das schon durch viele prominente Hände ging - und Teil unserer Tischkultur geworden ist.
Links das erste Modell, rechts das aktuelle: Geschäftsführer Bernhard Mittelmann zeigt die "Kanzlerkanne" von Alfi, die es seit 100 Jahren gibt. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Das schafft nicht jedes Unternehmen: ein Produkt auf den Markt zu bringen, das fast täglich Prominente in die Hand nehmen. Die kleine Alfi GmbH in Bestenheid bei Wertheim (Main-Tauber-Kreis) hat es geschafft - mit einer Isolierkanne.

Sie heißt "Juwel". Doch weil diese Kanne eifrig von Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Kabinett genutzt wird, kennt man das Gefäß auch unter einem anderen Namen: "Kanzlerkanne". Sie steht häufig auf dem Tisch, wenn Merkel mit ihren Ministern zu Beratungen zusammenkommt, von Fernsehbildern oder Pressefotos kennt man diese Szenen. Auch einige Vorgänger Merkels hatten die Kanzlerkanne im Einsatz.

Man achte auf die Kanne: Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt das Alfi-Produkt gerne in die Hand, um Gäste mit Kaffee zu versorgen - in diesem Fall (Archivbild vom Juli) die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer (links) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Foto: Kay Nietfeld, dpa

Das Gefäß ist freilich viel älter als Merkels Kabinett oder gar die Bundesrepublik. Es wurde heuer 100 Jahre alt und einst für den Einsatz in den US-Luxuszügen Pullman entworfen. Schon wegen dieser langen Geschichte dürfte sich die "Juwel" in vielen Haushalten als Teil der Tischkultur etabliert haben. Kanzler hin oder her.

Kein Wunder, dass die verchromte Messingkanne neben so gängigen Produkten wie dem Tempo-Taschentuch, dem Reclam-Heft, dem Zeppelin, der Aspirin-Tablette, dem Duden oder der Nivea-Creme als ein Klassiker der deutschen Wirtschaft und damit des deutschen Alltags gilt. So jedenfalls legt es die aktuelle Ausgabe des Nachschlagewerks "Deutsche Standards - Marken des Jahrhunderts" nahe. Dieser Wälzer mit 200 zum Teil schillernden Namen bringt alljährlich der "Zeit"-Verlag zusammen mit dem Verleger Florian Langenscheidt heraus.

Wer von Thermoskanne spricht, hat auch Recht

"Gib doch bitte mal die Thermoskanne rüber": Wer so im Alltag spricht, liegt bei der Kanzlerkanne nicht verkehrt. Denn seit 2014 gehört Alfi zu dem US-Unternehmen Thermos, das deutsche Wurzeln hat. Der Wechsel damals vom schwäbischen Haushaltswarenhersteller WMF zu Thermos fiel mit einem Jubiläum zusammen: Alfi feierte seine Gründung vor 100 Jahren.

Im heute thüringischen Teil der Rhön war es, als ein gewisser Carl Zitzmann im Mai 1914 eine Aluminiumwarenfabrik in Fischbach gründete. Aus den jeweils ersten beiden Buchstaben von Fabrik und Ort wurde "Alfi". In dem vom Basaltabbau geprägten Dorf blieb Zitzmann bis in die Nachkriegszeit. Als ihn die Sowjets enteigneten, zog er mit seiner Frau Sophie nach Wertheim. Dort baute er eine neue Fabrik auf.

"Überall dabei, wo es heiß hergeht."
Alfi-Geschäftsführer Bernhard Mittelmann über die Tatsache, dass die Kanzlerkanne für gewöhnlich vor Politikern aus vielen Ländern steht

Die Kanzlerkanne hat all die Wirren überlebt. Heute wird sie nach Firmenangaben pro Jahr in vier Varianten bis zu 100.000 Mal hergestellt. Millionen Exemplare seien mittlerweile im Umlauf, sagt Alfi-Geschäftsführer Bernhard Mittelmann.

Wie viele es genau sind, weiß der 53-Jährige nicht. Das Firmenarchiv sei gerade bei den Anfangsjahren zu dünn, um verlässliche Zahlen herzugeben. Sicher sei aber, dass die "Juwel" auch im britischen Königshaus, bei saudischen Scheichs, bei Superreichen in China, auf Kreuzfahrtschiffen sowie in Luxushotels in aller Welt stehe. In bis zu 90 Länder sei das Gefäß schon exportiert worden.

Wie die Kanne ins Kanzleramt kommt

Mittelmann zufolge geht hierzulande je die Hälfte der produzierten Kannen in die Hotellerie und in Privathaushalte. Über einen Berliner Fachhändler für Großküchenbedarf landete sie schließlich auch im Kanzleramt. Wann das zum ersten Mal der Fall war, weiß man bei Alfi nicht mehr. Auf jeden Fall aber schon zu Zeiten, als die Bundesregierung noch in Bonn ihren Sitz hatte.

Weil in Berlin die Kanne für Kaffee oder Tee durch viele Politikerhände geht, sei sie "überall dabei, wo es heiß hergeht", sagt Mittelmann schmunzelnd. Obwohl man gerade Kanzlerin Merkel häufig mit der Kanne hantieren sieht, hat Mittelmann noch keine Resonanz aus ihrem Haus bekommen. Unklar bleibt somit, ob Merkel überhaupt weiß, was genau sie da so oft in der Hand hält.

Eine Regierungssprecherin in Berlin teilte auf Anfrage lediglich mit, dass das Bundeskanzleramt bei der Beschaffung solcher Utensilien grundsätzlich "auf Qualität und Nachhaltigkeit" achte und "dass vorzugsweise deutsche Erzeugnisse zum Einsatz kommen". Die Historie der Geschäftsbeziehung zu Alfi lasse sich indes nicht rekonstruieren.

Nicht immer waren die Zeiten für Alfi rosig

Bis zu zehn Prozent seines Jahresumsatzes von zuletzt 23 Millionen Euro macht Alfi mit der Kanzlerkanne. Glorreich wie die Kanne waren die Zeiten für die Wertheimer freilich nicht immer. Vor genau einem Jahr wurden 80 der 180 Stellen gestrichen, damit sich das Unternehmen wieder aufs Kerngeschäft verschlankt. Produziert werde die Kanzlerkanne aber nach wie vor allein in Bestenheid, erzählt Mittelmann, der Alfi seit 2005 führt.

Das unscheinbare Werk direkt am Main sieht der Geschäftsführer auch als eine Art Hirn für guten Geschmack an. Denn Alfi arbeite für all seine Kannen, Isolierbecher und sonstigen Trinkgefäße mit zehn Designern zusammen. Heraus kam dabei unter anderem eine kugelförmige Isolierkanne als weiterer Alfi-Klassiker - und bis heute 70 Designpreise.

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