Schweinfurt

Beispiel ZF: Wie die Wirtschaft auf die Europawahl schaut

Europa ist auch für die Wirtschaft wichtig (Symbolbild). Dementsprechend schauen Unternehmen hierzulande offenbar genau auf den Ausgang der Wahl am Sonntag. Foto: Peter Steffen, dpa

Die Europawahl an diesem Sonntag ist kein rein politisches Thema. Denn sie bewegt auch die Wirtschaft. Das Beispiel der ZF Friedrichshafen AG zeigt, dass Unternehmen genau verfolgen, wer in der EU künftig das Sagen hat.

Kai Lücke (42) ist seit Oktober 2018 bei ZF für die Außenbeziehungen verantwortlich. Mit Büros in Berlin und Brüssel will der Automobilzulieferer den Kontakt zu den Mächtigen halten. ZF macht nach eigenen Angaben 47 Prozent seines Umsatzes in Europa. 57 Prozent der Belegschaft sind in europäischen Niederlassungen beschäftigt. Mit knapp 10 000 Mitarbeitern ist ZF in Schweinfurt der größte kommerzielle Arbeitgeber in Mainfranken. In Schweinfurt hat die ZF-Division Elektromobilität ihren Sitz.

Um die Bedeutung der Europawahl zu unterstreichen, hat ZF-Vorstandsvorsitzender Wolf-Henning Scheider vor wenigen Tagen konzernintern einen Aufruf an die Belegschaft veröffentlicht, am Sonntag zur Wahl zu gehen.

Für den Chef der Außenbeziehungen von ZF, Kai Lücke, hat die Europawahl auch große wirtschaftliche Bedeutung. Foto: Felix Kaestle/ZF

Frage: Herr Lücke, was wäre für ein international ausgerichtetes Unternehmen wie ZF der schlimmste Ausgang der Europawahl?

Kai Lücke: Unser Ziel ist nicht, uns zu einem bestimmten Wahlausgang zu positionieren. Der Aufruf von ZF ist dadurch motiviert, dass wir sagen: Europa ist wichtig. Wichtig für das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. Und wichtig für das tägliche Arbeiten in Unternehmen wie ZF. Deshalb war es uns ein Anliegen, der Belegschaft zu sagen: Geht wählen.

Was hat ein kommerziell ausgerichtetes Unternehmen davon, die Mitarbeiter zur Wahl aufzurufen? Könnte Ihnen ja auch egal sein.

Lücke: Es geht um gesellschaftliche Verantwortung und darum, ein klares Statement abzugeben, wie wichtig Europa ist. Es geht uns nicht darum zu sagen: Wählt Partei A, B oder C.

Angenommen, das Wahlergebnis fällt in irgendeiner Weise extrem aus. Wie wird ZF dann zum Beispiel am Standort Schweinfurt reagieren? Was wird man dort von einem solchen Wahlausgang spüren?

Lücke: Es geht uns nicht darum vorherzusagen, was die Auswirkung einer bestimmten Wahlentscheidung sein wird. Europa an sich ist wichtig, das ist die Botschaft – auch für einen Standort wie Schweinfurt oder all die anderen Standorte, die wir haben. Das möchte ich aber nicht festmachen an Partei A oder B. Wir haben in Europa einheitliche Regeln, einen Standard für 28 Länder. Das macht unsere Standorte wettbewerbsfähig – auch im internationalen Vergleich. Natürlich ließe es uns nicht kalt, wenn Extreme die Wahl bestimmten. Auch für die tägliche Arbeit unserer Politikabteilung gilt beispielsweise: Eine Zusammenarbeit mit rassistischen oder antidemokratischen Parteien lehnen wir ab.

Spannender ist die Frage: Wie reagiert ZF, sollten extreme Parteien nach der Europawahl oben schwimmen?

Lücke: Wir haben keine Task Force für solche Ergebnisse eingerichtet. Wir rechnen auch nicht damit, dass die laut Umfragen mögliche Stärkung der politischen Ränder dazu führt, dass die EU-Institutionen handlungsunfähig werden. Das wäre auch für ein Industrieunternehmen wie unseres hochproblematisch. Aber wie gesagt: Wir erwarten das nicht.

Werden Sie den Wahlausgang in jenen Ländern besonders beobachten, in denen ZF vertreten ist? Stichwort: Italien mit seinen Rechtspopulisten. Oder Großbritannien mit dem Brexit.

