OBERTHULBA

Beispiel Metallbau Söder: So läuft Handwerk 4.0

Wenn Edwin Schmitt bei Metallbau Söder die Gehrungssäge anwirft, steuert sich die Maschine selbst: Alle relevanten Daten wurden via Glasfaserkabel vom Büro in die Werkstatt übermittelt. Foto: Anand Anders

Roboter in der Autowerkstatt, Computer in der Schreinerei – das ist alles längst Alltag. Dennoch ist die Digitalisierung im Handwerk noch nicht so massiv angekommen wie etwa in der Industrie. Zumindest, wenn man die Digitalisierung im engeren und damit im korrekten Sinne meint: viele Daten erfassen, viele Daten klug auswerten, alles im Betrieb miteinander vernetzen.

Wenn man diese Messlatte anlegt, dann wird die Luft beim Handwerk 4.0 schon dünner. Einer der Betriebe in Mainfranken, die die Digitalisierung auffallend streng und konsequent leben, ist Metallbau Söder in Oberthulba (Lkr. Bad Kissingen).

Betrieb klein, Digitalisierung groß

Das auf Fenster, Türen und Wintergärten spezialisierte Unternehmen ist ein Beispiel dafür, dass Digitalisierung nicht allein eine Sache von Großbetrieben sein muss: Bei Söder arbeiten 20 Menschen, der Jahresumsatz pendelt zwischen 1,6 und 1,9 Millionen Euro.

Eine überschaubare Adresse also, wo allerdings Geschäftsführerin Vera Söder die Durchdigitalisierung bis ins letzte Eck für sich zur großen Nummer gemacht hat. Erkennbar wird das beispielsweise in der Werkstatt, kaum größer als eine Turnhalle. Dort stehen herkömmliche Sägen, Stanzapparate und sonstige Maschinen. Wenn Mitarbeiter Edwin Schmitt aber die Gehrungssäge anwirft, dann wird die Sache mit der Digitalisierung klar.

Daten kommen via Glasfaserkabel

Denn alle für das Sägen wichtigen Daten liegen der Maschine digital vor, übermittelt via Glasfaserkabel aus dem Büro gegenüber. Das Datenpaket nimmt seinen Anfang in dem Moment, wenn ein Söder-Mitarbeiter auf der Baustelle zum Beispiel die Maße eines Fensters aufnimmt. Die Daten können im Betrieb per Bluetooth direkt an die Maschinen geschickt werden.

Name und Anschrift des Kunden, alle gemachten oder noch notwendigen Handgriffe, sämtliche Maße und Pläne, alle erforderlichen Einzelteile – das Datenpaket ist von den Mitarbeitern bei allen Arbeitsschritten abrufbar. Die Verwaltung des Betriebes wiederum nutzt es, um zum Beispiel die Rechnungen zu erstellen oder das Materiallager zu verwalten.

Das Ziel ist: papierloser Betrieb

Schon aus diesem Grund haben die Söder-Monteure stets Tablets dabei. Zettel, Lieferscheine und ähnliches sind selten: Vera Söder strebt ein papierloses Unternehmen an. Für die Verwaltung zum Beispiel heißt das: „Wir schreiben keine Briefe mehr, wir diktieren sie.“ Söder arbeitet dafür mit Programmen, die Gesprochenes in Schrift umsetzen. Tippen ist Vergangenheit. Die 48 Jahre alte Chefin hat ausgerechnet, dass ihre fünf Büro-Angestellten auf diese Weise pro Woche 30 Arbeitsstunden sparen.

Aufträge sind schneller unterwegs

Mehr Arbeit in kürzerer Zeit erledigen: Das hat Söder erst neulich wieder erlebt. Da war die gelernte Bau-Ingenieurin einen Tag lang bei drei Kunden in Süddeutschland. Die Maße und sonstigen Auftragsdaten nahm sie mit ihrem Tablet auf, wo sie mit Hilfe einer App auch handschriftliche Notizen zu den Plänen und Fotos machen kann. Noch von der Baustelle aus schickte sie die Datenpakete ins Büro nach Oberthulba.

Dort konnten dann sofort alle weiteren Schritte wie zum Beispiel Materialbestellungen oder Abgleich mit dem Lager angeleiert werden. Ohne die digitalen Helfer habe das alles früher wesentlich länger gedauert, ist sich Söder sicher.

