AUGSBURG

Baustelle Energiewende

Stromtrasse unter der Erde. In der Mitte sieht man die Leitungen, links davon den Arbeitsstreifen für Bagger und Maschinen. Auf beiden Seiten wird das Erdreich gelagert. Es handelt sich um eine Wechselstromleitung. Die Baustellen für die geplanten Gleichstromtrassen seien aber deutlich kleiner, betont man bei Amprion und beim Kabelhersteller ABB.
Stromtrasse unter der Erde. In der Mitte sieht man die Leitungen, links davon den Arbeitsstreifen für Bagger und Maschinen. Auf beiden Seiten wird das Erdreich gelagert. Es handelt sich um eine Wechselstromleitung. Die Baustellen für die geplanten Gleichstromtrassen seien aber deutlich kleiner, betont man bei Amprion und beim Kabelhersteller ABB. Foto: Amprion

Der Protest der Bürger hatte Erfolg. Die geplanten „Monstertrassen“ sind seit dem Energiegipfel im Kanzleramt Anfang Juli vom Tisch, sagen Politiker. Bei den geplanten Gleichstromtrassen sollen Erdkabel Vorrang erhalten. Wie aber sehen solche Erdkabel aus? Zuständig für den Bau der Gleichstrompassage Südost ist das Unternehmen Amprion. Dort kann Netzentwicklungschef Peter Barth bereits einen Eindruck davon geben, was es bedeutet, eine 600 bis 800 Kilometer lange Gleichstrom-Trasse zu bauen – auch, wenn es ein Projekt ähnlicher Größenordnung in Deutschland bisher nicht gab.

Denn die bekannten Stromleitungen über Land sind meist Wechselstromleitungen. Dabei kommt es über lange Entfernungen zu Verlusten an Energie. Anders beim Gleichstrom. Damit lassen sich große Energiemengen fast verlustfrei transportieren, sagt Amprion-Experte Barth. Die großen Trassen Suedlink und die Südost-Passage, die Windstrom von der Küste nach Bayern und Baden-Württemberg leiten sollen, werden deshalb als Gleichstromleitungen konzipiert.

Gleichstrom als Option

Ziel der Südost-Passage sollte erst Meitingen bei Augsburg sein, dann plante Amprion mit Gundremmingen. Jetzt soll ein Endpunkt bei Landshut geprüft werden. Immer dort, wo große Mengen Strom über weitere Stecken transportiert werden, ist Gleichstrom schon heute eine Option. Beispielsweise bei den Stromleitungen durch Nord- und Ostsee, die Skandinavien anbinden. Auch große Windparks auf See werden mit Gleichstromkabeln angeschlossen. Und doch gibt es große Unterschiede zwischen Seekabeln und den Trassen an Land. Denn die Kabel sind schwer. Über See lassen sie sich noch recht einfach verlegen, erklärt Barth. Die Kabel werden nahe der Küste hergestellt, auf eine Spule gewickelt, auf ein Schiff verladen - und dann von Deck ins Meer gelassen. Auf eine Spule können gut hundert Kilometer Kabel passen. Erst dann muss ein neues Kabelstück angeschlossen werden, sagt Barth.

Schwere Erdkabel

100 Kilometer lange Kabelstücke lassen sich wegen des hohen Gewichts aber nicht auf dem Landweg transportieren. Erdkabel müssen, um sie auf Lastwagen über Straßen und Brücken zur Baustelle fahren zu können, in deutlich kürzere Stücke von einem Kilometer Länge aufgeteilt werden. Selbst moderne Systeme wiegen nach Angaben von ABB, einem der Hersteller von Erdkabeln, aber immer noch 50 Tonnen pro Kilometer. Der Kern der Kabel ist aus Kupfer oder Aluminium - ummantelt von sehr reinem Kunststoff. Mit dem, was wir landläufig als „Kabel“ kennen, sind die Gleichstromkabel nicht zu vergleichen. Amprion geht von rund 16 Zentimetern Dicke aus - vergleichbar mit dem Durchmesser einer Untertasse. ABB spricht von nur 13 bis 14 Zentimetern - vergleichbar mit einer CD. Die Dicke könne variieren, da die Leitungen speziell für jeden Einsatz designt werden. Wie sieht aber eine Baustelle für solch ein Erdkabel aus? Bei Amprion zeichnet man folgendes Bild: Verlegt werden die Erdkabel zum Beispiel im Ackerboden - in rund 1,80 bis zwei Metern Tiefe. Über die Kabel kommt zunächst Erde, dann Schutzplatten, damit die Leitung bei späteren Erdarbeiten nicht ungewollt beschädigt wird. Über diesen Platten liegen mindestens 1,40 Meter Boden. Die Kabel sind damit unerreichbar für einen Pflug. „Damit wird die Landwirtschaft nicht beeinträchtigt“, sagt Amprion-Experte Barth. Eine Trasse könne aus mehreren Kabeln bestehen: zum Beispiel zwei Kabel für den Pluspol, zwei für den Minuspol und vier dünnere Kabel für die Nullspannung. Die Kabel könnten in die Erde oder in einem Leerrohr verlegt werden. Fließt dann Strom, geben die Kabel Wärme ab.