Lücke: Brexit ist ein passendes Stichwort. Denn er zeigt genau die Bedeutung von Europa für unsere Standorte und Lieferketten. In der Autoindustrie gehen Teile mehrfach hin und her über innereuropäische Grenzen, die wirtschaftlich ja keine Grenzen mehr sind. Dass der Brexit vermeintlich bevorsteht und gegebenenfalls Zollschranken oder Zollkontrollen eingeführt werden, kann diesen integrierten Lieferketten massiv schaden. Insofern ist der Brexit das beste Beispiel, um die Bedeutung von Europa für ein Wirtschaftsunternehmen wie ZF deutlich zu machen.

Haben Sie in den Schubladen Alarmpläne mit Blick auf den Brexit? Oder für den Fall, dass zum Beispiel die Rechten den Wahlausgang dominieren werden?

Lücke: Beim Brexit möchte ich das nicht Alarmplan nennen. Aber natürlich gibt es Teams, die sich sich mit Handlungsoptionen beschäftigen. Nehmen Sie es ganz praktisch: Wenn man etwas gegenüber dem Zoll deklarieren muss, muss man sich darauf vorbereiten. Insofern: Ja, da laufen Aktivitäten, um sich auf verschiedene Szenarien einzustellen. Für einzelne Parteiergebnisse bei der Wahl gibt es solche Pläne nicht.

Nach Wahlen ist es üblich, dass Unternehmen und Interessensverbände an die Türen der neuen Machthaber klopfen, um ihre Positionen anzubringen. Was genau wird ZF nach der Wahl machen?

Lücke: Wir haben ein Büro in Brüssel und wollen mit den neu gewählten Verantwortungsträgern in Europa in einen Austausch treten. Denn viele Regeln zu Verkehrssicherheit und CO2-Minderung im Automobilsektor werden auf EU-Ebene gesetzt. Insofern schauen wir uns natürlich an, welche Volksvertreter aus welchen Regionen im Parlament sitzen.

Schweinfurt ist für ZF eine zentrale Niederlassung, was die Elektromobilität angeht. Wäre da nicht ein Wahlsieg gerade der Grünen für Ihr Unternehmen zu begrüßen?

Lücke: Wir sprechen natürlich auch mit den Grünen zu diesem Thema – ebenso wie mit den anderen Parteien. Wir finden für unseren Ansatz – und gerade für unsere Argumentation für den Plug-in-Hybrid – in allen Parteien durchaus Unterstützung. Eines unserer Hauptargumente ist, dass gerade durch den Plug-in-Hybrid (Anm. der Red.: Autos, die sowohl mit Verbrennungsmotor als auch mit Elektroantrieb fahren können) die Marktdurchdringung der Elektrifizierung gelingen kann. Warum? Weil mit nur einem Auto alle Mobilitätsbedürfnisse abgedeckt werden können: rein elektrisches Fahren innerorts in Kombination mit Langstreckentauglichkeit für den Ausflug am Wochenende oder die Urlaubsfahrt.

Was muss nach der Wahl in der EU-Politik passieren, damit die Elektromobilität vorankommt – auch mit Blick auf den ZF-Standort Schweinfurt?

Lücke: Das ist eine spannende Frage. Die EU hat vor wenigen Monaten die CO2-Regulierung verabschiedet – sowohl für Pkw als auch für Lkw. Da werden sehr ambitionierte Ziele gesetzt, die auch die Elektrifizierung deutlich pushen werden. Für uns ist wichtig, dass wir uns auf den sogenannten Review, also einer Überprüfung dieser Regulierung 2022/2023, vorbereiten. Da wird sich die EU anschauen, ob denn die CO2-Emissionen einzelner Antriebsarten korrekt bewertet werden. Heute wird nur am Auspuff gemessen. Das greift zu kurz. Eine Betrachtung der kompletten Ökobilanz verschiedener Antriebsarten wäre klimapolitisch sinnvoller.

An diesem Sonntag wird unsere Redaktion die Europawahl sehr genau verfolgen - auch mit Blick auf Resultate, Besonderheiten und Reaktionen in Mainfranken. Den Liveticker finden Sie am Sonntagnachmittag auf www.mainpost.de sowie in unserem großen Extra unter www.mainpost.de/europawahl

Wirtschaft und Europa(wahl)
Für mehr als zwei Drittel aller Unternehmen in Deutschland ist die Europäische Union besser als ihr Ruf: Darauf weist die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt hin und beruft sich dabei auf eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages vom April. In erster Linie der Euro sowie der gemeinsame Binnenmarkt werden demnach als Garanten für Stabilität gesehen.
Vor diesem Hintergrund hat IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Jahn die Wirtschaftstreibenden zum Urnengang am Sonntag aufgerufen. "Die Europawahl ist ein Pflichttermin für alle Demokraten, auch für alle Unternehmer. Wir haben es in der Hand, dass im künftigen Europaparlament Politiker sitzen, die die Herausforderungen und Belange des bayerischen Mittelstandes kennen", betonte Jahn gegenüber dieser Redaktion.