Was Söder für die Digitalisierung investiert

Hinter der Digitalisierung vom Ausmessen bis zur Rechnung steckt freilich ein gehöriger Aufwand: Allein 2000 Euro zahlt Söder jeden Monat an Lizenzgebühren für die Software. Bis zu acht Programme müssen mit Live-Schnittstellen verbunden sein, damit das Hin und Her der Daten im Betrieb reibungslos läuft.

Mehr noch: Alle Lehrlinge bekommen zu Beginn erst mal eine zweitägige Schulung im Betrieb, um allein die Kalkulationssoftware zu beherrschen. Später werden sie dann an den Maschinen noch eigens in die dortige Software eingewiesen.

Neue Programme für alte Maschinen

10 000 Euro stecke sie pro Jahr in die Erweiterung und Ertüchtigung des digitalen Innenlebens ihres Unternehmens, erzählt Vera Söder. Dafür arbeite sie seit Jahren mit zwei Fachfirmen zusammen. Besondere Herausforderung: Die Programme mussten zum großen Teil auf alte Maschinen aufgesetzt werden. Söders Maxime von Anfang an: „Wir müssen alles miteinander vernetzen.“

Der Ehrgeiz der 48-Jährigen fußt auf einer Grundsatzfrage: „Wie zukunftsfähig ist mein Betrieb?“ Die Digitalisierung sei auch im Handwerk überlebenswichtig für Firmen – mit Blick auf die Arbeitsabläufe und mit Blick auf die Attraktivität als Arbeitgeber, meint die Unternehmerin.

Erst mal Kritik aus der Belegschaft

Damit erntete sie in ihrer Belegschaft nicht immer Zustimmung. Mitarbeiter Edwin Schmitt an der Gehrungssäge zum Beispiel sei ihr schärfster Kritiker gewesen, als sie vor fünf Jahren die Firma von ihrem Vater übernahm und gleich mal gut 200 000 Euro in die Digitalisierung steckte.

Mittlerweile ist der 62-jährige Schmitt – er ist seit 48 Jahren bei Söder beschäftigt – überzeugt, dass der effektive Umgang mit Daten „eine Erleichterung ist“. Schon deshalb, weil die Maschinen nun genauer arbeiteten. Chefin Söder sieht einen weiteren Vorteil: „Wir schaffen mit relativ wenigen Leuten jetzt viel mehr weg.“

Unsere Serie „Arbeitswelten der Zukunft“ zeigt anhand vieler Beispiele aus der Region, wie sich die Digitalisierung auf Berufe und Unternehmen ausgewirkt hat – oder noch auswirken wird.


Digitalisierung im Handwerk

Die Handwerkskammern (HWK) in Unterfranken und Schwaben (Augsburg) haben vor einem Jahr ein bundesweit einmaliges Projekt ins Leben gerufen, um die Digitalisierung im Handwerk voranzubringen. Dazu wird unter anderem am HWK-Bildungszentrum in Schweinfurt der Einsatz von Robotern in der Metalltechnik erforscht. Mit im Boot sind das Zentrum für Telematik sowie das Technologie- und Gründerzentrum (beide Würzburg). Das Projekt der Kammern in Würzburg und Augsburg ist auf drei Jahre angelegt.

In diesem Zusammenhang hat die HWK Schwaben ermittelt, dass es im Handwerk „starke Unterschiede“ bei der Digitalisierung gebe. Sie hänge stark vom Gewerk ab. So seien Berufe im Gesundheitsbereich wie Zahntechniker oder Orthopädietechniker schon sehr weit. Am meisten Luft nach oben hat demnach die Baubranche.

Digitalisierung auf dem Bau: Hier wird das Building Information Modeling (BIM) immer wichtiger. Dabei handelt es sich um digitale 3D-Modelle von geplanten Gebäuden, die ein Architekt erstellt. Die am Bau beteiligten Handwerksbetriebe sehen so alle relevanten Daten des Gebäudes und können sämtliche Details ihrer Arbeiten dort eintragen. Auch Änderungen werden erfasst und sind für alle Beteiligten sofort abrufbar. (aug)

Papier war einmal: Die Söder-Mitarbeiter Michael Caspari (links) und Florian Bartz arbeiten auf den Baustellen vor allem... Foto: Anand Anders
Solche selbst erzeugten Barcodes auf den Einzelteilen helfen bei der Steuerung der Produktion. Foto: Anand Anders

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