Dies beobachtet derzeit der Bayerische Bauernverband kritisch. „Die Erdverkabelung führt zu einer Erwärmung des Bodens“, warnte er nach dem Energiegipfel. „Es ist mit einer erhöhten Verdunstungs- und Austrocknungsrate in einem rund 20 bis 30 Meter breiten Schutzstreifen zu rechnen.“ So könnten sich „erhebliche Produktionseinbußen“ ergeben. Der Verband fordert, dass Erdkabel „die Ausnahme bleiben“ und nur mit Zustimmung des Grundstückseigentümers realisiert werden.

Kritik von Bayerns Bauern

Um die Leitfähigkeit der Erde zu verbessern und die Wärme abzuführen, kann dem Boden Kalk oder Ton beigemischt werden, erklärt Amprion-Experte Barth. „Flüssigboden“ nennt sich das Gemisch. Dieser Boden bleibe wasserdurchlässig, die Wärmeentwicklung sei an der Oberfläche nicht mehr bemerkbar. Barth tritt zudem Ängsten der Landwirte entgegen, dass durch den Bau die Zusammensetzung ihres Bodens zerstört wird. Denn Schicht für Schicht werde separat abgetragen und separat gelagert – und komme später in der richtigen Reihenfolge zurück in die Baugrube. „Die Erdverhältnisse werden genau so wieder hergestellt, wie sie vorher waren“, verspricht Barth. Denn ein Eingriff in die Landschaft werden die Baustellen zunächst sein. Dies zeigt sich auf einer Amprion-Baustelle bei Raesfeld im Münsterland. Dort handelt es sich allerdings um eine Wechselstromleitung. Hier sind die Eingriffe deutlich größer als bei Gleichstromleitungen. Der gesamte Arbeitsstreifen für Bagger, Lastwagen und den Aushub hatte eine Breite von 42 Metern. Die Trassenbreite bei Gleichstrom fällt deutlich kleiner aus, betont man bei Amprion. Der Kabelhersteller ABB zum Beispiel stellte kürzlich eine Neuentwicklung vor. Statt vier, bräuchte man nur noch zwei Kabel für eine Zwei-Gigawatt-Trasse. „Damit halbiert sich die Trassenbreite“, berichtete ABB-Fachmann Raphael Görner. Breite der Baustelle dann: nur noch rund zwanzig Meter.

Für Waldgebiete sind die Erdkabel aus der Sicht von Amprion trotzdem nur bedingt geeignet. „Dann müsste man eine Schneise freilassen, um später bei möglichen Störungen schnell an das Kabel zu kommen“, sagt Netz-Experte Barth. Dafür hat das Kabel viele Vorteile: Sind die Bagger abgezogen, sieht man von der Trasse nichts mehr. Auf einem Acker können laut Amprion wieder Kartoffeln, Weizen oder Ähnliches wachsen. Ein Kritikpunkt an den „Monstertrassen“ war auch, dass sich Teilchen der Luft aufladen. „Solche Ionenwolken treten bei Erdkabel nicht auf“, sagt Amprion-Sprecher Jörg Weber.

Erdkabel sind teuer

Bleibt die Kostenfrage. Die Erdarbeiten machen Erdkabel teurer. Bei Fels kommen eventuell Sprengungen dazu. Noch schwieriger wird es, wenn die Trasse Autobahnen oder Zugstrecken kreuzt. Amprion-Experte Barth rechnet damit, dass der Bau im Vergleich zu Freileitungen drei- bis sechsmal so teuer ist – im Extremfall bis zu achtmal.

„Wir werden aber nicht die Gesamtstrecke verkabeln – auch der Preis für die Konverterstationen am Anfang und Ende der Trasse bleibt gleich“, sagt Barth. Das Gesamtprojekt könnte bei einer angemessenen Erdverkabelung deshalb nur um 25 bis 30 Prozent im Preis steigen. Bei einer Vollverkabelung der 600 bis 800 Kilometer allerdings käme man auf acht Milliarden Euro Trassenkosten, wie sie für die Suedlink-Leitung im Gespräch waren.

„Die Erdverhältnisse werden so wieder hergestellt, wie sie vorher waren.“
Peter Barth, Netzentwicklungschef Amprion

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