Rückblick

  1. Das Personalkarussel in Brüssel dreht sich
  2. Warum Schwarz-Rot nicht mehr bei jungen Wählern ankommt
  3. Rasanter Zuwachs in Unterfranken: Warum die Grünen so boomen
  4. Wie die Volksparteien die Jugend verlieren
  5. Europawahl: Wo die AfD nur drei Stimmen holte
  6. Grüne Bilanz: "Schöner Wahlkampf, tolles Ergebnis"
  7. Kommentar:Der Auftrag der Bürger lautet: Macht eure Arbeit!
  8. Welche Würzburger von etablierten Parteien enttäuscht sind
  9. Europawahl: Wie eine Wahlbeteiligung von 78 Prozent gelingt
  10. Europawahl: Für Christian Staat hat es nicht gereicht
  11. Der europäische Gedanke liegt vorne
  12. Standpunkt: Eine gute Wahlbeteiligung stärkt Europa
  13. Was der grüne Erfolg für die Zukunft bedeutet und was nicht
  14. Landkreis Bad Kissingen: Die Grünen sind jetzt zweite Kraft
  15. Europawahl: SPD verliert im Landkreis Würzburg deutlich
  16. Platz eins: Grüne fahren in Würzburg den nächsten Erfolg ein
  17. Unterfranken im EU-Parlament: Westphal draußen, Staat hofft noch
  18. Drei Gewinner und drei Verlierer der Europawahl
  19. Alles, was Sie zur Europawahl wissen müssen
  20. Auch Main-Spessarts Grüne auf der Überholspur
  21. "Weil uns Europa nicht egal ist"
  22. Der Sieger heißt Europa
  23. Europawahl: Blaues Auge für die CSU -Grüne großer Gewinner
  24. Europawahl-Kommentar: Die Jugend krempelt das Parteiensystem um
  25. Krumme Gurken: Die EU hat drängendere Probleme
  26. So lief die Europawahl
  27. 24 Stunden mit der EU: Wie Europa unseren Tag begleitet
  28. Europawahl: Wie die Linken in Würzburg um Stimmen kämpfen
  29. Von A bis Z ohne Y: Schnellkurs Europa
  30. Nichtwähler haben kein Recht zum Nörgeln
  31. Europa ist nicht nur ein bisschen Frieden
  32. Warum Grünen-Chef Robert Habeck die Kanzlerfrage nervt
  33. Europastadt Röttingen – auf dem Papier, oder auch im Herzen?
  34. Mein Europa: voller Liebe, Frieden und Kinder
  35. Was Würzburgs Schüler über Europa denken
  36. Nirgendwo in Deutschland so viele Briefwähler wie in Würzburg
  37. Beispiel ZF: Wie die Wirtschaft auf die Europawahl schaut
  38. Was bringt uns Europa? Acht Beispiele aus Main-Spessart
  39. Europawahl 2019: So funktioniert das Wahlsystem
  40. Was tut die EU für die Region Würzburg?
  41. Quiz zur Europawahl 2019: Nichts als krumme Gurken bei der EU?
  42. Verschenkte Stimmen: Eine Generation geht nicht wählen
  43. Kurz vor der Wahl: So schauen junge Unterfranken auf Europa
  44. Europawahl: Warum kleine Parteien bessere Chancen haben
  45. CSU-Mann Christian Staat: Von Büchold nach Brüssel
  46. Das steckt hinter der Kunstaktion vor dem Würzburger Dom
  47. Kern der EU: Sie überwindet Hürden und sorgt für Frieden
  48. Ska Keller:„Je später wir reagieren, je unschöner wird es"
  49. EU in der Schule: Ein Stuhlkreis für Europa
  50. EU-Briefwahlunterlagen kommen mit Verzögerung

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Jürgen Haug-Peichl
  • Arbeitgeber
  • Auto
  • Autobranche
  • Brexit
  • Deutsche Industrie
  • Elektroautos
  • Europawahl
  • Europawahlen
  • Europäische Union
  • Europäisches Parlament
  • IHK Würzburg-Schweinfurt
  • Verkehrssicherheit
  • ZF Friedrichshafen AG
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!